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News: Ende der Unberührtheit

Auf mehr Kohlendioxid reagiert die Pflanzenwelt mit wachsender Begeisterung. So lassen sich die Auswirkungen der steigenden Konzentrationen dieses Treibhausgases sogar bis in die letzten Winkel sonst unbeeinflusster Regenwälder in den Tropen aufspüren.
Sie wecken ein Gefühl der Ehrfurcht und der Ruhe, die Baumriesen in den ursprünglichen Regenwäldern des amazonischen Tieflandes. Stämme mit mehreren Metern Umfang, tief gefurchte Brettwurzeln, in denen sich ein Mensch leicht verstecken kann, die Krone nur noch zu erahnen über dem dichten Blätterdach. Die Zeit scheint langsamer zu vergehen im schwülen Schatten, der nur gelegentlich unterbrochen ist durch wild überwucherte Lichtungen, die durch den Sturz eines solchen Giganten entstanden und nun neuem Leben Raum bieten für einen wilden Wuchswettbewerb in Richtung Sonne.

Verkehrslärm, Umweltverschmutzung, Lebensraumzerstörung, das alles rückt zwar bedrohlich näher, doch scheint immer noch weit, weit weg. Aber: Das Bild täuscht. Denn wie William Laurance vom Smithsonian Tropical Research Institute und seine Kollegen feststellen mussten, änderte sich in den letzten zwei Jahrzehnten in diesen sonst unberührten Regionen die Artenzusammensetzung und die Dynamik der Wälder mit rasender Geschwindigkeit. Der vermutete Schuldige ist ein alter Bekannter: das Treibhausgas Kohlendioxid.

18 Jahre lang verfolgten die Wissenschaftler das Schicksal von beinahe 14 000 Bäumen, verteilt auf 18 abgesteckten Waldstücken von jeweils einem Hektar Größe. Von den vorgefundenen 244 Baumgattungen waren 115 verbreitet genug, um eine langfristige Analyse ihrer Bestandsentwicklung zu ermöglichen. Die Flächen wurden in den achtziger Jahren ausgewählt, die Pflanzendecke erfasst und die Veränderungen der Populationsdichte sowie der Stammdurchmeser im Abstand von jeweils etwa fünf Jahren neu aufgenommen – ein letztes Mal in den Jahren 1999 und 2000.

13 Gattungen, so zeigte sich nun, hatten in den knapp zwei Jahrzehnten ihr Wachstum kräftig beschleunigt, während 13 andere Gattungen an Häufigkeit einbüßten, von der Entwicklung also zurückgedrängt wurden. Drei weitere Gattungen erlebten in beiden Aspekten entweder Zuwachs oder Abnahme, und die Gattung Couepia zeigte eine Kombination von beidem – größerer Stammdurchmesser, aber geringere Dichte des Auftretens: Hier gingen die alten Vertreter zwar mächtig in die Breite, doch der Jungwuchs geriet in Schwierigkeiten.

Zu den Gewinnern zählten überwiegend Angehörige hochwachsender Gattungen, die bis in die obersten Kronenschichten oder darüber hinaus reichen. Unter den Verlierern finden sich viele Bewohner der unteren Baumschichten, die hier als Schattenspezialisten ihr Dasein fristen. Erstaunlicherweise drängten sich aber Pioniere wie Lianen, deren Zunahme in anderen Studien festgestellt wurde, nicht mit in den Vordergrund.

Auch die Zusammensetzung der Pflanzendecke wandelte sich dramatisch, wobei hier wiederum die wuchsfreudigeren Vertreter die Nase vorn hatten, während die langsameren Unterholzbewohner den Kürzeren zogen. Gleichzeitig wurde der Wald dynamischer: Bäume starben früher ab und wurden rascher ersetzt. Alles in allem schien die Uhr – vor allem in der zweiten Hälfte des Untersuchungszeitraums – in diesen ungestörten Flecken plötzlich schneller zu ticken, doch nur die lichthungrigen konkurrenzstarken Kronendachbildner und Überständer hielten mit – auf Kosten der langsameren, kleineren Schattenexperten.

Natürliche Dynamik reicht für dieses Maß an Veränderung als alleinige Erklärung auf keinen Fall aus, erklären die Forscher. Auch Trockenperioden durch El-Niño-Ereignisse oder langfristige Schwankungen der Niederschlagsmengen mögen zwar einen Einfluss gehabt haben, doch gibt es dafür wenig Hinweise.

Nur konsequent kommen die Forscher daher zu dem Schluss: Der Wandel in der Zusammensetzung spiegelt eine gesteigerte Produktivität des Waldes wider – ausgelöst durch die seit 200 Jahren wachsenden Kohlendioxidgehalte der Atmosphäre, die letztendlich auch diese abgelegenen Regionen erreichen. Auf Pflanzen wirkt das Gas wie Dünger und fördert dabei insbesondere die schnell wachsenden Arten, während die kleineren Unterholzvertreter nun im Kampf um Licht, Wasser und Nährstoffe zunehmend unterliegen.

"Dies kann leider ein Signal sein, dass sich die Ökologie der Wälder grundlegend verändert", mahnt Laurance. Und die Auswirkungen sind kaum abzuschätzen. Denn mit den Schattenspezialisten werden womöglich auch etliche weitere Pflanzen und Tiere verschwinden, die sich genau an diesen Lebensraum angepasst haben. Völlig unklar ist auch, inwieweit solche Umgestaltungen die Rolle der tropischen Regenwälder als vermutete Kohlenstoffsenke beeinflussen.

So fern die Kohlendioxidproduzenten der Welt auch sein mögen, in der Atmosphäre zählen keine Grenzen, und Abgelegenheit ist heute kein Schutz mehr. Obwohl der Mensch bisher kaum direkt Hand an diese Wälder gelegt hat, wirkt er auf sie ein – und das tiefgreifender als gedacht.

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