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Emotionen: Ärger macht zu Unrecht verdächtig

Wenn jemand eine Anschuldigung wütend zurückweist, wird das häufig als Zeichen seiner Schuld gewertet. Ein Fehlschluss, denn Ärger ist eigentlich eher ein Zeichen für Unschuld.
Ein Paar streitet: Sie klagt an, er schreit zurück

Stellen Sie sich vor, Sie sollen bei der Aufklärung eines Diebstahls helfen. In einer Firma wurden Computer gestohlen, und nur drei Personen hatten die Gelegenheit dazu. Alle streiten die Tat ab, aber ein Verdächtiger reagiert ruhig, der zweite empört, und der dritte sagt nichts weiter dazu. Wer ist wohl am wahrscheinlichsten der Täter?

Das wollten Forscherinnen aus den USA und Kanada unter anderem von professionellen Ermittlern wissen. Mit sechs Experimenten und fast 5000 Versuchspersonen haben Katherine DeCelles von der University of Toronto und ihre Kolleginnen untersucht, wie die Reaktionen von Verdächtigen bei Beobachtern ankommen. Die Ergebnisse waren stets die gleichen: Wer Ruhe bewahrte, machte sich am wenigsten verdächtig. Schweigen war aber keine Lösung, wie eine fiktive Gerichtsverhandlung zeigte: Verweigerte der Angeklagte die Aussage, wirkte er am schuldigsten.

Reden ist also besser – nur eben nicht aufregen. Je verärgerter die Beschuldigten, desto eher schienen sie schuldig. So war es, als die Forscherinnen Aufnahmen aus einer realen Fernsehshow (»Judge Faith«) vorspielten, in denen wahre Fälle verhandelt werden. Und so war es auch angesichts eines fiktiven Szenarios, in dem eine Frau ihrem Partner unterstellte, eine Affäre zu haben. Reagierte er darauf sauer, machte er sich in den Augen der Versuchspersonen verdächtiger, als wenn er gelassen blieb.

Doch das ist ein Irrtum, wie Katherine DeCelles und ihre Kolleginnen mit zwei weiteren Studien demonstrierten. Ihre Versuchspersonen sollten sich entweder an eine Situation erinnern, in der sie zu Recht beschuldigt wurden, oder an einen Vorwurf, der nicht zutraf. Waren sie unschuldig, ärgerten sich die Leute mehr über den Vorwurf (3,6 von 5 Punkten), als wenn er berechtigt war (2,6), und sie zeigten ihren Ärger auch stärker (3,1 versus 2,3 Punkte). Das galt gleichermaßen für schwere Anschuldigungen, etwa eine Affäre zu haben, und für triviale Vorfälle, wie unerlaubt das Essen eines Mitbewohners genommen zu haben.

Ärger ist kein Indiz für Schuld

Zu einem ähnlichen Ergebnis kam ein letztes Experiment der Autorinnen in einem Labor der Universität. Ihre Versuchspersonen bekamen entweder eine sehr schwere Aufgabe, die fast niemand meisterte, oder eine leichte Aufgabe, die von den meisten richtig gelöst wurde. In beiden Fällen wurde ihnen danach vorgehalten, sie hätten nicht aufgepasst und Fehler gemacht; der versprochene Bonus werde deshalb nicht ausgezahlt. Wie von den Forscherinnen geplant, ärgerten sich die Versuchspersonen über den Vorwurf nach der leichten Aufgabe mehr als nach der schweren Aufgabe, an der die meisten tatsächlich gescheitert waren.

»Unsere Befunde bedeuten nicht, dass falsch Beschuldigte grundsätzlich wütender sind als Schuldige«, warnen Katherine DeCelles und ihre Kolleginnen. Doch oft würden sich die Beobachter irren: Sie schlössen von Ärger auf Schuld, obwohl Ärger eher auf Unschuld hindeute. Ein Grund dafür sei, dass verärgerte Menschen weniger Vertrauen einflößen. Ihre Befunde sehen die Autorinnen in Einklang mit denen der Lügenforschung: »Laien ebenso wie professionelle Ermittler ziehen falsche Indizien heran, wenn sie die Glaubwürdigkeit von Verdächtigen beurteilen.«

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