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Aufmerksamkeitsstörung: Erbgutspuren der Hektik

Die Phase der Hyperaktivität scheint zu Ende in der Diskussion der In-Krankheit des vergangenen Jahrzehnts: ADHS, dem berüchtigten Zappelphilippsyndrom. Langsam ist genug verlässliches Faktenfutter für einen fruchtbaren Dialog zwischen Betroffenen, Ärzten und Therapeuten auf dem Tisch - was ein paar der eben noch gängigen Anfeindungen unmöglich gemacht hat.
Wildes Kind
Keiner kann mittlerweile mehr ebenso ernst- wie boshaft behaupten, ADHS, das "Aufmerksamkeits-Defizit- Syndrom mit und ohne Hyperaktivität" sei so etwas wie eine "natürliche Reaktion" kleiner Körper auf die "zunehmend hektische Umwelt", für die dann ein praktischerweise verfügbares Medikament als Lösung herhalten muss – Stichwort "Ruhigstellen störender Kinder durch Ritalin", dem häufigsten verschriebenen ADHS-Medikament.

Kaum ein Informierter wird allerdings auch sicher sein, dass solche Meinungen stets ohne Grundlage aus der Luft gegriffen waren. Zu lange etwa blieb zu wenig reflektiert, dass die Diagnose einer Krankheit wie ADHS tatsächlich eine Herausforderung ist, der nicht immer alle Ärzte und Therapeuten wirklich gewachsen waren. Wird ADHS fälschlich – etwa aufgrund von vagen, subjektiven Kriterien – diagnostiziert, so kann dies natürlich ernsthafte Folgen haben, die eine gesunde Skepsis von manchen Betroffenen durchaus rechtfertigt: Ohne krank zu sein, tragen Kinder oder Erwachsene dann die Risiken einer pharmakologischen Behandlung mitsamt möglichen Nebenwirkungen, Abhängigkeitsentwicklung oder Persönlichkeitsveränderungen.

Medikamente wie Methylphenidat (der Wirkstoff in Ritalin) bewirken bei falsch behandelten, nicht ADHS-kranken Kindern allerdings alles andere als ein "Ruhigstellen" – was im Licht der neurologischen Grundlagen der Krankheit und der Wirkungsweise verständlich wird. Als Ursache von ADHS identifizierten Wissenschaftler eine Stoffwechselstörung im Gehirn, die einige wichtige Kontroll-Regionen im Frontallappen, unter den Stammganglien und dem Kleinhirn schlicht einschläfert. Weil Botenstoffe wie zum Beispiel Dopamin in diesen Hirnbereichen nachweislich fehlen – wo etwa Antrieb und Motivation, Koordination und Aufmerksamkeit sowie planerisches Denken und Organisationsleistungen gesteuert werden –, reagiert der Betroffene auf zu viele unterschiedliche Reize gleichzeitig und hat Probleme bei der Konzentration auf das Wesentliche.

Betrachtet man nur den Neurotransmitter Dopamin, so fügen sich die Erkenntnisse mittlerweile zu einem überschaubaren Gesamtbild, in das sich auch genetische Befunde an Erkrankten zwanglos passen. Dopamin kann bei einigen Betroffenen nicht mehr zwischen zwei Nervenzellen vermitteln, weil krankhaft veränderte Dopamintransporter den Botenstoff abfangen, bevor er an Synapsen andockt und so Informationen weiterleitet. Abweichungen in den Dopaminrezeptor-Genen DRD-4 und DAT1 sind bereits als Mitschuldige entlarvt, die in Stirnhirn, Scheitellappen, Motorkortex und anderen Regionen Sand ins Getriebe streuen – Regionen, die für Aufmerksamkeit, Motorik und Impulskontrolle verantwortlich zeichnen. Eben dort stellten Wissenschaftler bei ADHS-Kranken auch geringere Hirnvolumen und mangelnde elektrischen Hirnaktivität fest.

Dass mit den fehlgeratenen Dopaminrezeptoren allerdings die gesamte Geschichte erzählt ist, glaubt niemand – Befunde deuten seit langem darauf hin, dass auch andere Neurotransmitter bei ADHS aus dem Takt geraten. Darauf deutet etwa die nachweisbare Wirksamkeit des Medikaments Atomoxetin hin, einem Wiederaufnahmehemmer des Noradrenalins – es verhindert den allzu schnellen Abzug des Neurotransmitters zwischen zwei Nervenzellen und verlängert dadurch dessen Wirksamkeit.

Noradrenalin ist stark beteiligt an der Regulation der "bewussten Wachheit" – des so genannten Arousals. Gut vorstellbar, dass Fehler im Noradrenalin-Stoffwechsel in bestimmten Bereichen des Gehirns die zweite Seite der ADHS-Medaille neben der Hyperaktivität erklären könnte: jenes typisch desinteressierte "Hans-guck-in-die-Luft-Träumen", das so gar nicht zum auch charakteristischen Herumzappeln der auffälligeren impulsiven Erscheinung kleiner ADHS-Patienten passen will. Bislang fehlte aber noch ein handfester genetischer Nachweis dafür, dass neben Defekten beim Dopamin- auch solche im Noradrenalin-Stoffwechselsystem bei ADHS-Patienten häufiger auftreten.

In diese Lücke stoßen nun Chun-Hyung Kim von der Harvard Medical School und seine Kollegen. Sie suchten nach typischen Punktmutationen in jenem Noradrenalintransporter NET, den das ADHS-Medikament Atomoxetin bei der Arbeit ausbremst, um Noradrenalin länger wirksam zu halten. Tatsächlich entdeckten die Forscher eine einzelne Stelle im NET-Gen – genauer, die 3081ste Base des Erbgutabschnitts –, die besonders häufig zu mutieren scheint.

Dies bleibt im Normalfall nicht ohne fatale Folgen, zeigten die Forscher weiter: Der Mutations-Hotspot befindet sich mitten im Promotorbereich, einem entscheidenden Abschnitt, dessen Funktion für den Start der Proteinproduktions-Befehlskette unerlässlich ist. Mutierte Promotoren sorgten dann auch tatsächlich dafür, dass kaum noch NET-Protein produziert werden konnte: Offenbar band die veränderte Promotorsequenz bekannte Hemmproteine, lesen die Wissenschaftler aus ihren Analysedaten.

Aufmerksam geworden, suchten die Forscher nun nach einer Häufung der Mutation im NET-Protein bei 94 diagnostizierten ADHS-Patienten. Und tatsächlich: Die mutierte NET-Form kommt bei ihnen häufiger vor als beim Durchschnitt der Bevölkerung. Damit, so glauben die Forscher, ist tatsächlich ein ADHS-Risikogen dingfest gemacht, das nicht Einfluss auf den Dopamin-, sondern den Noradrenalinstoffwechsel im Gehirn hat.

Zwanglos zu einer runden Sache zusammenpuzzlen lässt sich die Transmittersituation im Gehirn der ADHS-Betroffenen auch nach dem Fund von Kim und Co allerdings nicht. Zum Beispiel wäre noch zu klären, warum eine Mutation, die im Reagenzglas den Bau von Transportmolekülen bremst, in unbehandelten ADHS-Patienten dazu führen soll, dass Noradrenalin zu schnell von eben den gleichen Transportern entfernt wird. Denn gleichzeitig verlangsamt ja das Medikament Atomoxetin diese Transporterfunktion nach gängiger Vorstellung, um Noradrenalin länger im Geschäft zu halten und den Patienten dabei zu helfen – ein Widerspruch?

Wahrscheinlich bleibt es eben etwas naiv anzunehmen, das die Ursachen eines derart komplexen Krankheitsgeschehen wie bei ADHS, bei denen verschiedenste Prozesse im Gehirn zusammenspielen, einfach zu erklären ist. Immerhin scheint es aber realistisch gesehen bald einmal möglich zu sein, die schwerste Herausforderung von Ärzten und Therapeuten – eine richtige, möglichst zweifelsfreie Diagnose von ADHS – mit genetischen Test einmal zu erleichtern. Denn in einem sind alle Beteiligten sich einig: Nur mit der richtigen Diagnose kann die Krankheit bekämpft werden – und eben bei möglichst vielen lauten, hippeligen, störenden oder in sich gekehrt träumenden Kindern – auch einmal sicher ausgeschlossen werden.

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