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Ende der Pandemie: Wie es nach der Krise weitergeht

Einiges deutet auf ein baldiges Ende der Corona-Pandemie hin. Doch der Übergang zur Normalität wird mühsam - selbst ohne neue Virusvarianten. Viele Fragen sind noch offen. Nicht zuletzt auch: Was lernen wir aus der Pandemie?
Cafe in Berlin mit vielen Menschen ohne Maske.

Das Ende der Pandemie ist absehbar – aber niemand weiß genau, wie es aussehen wird. Die pandemische Dynamik, also die Ausbreitung in eine noch nicht mit dem Virus in Kontakt gekommene Bevölkerung, lässt durch Impfungen und frühere Infektionen zwangsläufig nach. Was danach kommt und wie lange die Übergangsphase dauert, hängt von vielen Faktoren ab: vom Virus selbst, aber ebenso von Medizin und Gesellschaft.

Im Moment jedenfalls fühlt es sich für viele nicht so an, als nähere sich die Krise dem Ende. Die neue Omikron-Variante zeigt, dass das Virus immer wieder Wege findet, eine vorhandene Immunität zu unterlaufen. Wie schlimm die Welle wird, kann derzeit niemand sagen. Doch es gibt auch Grund zum Optimismus: Die Situation ist nun eine andere als zu Beginn der Pandemie. »Was sich grundsätzlich ändert, ist, dass wir nicht mehr diese komplett immunnaive Bevölkerung haben«, sagt Isabella Eckerle, Virologin an den Universitätskliniken in Genf. »Ich denke, das wird in Zukunft den Unterschied machen.«

Daten aus mehreren Ländern erlauben inzwischen einen Blick auf diese neue Realität. In Ländern wie Großbritannien oder Dänemark zum Beispiel steht den vielen Neuinfektionen nur ein vergleichsweise moderater Anstieg von Hospitalisierungen und Todesfällen gegenüber. Impfungen und vorherige Infektionen bieten auch bei der neuen, stark veränderten Variante einen effektiven Schutz vor den schwersten Verläufen von Covid-19.

Je weiter sich dieser Schutz in der Bevölkerung aufbaut, desto mehr wandelt sich Sars-CoV-2 von einer akuten Krise zu einer weiteren Infektionskrankheit. »Ich würde vermuten, dass wir in den Ländern mit hoher Impfquote jetzt schon so eine Art Übergangsphase haben, nach der sich so ein gewisser stabiler Zustand einstellt«, sagt Eckerle.

Auch endemische Viren sind nicht harmlos

Das bedeutet, dass Sars-CoV-2 als akute Bedrohung für die ganze Bevölkerung nach und nach in den Hintergrund tritt. Hinzu kommt, dass nun mit Molnupiravir und Paxlovid die ersten Medikamente verfügbar sind, die das Virus gezielt bekämpfen. Weitere Wirkstoffe befinden sich derzeit in klinischen Studien – sie dürften dazu beitragen, dass Covid-19 seinen Schrecken auch für Risikogruppen verliert.

»Dass das Virus endemisch wird, sagt nichts über die Krankheitslast oder die Schäden in der Gesellschaft aus«(Isabella Eckerle)

Doch während klar ist, dass die pandemische Dynamik nachlässt und sich eine Art Gleichgewicht einstellt, ist noch sehr unklar, was das bedeutet. »Das Virus wird nicht mehr verschwinden, ich glaube, da ist man sich einig«, sagt Eckerle. Sie rechnet wie die meisten Fachleute damit, dass Sars-CoV-2 endemisch wird und sich unter den bereits zirkulierenden Erregern einreiht. Doch auch endemische Viren können eine überraschende und schwer vorhersehbare Dynamik entfalten. Nach allem, was wir wissen, könnten im Jahr 2030 in Deutschland hunderttausende Menschen an Covid-19 erkranken – oder wenige tausend.

Das Ende der Pandemie löse nicht die Probleme mit dem Virus, warnt Eckerle deshalb. »Dass das Virus endemisch wird, bezieht sich auf die epidemiologische Dynamik und sagt nichts über die Krankheitslast aus oder die Schäden in der Gesellschaft, die das Virus verursacht.« Die oft geäußerte Vermutung, dass ein neues Virus wie Sars-CoV-2 von Natur aus im Lauf der Zeit zu immer harmloseren Varianten evolviert, ist jedenfalls ein Irrtum – das zeigen diverse lange bekannte, aber trotzdem gefährliche Infektionskrankheiten. Nicht zuletzt die Grippe, deren zum Teil seit Jahrzehnten zirkulierende Subtypen immer noch jedes Jahr tausende Menschen töten.

Allerdings gibt es auch das andere Ende des Spektrums: milde Infektionen, die man im Leben dutzendfach durchmacht, ohne darüber viel nachzudenken. Zu diesen gehören – das ist die gute Nachricht – auch bisher alle permanent unter Menschen zirkulierenden Coronaviren. Die schlechte Nachricht lautet: Damit ist keineswegs sicher, dass auch Sars-CoV-2 am Ende der Pandemie diesen Weg geht, im Gegenteil.

Viele Probleme bleiben auch nach dem Ende der Pandemie

Wahrscheinlicher ist, dass Sars-CoV-2 schlicht aggressiver ist und immer sein wird. Bisher jedenfalls deutet viel darauf hin, dass die Krankheit auch nach der Pandemie deutlich gefährlicher bleibt als von den etablierten Coronaviren ausgelöste Erkältungen. »Endemie heißt meiner Ansicht nach nicht, dass wir mit dem Virus keine Probleme mehr haben werden, dass das Virus irgendwie weggeht oder nur noch ein Schnupfen ist«, sagt Eckerle.

Eine für die Zukunft entscheidende Frage ist, woher der Unterschied zu den etablierten Coronaviren kommt – warum Sars-CoV-2 also so viele schwere Verläufe und Long-Covid erzeugt, während die verwandten Erkältungsviren das nicht tun. Eine mögliche Antwort ist: Zeit. Auch Sars-CoV-2 könnte laut einigen Modellen langfristig nur noch harmlose Erkältungen verursachen, aber eben nur bei jenen, deren erster Kontakt mit dem Erreger – oder einem Impfstoff – im Kindesalter stattfand.

Derzeit jedenfalls ist Covid-19 selbst bei Geimpften und Genesenen oft weit unangenehmer als eine bloße Erkältung – die Bezeichnung »milde Verläufe« täuscht da gelegentlich. Und die akute Erkrankung ist ja nur Teil des Problems. Die Langzeitfolgen einer Infektion sind bis heute eines der größten Rätsel der Pandemie: Es ist nicht einmal bekannt, wodurch genau Long-Covid entsteht oder wie häufig es ist. Impfungen verhindern bisher nur einen Teil dieser lang anhaltenden Nachwirkungen. Ob es in absehbare Zeit eine Therapie für Long-Covid geben wird, ist eine der zentralen Fragen für die Zukunft.

Ein weiterer wichtiger Aspekt ist, wie sich das Coronavirus weiter verändert. Eine neue Variante, die eine bestehende Immunität unterläuft, kann auch in Ländern mit hoher Impfquote die Fallzahlen dramatisch schnell ansteigen lassen. Wie sich zukünftig auftretende Varianten auswirken, ob sie womöglich sogar wieder häufiger schwerere Verläufe verursachen, ist bisher nicht absehbar.

Wie man zukünftige Varianten entschärft

Deswegen mahnen viele Fachleute an, weltweit die Impfquote deutlich zu steigern – sie gilt als einer der wichtigsten Faktoren, über den man die Evolution zukünftiger Corona-Varianten beeinflussen kann. Bei 70 Prozent soll sie bis Mitte 2022 liegen, das ist die Vorgabe der Weltgesundheitsorganisation. Davon ist man in vielen Ländern noch weit entfernt. Doch weil sich neue Varianten weltweit bilden können, ist die Pandemie erst dann wirklich vorbei, wenn sie überall vorbei ist.

Eine weitere mögliche Quelle für stark veränderte Virusvarianten sind Tiere. Tatsächlich ziehen einige Fachleute schon bei Omikron in Betracht, dass sich die Variante in Nagetieren entwickelte und auf den Menschen zurücksprang. Sars-CoV-2 infiziert neben dem Menschen eine ganze Reihe von Tierarten, und wenn das Virus sich in einer solchen Population verbreitet, evolviert das Virus dort unabhängig vom Menschen weiter. Die veränderten Erreger können dann wieder Menschen anstecken – so geschehen bereits 2020 bei Nerzen in Dänemark und womöglich jüngst bei Hamstern in Hongkong.

Daneben können zwei Coronaviren genetisches Material austauschen, ein Prozess, den man als Rekombination bezeichnet und der eine Antigen-Shift auslösen kann. Dabei wird das Gen für ein Oberflächenprotein komplett ausgetauscht, so dass das Immunsystem den neuen Hybrid-Erreger kaum noch erkennt. Am schwierigsten einzuschätzen ist die Gefahr, die von einer Kombination beider Effekte ausgeht: wenn Sars-CoV-2 Gene mit einem tierischen Coronavirus austauscht.

Nerzfarm in Dänemark | Der Nerzfarmer Thorbjørn Jepsen hält eines seiner Tiere, kurz bevor die Polizei im Oktober 2020 den Zugang zu seiner Farm im dänischen Ort Gjøl erzwang. In Dänemark wurden Millionen Nerze getötet, weil sich das Coronavirus unter ihnen verbreitet hatte.

Die Gefahr neuer Varianten bedeute, dass man das Virus weltweit genau überwachen muss, sagt deswegen auch Eckerle. »Woher solche Varianten kommen und wie sie entstehen, darüber weiß man ja sehr vieles noch gar nicht so genau.« Man müsse daher auch überlegen, wie die Ressourcen für die Überwachung des Virus sinnvoll eingesetzt werden, sagt die Forscherin weiter. »Wir können bei uns natürlich sehr viel sequenzieren, aber wir haben anderswo viele blinde Flecken.«

Am Ende des Sommers wird es spannend

Doch selbst wenn keine neue Version des Virus die Situation wieder dramatisch verändert – auch über die derzeit kursierenden Varianten weiß man bisher nicht genug, um die Entwicklung der nächsten Wochen und Monate sicher einzuschätzen. In Südafrika sind die Fallzahlen binnen kurzer Zeit bereits wieder so dramatisch gefallen, wie sie vorher stiegen – die Zahl der Todesopfer dürfte dort im Vergleich zu früheren Wellen gering bleiben. Derzeit ist unklar, was der Grund dafür sein könnte und ob sich die Variante in Europa ähnlich verhalten wird.

Enden aber wird die Omikron-Welle jedenfalls, ebenso wie die Wellen vor ihr. Im Frühjahr und Sommer rechnet die Virologin mit niedrigen Fallzahlen – vorerst jedenfalls. »Die spannende Frage ist eben: Was passiert im Herbst?« Dann nämlich wird sich zeigen, wie sich Sars-CoV-2 in einer Bevölkerung mit umfassender Grundimmunität verhält – wie viele Menschen tatsächlich noch schwer krank werden und wie stark die Krankenhäuser belastet werden.

Als wahrscheinliches Szenario gilt, dass Covid-19 eine Art zweite Grippe wird. Und damit alles andere als harmlos, wie Eckerle sagt. »Auch die Influenza macht Risikogruppen schwer krank, und wir haben regelmäßig Winter, in denen das Gesundheitssystem durch die Grippe an seine Grenzen kommt.« In so einem Zweite-Grippe-Szenario könnten regelmäßige Impfungen gegen Covid-19, mindestens für Risikogruppen, langfristig die Norm bleiben – ebenso wie alljährlich die Grippeimpfung angeboten wird.

Das allerdings hängt unter anderem davon ab, wie sich die Impfstoffe entwickeln. Auch das ist an diesem Punkt extrem schwer vorherzusagen. Einerseits nimmt der Immunschutz durch die Impfungen mit der Zeit ab – ein Problem, das sich schon bei tierischen Corona-Impfstoffen angekündigt hatte und das womöglich nicht komplett lösbar ist. Andererseits hat die Pandemie der Forschung an Impfstoffen einen bedeutenden Schub gegeben.

Was von der Pandemie bleibt

Neue Konzepte, die seit Jahren erforscht werden, könnten wie die mRNA-Impfstoffe gegen Covid-19 ihren ersten Einsatz bekommen: universelle Impfstoffe zum Beispiel, die gegen alle Varianten eines Virus wirken und bereits gegen Grippe getestet werden. Ein wichtiger Fortschritt könnten auch Nasenspray-Impfstoffe sein, die die Immunreaktion in den Schleimhäuten ankurbeln und so das Virus schon beim ersten Kontakt abfangen.

Neben den Impfungen werden auch einige andere Aspekte der Pandemie nicht so schnell verschwinden – auch wenn die Seuche nicht mehr das tägliche Leben bestimmen wird und Einschränkungen aufgehoben werden. Paradoxerweise sind Antikörperpräparate und Medikamente wie Paxlovid, mit denen Covid-19 behandelbar wird, ein Grund dafür, dass der Gedanke an Covid-19 weiter Teil des Alltags bleibt. Damit sie gut wirken, müssen sie möglichst schnell nach dem Auftreten der ersten Symptome eingenommen werden.

Das bedeutet: Schnelltests auf Covid-19 werden zumindest für besonders gefährdete Gruppen weiter wichtig bleiben. Auch Masken tragen und Hände waschen könnte bis auf Weiteres zum Alltag gehören, zumindest wenn der Sommer zu Ende geht. Denn noch lässt sich nicht sicher einschätzen, welche Folgen die ersten postpandemischen Infektionswellen haben, die wahrscheinlich im Winterhalbjahr auftreten.

Die Frage, welche Schutzmaßnahmen wann in welchem Ausmaß sinnvoll sind, wird man allerdings dann individuell entscheiden müssen. Mit dem Auslaufen der pandemischen Situation schwinden auch Rechtfertigung und Notwendigkeit staatlicher Vorgaben zum Infektionsschutz. Wie sich diese Verschiebung zur privaten Risikovorsorge tatsächlich auswirkt, ist offen. Womöglich werden Masken jedes Jahr ab Oktober oder November ganz ohne Vorschrift schlicht üblich – und das keineswegs nur wegen Covid-19. Dass die meisten Atemwegsinfektionen harmlos sind, heißt ja nicht, dass man sie unbedingt haben muss.

Nach der Pandemie ist vor der Pandemie

Solche Entwicklungen könnten nicht nur den Zeitraum nach der Pandemie entscheidend prägen, sondern auch den Umgang mit anderen, lange etablierten Krankheitserregern verändern. Ein Beispiel ist das Respiratorische Synzytial-Virus (RSV), eine Atemwegsinfektion, die gerade bei Kindern oft schwer verläuft und zu Atemnot und Krankenhauseinweisungen führt. In vielen Ländern sorgte RSV während der Corona-Pandemie für eine schwere Krankheitswelle unter kleinen Kindern. Womöglich wird man sich in Zukunft fragen: Muss das sein?

»Die Pandemie hat viele Schwachstellen in der Gesellschaft aufgezeigt«(Isabella Eckerle)

Am schwersten vorherzusehen ist, welche Lektionen die Gesellschaft aus der Krise mitnimmt. In Bezug auf Covid-19 gilt zu klären, welches Ausmaß an Krankheit und Sterblichkeit die Gesellschaft akzeptiert und welche langfristigen Gegenmaßnahmen sie zu treffen bereit ist. Aber auch allgemein haben zwei Jahre Corona viele drängende Fragen aufgeworfen »Die Pandemie hat viele Schwachstellen in der Gesellschaft aufgezeigt, auch im Gesundheitssystem, die vorher schon da waren«, sagt Isabella Eckerle. »Man kann nur hoffen, dass man sich das nach der Pandemie noch mal anschaut.«

Hinzu kommen die Schäden, die die Pandemie angerichtet hat und die zu beheben womöglich Jahre dauert. Dazu gehören einerseits die medizinischen Langzeitfolgen bei möglicherweise hunderttausenden Menschen, aber andererseits auch die gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und psychologischen Auswirkungen von zwei Jahren Ausnahmezustand. Bisher gibt es nicht einmal Schätzungen über das Ausmaß dieser meist unsichtbaren Verheerungen, die die Gesellschaft in den nächsten Jahren bewältigen muss.

Nicht zuletzt sind Fachleute sicher, dass irgendwo da draußen schon der Nachfolger von Sars-CoV-2 lauert. Und es gibt keine Garantie, dass die nächste Seuche wieder so vergleichsweise mild ist. Bekannte Viren wie Vogelgrippe oder Nipah töten mehr als ein Drittel der Infizierten, und von zigtausenden potenziellen Pandemieviren in der Natur weiß man schlicht nicht, wie gefährlich sie sind. »Ich denke schon, dass es wieder Pandemien geben wird«, sagt auch Eckerle. »Ich hoffe, dass man die Lehren aus dieser Pandemie aufarbeiten und nutzen wird, um sich auf weitere vorzubereiten.«

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