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News: Ende der Weisheit

Kurz nachdem im 19. Jahrhundert menschliche Knochen im Neandertal ans Tageslicht gerieten, entbrannte ein heftiger Streit, der bis heute anhält: Gehörte das Wesen zu unserer Art Homo sapiens? War es gar ein direkter Vorfahr? Oder war es eine, wenn auch nah verwandte, eigene Spezies?
Neandertaler
Ohne den Aufsehen erregenden Fund, den Arbeiter im Jahr 1856 zufällig gemacht hatten, wäre das kleine Tal höchstens als nah gelegenes Ausflugsziel unter Großstadt geplagten Düsseldorfern bekannt. Doch die menschlichen Knochen bescherten dem beschaulichen Neandertal mit einem Schlag ein weltweites Interesse. Und damit begann der Streit.

Denn schnell wurde klar, dass es sich um ein menschliches Wesen aus prähistorischer Zeit handeln musste. Die Unterschiede zum heutigen Menschen – von Wissenschaftlern Homo sapiens oder "weiser Mensch" genannt – waren jedoch so groß, dass es berechtigt schien, dem Neandertaler den Status einer eigenen Art der Gattung Homo zuzugestehen. 1863 schlug der irische Geologe William King für die neue Spezies den Namen Homo neanderthalensis vor – und verewigte damit die damals übliche deutsche Rechtschreibung für "Thal".

Wenig später war sich King mit seiner Interpretation jedoch nicht mehr so sicher und bezweifelte sogar die Zugehörigkeit des Neandertalers zur Gattung Homo. Andere Wissenschaftler sahen dagegen in dem Wesen einen unmittelbaren Vorfahren des Menschen. Doch nach und nach setzte sich die Erkenntnis durch, dass die Neandertaler, die vor 130 000 Jahren in Europa auftauchten und vor etwa 30 000 Jahren wieder verschwanden, eine Sackgasse in der menschlichen Evolution waren – und damit vermutlich nicht zu unseren unmittelbaren Ahnen gehörten.

Klar ist damit allerdings auch, dass Neandertaler und anatomisch moderne Menschen über Jahrtausende gleichzeitig nebeneinander existiert haben müssen. Wir wissen nicht, ob sie sich je begegnet sind, und wenn ja, wie diese Begegnung endete: Tödlich, wie einige Forscher meinen, oder in friedlicher Eintracht? Bergen unsere Gene gar noch Spuren der Neandertaler?

Für die friedliche Variante sprach die Entdeckung eines 25 000 Jahre alten Kinderskeletts, das im Jahr 1998 in Portugal ans Tageslicht geriet. Der Paläontologe Erik Trinkaus von der Washington University deutete den Fund als Mischlingskind von anatomisch modernem Mensch und Neandertaler. Damit wäre der Neandertaler ein Artgenosse von uns, der als Unterart den Namen Homo sapiens neanderthalensis verdient hätte.

Art oder Unterart lautet also die Frage, die schwer zu entscheiden ist – lässt sich doch die biologische Definition der Spezies als Fortpflanzungsgemeinschaft im Falle des Neandertalers heute nicht mehr mit Kreuzungsexperimenten überprüfen. Paläontologen bleibt daher nichts anderes übrig, als Merkmale – seien sie anatomisch, seien sie genetisch – miteinander zu vergleichen.

Genetische Untersuchungen sprachen schon gegen die These der Unterart. Jetzt haben Katerina Harvati von der Universität New York und ihre Kollegen versucht, der Sache anatomisch auf den Grund zu gehen.

In einer wahren Fleißarbeit vermaßen sie die Schädel von 225 heutigen Menschen sowie fünf fossilen Exemplaren des Homo sapiens und verglichen sie mit fünf Neandertalerschädeln. Zur Kontrolle zogen sie 262 Menschenaffenschädel sowie 593 Schädel anderer Affenarten heran. Bei jedem der über 1000 Schädel wählten sie 15 für die Anatomie markante Punkte aus und fütterten mit dieser Datenflut ihren Computer, der hieraus dreidimensionale Bilder berechnete und nach Ähnlichkeiten durchforstete.

Und das Ergebnis der Rechnerei? Alles bleibt beim Alten. Nach Ansicht der Forscher sind die Unterschiede zwischen modernem Menschen und Neandertaler größer als die zwischen Unterarten oder gar Populationen derselben Art. Die Daten seien der "bis heute konkreteste Beweis, dass der Neandertaler tatsächlich eine eigene Art innerhalb der Gattung Homo ist", zeigt sich Harvati überzeugt.

Der Neandertaler behält demnach seinen vor 140 Jahren errungenen Status: Eine eigene Art, die – aus welchen Gründen auch immer – das Feld für seinen Vetter Homo sapiens räumen musste.

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