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Tropenökologie: Enttarnt

Satellitenbilder offenbaren die furchtbaren Narben, die Straßenbau und Brandrodung in der grünen Lunge am Amazonas hinterlassen. Versteckt blieben allerdings bislang die Spuren des selektiven Einschlags, bei dem nur einzelne, hochwertige Baumarten entnommen werden. Eine Methode, die einst als Kompromiss zwischen Ökologie und Ökonomie galt - doch nun erheblich Sorgen bereitet.
Brasilien - RodungsgebieteLaden...
Das Dilemma ist nicht einfach zu lösen. Auf der einen Seite ein natürlicher, aber höchst fragiler Reichtum, der sich kaum in Worte fassen lässt, ohne in platte Schwärmerei zu verfallen. Eine Region, die eine Schlüsselrolle im globalen Klimageschehen spielt, eine Heimat für Naturvölker und unzählige Tiere und Pflanzen, die es nur dort und sonst nirgends gibt.

Auf der anderen Seite eine Bevölkerung, von der jeder Fünfte in Armut lebt, ohne Arbeit, ohne Grund und Boden, ohne zu wissen, was er morgen für sich und seine Familie zu essen haben wird. Hoffnung auf ein besseres Leben bieten ihm die Riesenmaschinen der etlichen Riesenkonzerne, die sich immer weiter in die grüne Welt des Amazonas-Regenwaldes hineinfressen und damit die Schneisen legen, auf denen die Armen folgen.

Selektiver EinschlagLaden...
Selektiver Einschlag | Beim selektiven Einschlag werden gezielt nur einzelne, besonders wertvolle Baumarten gefällt. Doch was auf den ersten Blick nach ökologisch wie ökonomisch sinnvoller Nutzung aussieht, birgt auf den zweiten zahlreiche Probleme.
Es wäre zu einfach, jegliche Nutzung des kostbaren Naturschatzes rigoros zu verbieten – ganz abgesehen davon, dass sich ein solches Verbot kaum überwachen ließe. Also hoffte man auf einigermaßen waldverträgliche Methoden. Dazu zählte auch der selektive Einschlag: Nur einzelne, besonders wertvolle Hölzer wie Mahagoni werden gefällt und abtransportiert, der restliche, meist deutlich weniger Gewinn einbringende Bestand bleibt erhalten.

Fatal nur, dass ausgerechnet die wertvollsten Bäume zu den größten gehören, die mit Kronen von bis zu 25 Metern Durchmesser über alle hinweg ragen – fällt ein solcher Riese, geht noch vieles mehr im Umkreis zu Bruch. Zudem reißt das dichte Netz von Lianen etliche der Nachbarn noch von den Wurzelfüßen. Ohne den wichtigsten Schattenspender dringen Sonnenstrahlen bis zum Boden durch und trocknen ihn aus – Brände und Erosion durch Wind und Wasser bekommen ein leichteres Spiel. Und letztendlich kann ein solcher Gigant natürlich nicht mit Rückepferden aus dem Wald geschafft werden, sondern wird vor Ort meist schon entastet, entrindet und schließlich mit schweren Maschinen herausgezogen, was entsprechend breite und tiefe Spuren im bereits malträtierten Untergrund hinterlässt.

Vor dem SägewerkLaden...
Vor dem Sägewerk | Die Urwaldriesen landen im Sägewerk. Sie hinterlassen eine wüste Schneise im Regenwald, verrottendes Pflanzenmaterial und zerstörten Boden.
Der erhoffte Kompromiss entpuppte sich damit als weit zerstörerischeres Werk denn zunächst vermutet. Allerdings blieb unklar, in welchem Ausmaß er an den amazonischen Wäldern nagt: Satellitenbilder, die bedrückend eindrucksvoll den Waldverlust durch Kahlschlag und Brandrodung offenbaren, konnten selektiven Einschlag bisher nicht deutlich machen. Zu gering war die Veränderung pro Flächeneinheit, um sich als Pixelinformation nach Auswertung der Rohdaten niederzuschlagen.

Doch Satellitenaugen werden schärfer und Auswertungs-Software gewiefter. So gelang es nun Gregory Asner von der Carnegie-Institution und seinen Kollegen, den grünen Schleier zu lüften und das Ausmaß des selektiven Holzeinschlags in fünf brasilianischen Bundesstaaten zu ermitteln. Sie kombinierten dafür die Beobachtungsdaten der drei Satelliten Landsat 7, Terra und Earth Observing 1 und analysierten sie mit dem von ihnen entwickelten Carnegie Landsat Analysis System (CLAS), das ihnen eine Auflösung von dreißig mal dreißig Metern ermöglicht – detailliert genug, um auch den Fall einzelner Riesen zu entlarven. Indem sie außerdem ihre Ergebnisse mit Daten vor Ort abglichen, konnten sie die Pixelinformation so verfeinern, dass sie nicht einfach bewaldet von unbewaldet unterscheidet, sondern den Grad der Waldbedeckung, freiliegende Bodenflächen und die verrottenden Überreste der Baumfällung ausweist. Und das alles rein automatisch.

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Holzeinschlag in Brasilien | Selektiver Holzeinschlag vernichtet beinahe ebenso viel Wald in Amazonien wie Kahlschlag und Brandrodung. Allerdings wurde er jetzt erst durch weiterentwickelte Fernerkundungs-Software sichtbar.
Die Resultate erschrecken: Der selektive Holzeinschlag vernichtet offenbar jährlich zwischen 12 000 und 20 000 Quadratkilometer Wald, ein Zehntel davon in Schutzgebieten. Das ist doppelt so viel wie bislang geschätzt und entspricht insgesamt etwa der Fläche von Hessen. Der Wert liegt damit sogar in derselben Größenordnung wie der Waldverlust durch Brandrodung und Kahlschlag. Oder anders gesagt: Jährlich geht am Amazonas doppelt so viel Wald verloren, wie bislang aus Satellitenbildern bekannt.

Doch damit nicht genug. Bei selektivem Einschlag werden nur die Stämme herausgenommen, während das feinere Geäst und zusätzlich umgestürzte Nachbarbäume liegen bleiben. Außerdem fallen auch im Sägewerk noch Unmengen an Holzstaub und Überresten an. Dies alles wird in kurzer Zeit abgebaut zu geschätzt 80 Millionen Tonnen Kohlenstoff in Form von CO2, die zusätzlich zu den bereits 400 Millionen Tonnen Kohlenstoff des Treibhausgases, die aus konventionellen Abholzungstechniken stammen, aus dieser Region jährlich in die Atmosphäre entweichen. Keine gute Nachricht für das globale Klima.

Und was nun? Zumindest bietet CLAS den Regierungen ein Instrument, mit dem sie die Aktivitäten in ihren wertvollen Wäldern besser überwachen und damit auch gezielter gegen illegale Abholzung in welcher Form auch immer vorgehen könnten. Dem Wald und all seinen Bewohnern wäre dies dringend zu wünschen. Dafür allerdings ist Geld vonnöten, Geld für Technologien, welche die betroffenen Staaten sich in der Regel nicht leisten können. Das grundlegende, alles verursachende Dilemma aber löst es nicht: das des Reichtums auf der einen Seite – des natürlichen in Mahagoni-Maserung und des menschlich-wirtschaftlichen in Mahagoni-Möbelbesitzern – und der Armut auf der anderen.
21.10.2005

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 21.10.2005

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