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Brutparasitismus: Entwicklungshilfe im Vogelnest

Unverzüglich wirft der junge Kuckuck nach dem Schlüpfen die übrigen Eier oder gar seine Stiefgeschwister über Bord, um die Fürsorge der Pflegeeltern alleine auszukosten. Die Nachkommen des Kuhstärlings tolerieren hingegen die Gesellschaft der rechtmäßigen Küken – zu ihrem eigenen Vorteil.
Nest mit Schmarotzerküken
Warum Unmengen von Raupen, Fliegen, Käfern und allerlei anderen Kerbtieren für den schier unersättlichen Nachwuchs im Nest herbeischaffen – Tag für Tag? Schließlich geht es auch viel bequemer: In einem günstigen Augenblick schiebt das Weibchen seine Eier einfach fremden Paaren unter und überlässt ihnen die mühsame Aufzucht der Jungen. Derartige Täuschungsmanöver vollführen ungefähr 100 Vogelarten, doch nur die Hälfte entledigt sich so skrupellos wie der einheimische Kuckuck der fremden Geschwister. Die andere Hälfte duldet hingegen konkurrierende Vogelkinder – obwohl sie Rivalen um die Nahrungsressourcen darstellen.

Gelege mit fremdem Ei | In Experimenten schmuggelten die Wissenschaftler braungesprenkelte Eier des Braunkopf-Kuhstärlings (Molothrus ater) in Phoebe-Nester (Sayornis phoebe). Trotz der Unterschiede in Größe und Farbe entledigten sich die Wirtseltern nicht der untergeschobenen Eier. Gewöhnlich schlüpfen die Schmarotzerküken vier bis fünf Tage früher als ihre Stiefgeschwister, von denen eines oder mehrere neben dem Fremdling überleben.
Sollten die Schmarotzer von der Anwesenheit der Wirtsjungen profitieren, weil sie gemeinsam eine bessere Futterversorgung erzielen als ein einzelner Zögling? Um diese These zu überprüfen, wählten Rebecca Kilner von der Universität Cambridge und ihre Kollegen als Versuchsobjekt den Braunkopf-Kuhstärling (Molothrus ater) – einen in Nordamerika beheimateten Brutparasiten, der seinen Nachwuchs erfolgreich über 100 Vogelarten aufdrängt. Wie ihre Auswertung von Literaturdaten ergab, wiesen von den Schmarotzerküken, die bei 18 verschiedenen Pflegeeltern gediehen, jene die höchste Wachstumsrate auf, die das Nest mit zwei Wirtsjungen geteilt hatten.

Nest mit Schmarotzerküken | Im Phoebe-Nest (Sayornis phoebe) hockt ein Küken des Braunkopf-Kuhstärlings (Molothrus ater), das gerade seinen Mund weit aufsperrt.
Im Brennpunkt ihrer eigenen Experimente standen die Wechselwirkungen des Braunkopf-Kuhstärlings mit einem einzigen Wirt: der Phoebe (Sayornis phoebe). Während der Monate April und Mai 2003 überwachten die Forscher 81 Nester dieser eingewanderten Fliegenschnäpper-Art, die gewöhnlich Bruten mit fünf Jungen aufzieht. Zwanzig Gelege präparierten sie mit jeweils einem einzelnen Ei des Brutparasiten. In zehn dieser Nester entfernten sie alle Wirtseier an dem Tag, als das Kuhstärlingsküken schlüpfte, so dass es fortan alleine aufwuchs. Bei den übrigen zehn Gelegen tauschten sie alle Wirtseier gegen zwei Phoebe-Nestlinge aus, die entweder genauso alt oder einen Tag jünger waren als das Schmarotzerjunge. Nach dem Schlüpfen und an den folgenden neun Tagen wogen die Wissenschaftler die Nestinsassen und ermittelten die Länge ihres Schienbeins.

Und die Messdaten sprachen für sich: Teilten sich die Kuhstärlingsküken das Nest mit Stiefgeschwistern, zeigten sie ein stärkeres Skelettwachstum und legten schneller an Gewicht zu als die "Einzelkinder". Am achten Tag waren sie im Durchschnitt 14 Prozent schwerer als ihre Artgenossen, die allein im Nest hockten. Um zu enthüllen, wie die Phoebe-Küken den Schmarotzernachkommen nützen, filmten die Forscher die Nester zweimal – jeweils am vierten und achten Tag nach dem Schlüpfen der Jungen. Anschließend ermittelten sie die stündliche Versorgungsrate der Kinderschar.

Unterschiedliches Bettelverhalten | Das Küken des Braunkopf-Kuhstärlings (Molothrus ater) bettelt intensiv, indem es seinen Kopf höher und häufiger emporreckt als seine Stiefgeschwister.
Mit durchschnittlich 36 Fütterungen pro Stunde brachten die Vogeleltern wesentlich häufiger Nahrung zu den Nestern, die einen fremden und zwei eigene Zöglinge enthielten, als zu jenen, die nur ein Kuhstärlingsküken beherbergten (14 Fütterungen pro Stunde). Und in gemischten Bruten vereinnahmten die Schmarotzerjungen im Durchschnitt knapp 56 Prozent der Fütterungen für sich – ein deutlich größerer Anteil als die durch Zufall zu erwartenden 33 Prozent. Vermutlich ergatterten sie mehr Nahrung, weil sie schneller munter wurden und ihre Münder aufrissen, wenn die Alttiere mit vollen Schnäbeln zurückkehrten.

Nest-Kontrolle | Mithilfe eines Spiegels prüft ein Wissenschaftler das Phoebe-Nest (Sayornis phoebe), das frisch geschlüpfte Küken enthält.
Wachsen Kuhstärlinge mit Wirtsküken auf, erhalten sie somit insgesamt mehr Futter als ihre Artgenossen ohne Mitkonkurrenten. Möglicherweise – so spekulieren die Wissenschaftler – ist die Versorgungslage von Schmarotzerjungen in Gesellschaft mit rechtmäßigen Nestinsassen besser, weil das kollektive Betteln der Brut einen größeren Reiz für die Eltern darstellt. Oder die Altvögel reagieren stärker auf das Gezeter ihrer eigenen Nachkommen. "Unsere Ergebnisse zeigen, dass Kuhstärlinge Wirtseltern in größerem Ausmaß ausbeuten, indem sie Wirtsjunge zur Nahrungsbeschaffung benutzen", schreiben die Forscher um Kilner.

Für die Entwicklung der Parasiten-Kinder scheint eine Anzahl von zwei Stiefgeschwistern optimal zu sein. Ein größerer Kreis von Nestgenossen könnte den Kuhstärlingen zu viel der zusätzlichen Nahrung wegschnappen, die gemeinsam erbettelt wird. Übrigens: Die Anwesenheit eines untergeschobenen Kükens schadete dem Fliegenschnäpper-Nachwuchs offenbar keineswegs. Er gedieh gleich gut – egal ob er nur unter seinesgleichen oder mit einem fremden Mitesser im Nest aufwuchs.

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