Werte und Vorlieben: Entscheiden wir im Frühling anders als im Winter?

Erst dachte Mark Schaller, er müsse sich verrechnet haben – so seltsam erschienen dem Wissenschaftler die Ergebnisse. Gemeinsam mit seinem Forschungsteam hatte der kanadische Psychologe untersucht, ob moralische Werte mit den Jahreszeiten schwanken. Für die 2024 veröffentlichte Studie hatte die Gruppe Selbstauskünfte von rund 230 000 Personen aus den USA ausgewertet. Und tatsächlich: Welche Werte sie vertraten, hing demnach auch davon ab, zu welcher Jahreszeit sie dazu befragt wurden. Im Frühling und Herbst etwa waren ihnen Loyalität, Respekt vor Autoritäten und moralische Unverdorbenheit wichtiger als im Sommer und Winter – drei Werte, die Schaller und sein Team einer konservativen Haltung zuordnen. Bei den Werten Gerechtigkeit und Mitgefühl fanden sie hingegen keine saisonalen Schwankungen.
»Dieses Ergebnis hat uns ein wenig schockiert«, erinnert sich Schaller, Professor für Psychologie an der University of British Columbia. Er hatte bislang angenommen, dass konservative Werte im Winter mehr Zuspruch fänden und im Frühling oder Sommer eher eine optimistische Aufbruchsstimmung herrsche. Um der Sache auf den Grund zu gehen, analysierten Schaller und sein Team die Daten aus weiteren Jahren – doch sie fanden immer wieder dasselbe Muster.
»Veränderungen in der Umwelt können Ängste auslösen, die die Betroffenen vielleicht nicht einmal selbst bemerken«Mark Schaller, Psychologe
Eine mögliche Erklärung sehen die Forschenden darin, dass sich die Versuchspersonen im Frühling und Herbst auch als etwas ängstlicher beschrieben als im Sommer und Winter, denn die Schwankungen der moralischen Werte hingen mit diesem Auf und Ab zusammen. Schaller hat eine Vermutung, weshalb sich viele Menschen im Frühling und Herbst etwas ängstlicher fühlten: »Die Tageslänge verändert sich in diesen Jahreszeiten am stärksten.« Und in Zeiten des Wandels, so der Psychologe, fühlen sich viele Menschen weniger wohl als in beständigen Zeiten. »Veränderungen in der Umwelt können Ängste auslösen, die die Betroffenen vielleicht nicht einmal selbst bemerken«, erklärt er. Werte wie Loyalität, Respekt vor Autoritäten und Unverdorbenheit könnten helfen, mit diesen Ängsten umzugehen.
Und das hat womöglich Konsequenzen. »Moralische Werte wirken sich auf viele andere Dinge aus«, sagt der Wissenschaftler. »Wer konservativere Werte vertritt, neigt etwa auch zu härteren Urteilen gegenüber Menschen, die gegen Normen oder Gesetze verstoßen, und zu stärkeren Vorurteilen gegenüber Migranten.« Noch unveröffentlichte Analysen seines Teams würden tatsächlich darauf hindeuten, dass sich Vorurteile gegenüber Minderheiten mit den Jahreszeiten verändern.
Gerichtsurteile und Wahlentscheidungen
Moralische Werte beeinflussen eine Reihe wichtiger Entscheidungen: Gerichtsurteile, den Umgang mit Geld und das Wahlverhalten zum Beispiel. In Deutschland wurde 2025 zum ersten Mal in der Geschichte der Bundesrepublik im Februar gewählt, anstatt wie üblich Ende September oder Anfang Oktober. Hat der Wechsel des Wahlmonats die Ergebnisse womöglich beeinflusst? Darauf möchte sich Mark Schaller dann doch nicht festlegen. Entscheidungspsychologisch sei der Februar ein guter Monat für eine Wahl, weil er an der Grenze zwischen Winter und Frühjahr und damit quasi wertneutral liege: »Man könnte argumentieren, dass dies der beste Zeitpunkt ist, um eine Wahl abzuhalten, ohne die Menschen zu beeinflussen.«
Mark Schaller und sein Team betonen jedoch: Jahreszeiten sind nur einer von vielen Faktoren, die Werte und Entscheidungen beeinflussen. Bei jeder einzelnen Person ist der Effekt klein. Ein milder Richter wird also nicht plötzlich streng urteilen, nur weil die Tage kürzer werden. Und ein Bürger, dem Werte wie Solidarität und Fürsorge wichtig sind, wird nicht auf einmal für eine konservative Partei stimmen. Aber wenn die Wahl schwerfällt, könnte ein kleiner Schubs in die eine oder andere Richtung genügen.
»Winzige Effekte können große Auswirkungen haben, wenn sie sich über Millionen von Menschen summieren«Mark Schaller, Psychologe
Viele Entscheidungen hängen schlicht davon ab, ob jemand gerade gut oder schlecht drauf ist. »Wir wissen, dass die Stimmung alle möglichen Dinge beeinflussen kann«, sagt Schaller. Zum Beispiel die Risikofreude: Im Winter gehen viele Menschen weniger Risiken ein als im Sommer. Ein möglicher Grund: Sie sind weniger optimistisch gestimmt, wollen deshalb lieber das bewahren und behalten, was sie schon haben. Die erhöhte Vorsicht könnte allerdings auch lediglich auf jene Menschen zurückgehen, die unter einer saisonalen affektiven Störung leiden. Eine kanadische Studie fand heraus, dass Betroffene in der kalten Jahreszeit umso weniger finanzielle Risiken eingehen, je stärker sie unter einer Herbst-Winter-Depression leiden.
Doch auch das Wetter allein, unabhängig von der Jahreszeit, kann Entscheidungen beeinflussen. Beispielsweise das Wahlverhalten: Besonders veränderungsfreudige Kandidaten haben an regenreichen Tagen offenbar schlechtere Chancen. Wählerinnen und Wähler in der Schweiz etwa neigten dann laut einer Studie von 2019 eher dazu, für den Status quo zu stimmen. Extremwetterereignisse wie Starkregen und Hochwasser kurz vor einer Wahl hinterlassen ebenfalls ihre Spuren. Die Flutkatastrophe 2021 im Ahrtal half in den schwer betroffenen Gebieten einerseits den Grünen, andererseits der Partei der jeweils amtierenden Ministerpräsidenten.
Sommervorlieben und Feiertagslaunen
Auch bei weniger folgenreichen Vorlieben lassen wir uns von der Jahreszeit beeinflussen. Daten des Streaminganbieters Spotify zeigen, dass Menschen weltweit im Sommer fröhlichere Musik hören. Das gilt vor allem in höheren Breitengraden: Wenn die Anzahl der Sonnenstunden stärker schwankt, ist auch der saisonale Effekt auf die Musikpräferenzen größer. Sogar Farbvorlieben wechseln mit den Jahreszeiten. Wo sich die Bäume im Herbst gelb und rot färben, sind diese Farben im Herbst beliebter.
Wichtig ist zudem, was die Kultur mit Frühling, Sommer, Herbst und Winter verbindet. 2024 berichtete ein US-amerikanisches Forschungsteam, dass an familienorientierten Feiertagen wie Weihnachten, Ostern oder Thanksgiving in Restaurants besonders viel Trinkgeld gegeben wird. Die Forschenden vermuten, dass Familientreffen das Gemeinschaftsgefühl und damit auch prosoziales Verhalten fördern. In der Weihnachtszeit spenden überdies viele eher für einen guten Zweck – womöglich, weil sie diese Zeit mit guten Taten verbinden. Oder liegt es einfach daran, dass zu Weihnachten besonders viele Organisationen um Spenden werben? Forscher der Universität Göttingen kamen zu dem Ergebnis, dass der Stress in der Weihnachtszeit die Spendenbereitschaft sogar senken kann.
Eine einfache Formel gibt es also nicht. Zahlreiche Faktoren bedingen, wie Menschen denken und handeln, darunter auch die Jahreszeiten. Die Effekte mögen klein sein, aber doch bedeutsam: »Winzige Effekte können große Auswirkungen haben, wenn sie sich über Millionen von Menschen summieren«, sagt Schaller. Für den Psychologen ist das Grund genug, weiter zu erforschen, ob sich die Jahreszeiten auf viel mehr Lebensbereiche auswirken, als wir derzeit ahnen.
Serie: Psychologie der Jahreszeiten

Unsere Gefühle und Gedanken unterliegen vielen, teils unbewussten Einflüssen. Manche folgen regelmäßigen Zyklen: dem Rhythmus von Licht und Dunkel, Wärme und Kälte, Urlauben und Feiertagen. Ein Überblick über die Psyche im Wechsel der Jahreszeiten.
- Stimmung: Schluss mit dem Winterblues!
- Werte und Vorlieben:Entscheiden wir im Frühling anders als im Winter?
- Kognition:Wie die Sonne das Denken beflügelt
- Liebe:Warum wir im Sommer flirten und im Winter Treue schwören
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