Erdbeben auf Borneo: Das letzte Lebenszeichen eines uralten Ozeans?

Eigentlich war das Erdbeben vom 23. Februar 2026 nicht der Rede wert. Ein paar Türen klapperten, Schränke stießen an Wände und Vorhänge wallten sanft. Und doch war etwas daran merkwürdig: Noch in 1500 Kilometern Entfernung vom Norden Borneos, wo das Beben sein Zentrum hatte, wackelte der Boden merklich. Und schon bald zeigten Daten, dass die Erschütterung keineswegs schwach war – mit einer Magnitude von 7,1 kam es einigen der verheerendsten Beben seit Beginn der Aufzeichnungen gleich. Doch vor allem lässt das Beben eine 40 Jahre alte Debatte wieder aufleben: Verschwand hier einst ein ganzes Meeresbecken in der Tiefe?
Denn das Beben kam völlig unerwartet. Es entstand 620 bis 680 Kilometer unter der Oberfläche, wo eigentlich nichts ist, was so heftige Erschütterungen auslösen könnte. Nur die harten und spröden Gesteine der Erdkruste können abrupt mit enormer Gewalt brechen. Allerdings beginnt schon in wenigen Dutzend Kilometern Tiefe der Erdmantel, der so heiß und verformbar ist, dass er nicht bricht, sondern fließt.
Tiefe Erdbeben gibt es deswegen bloß an bestimmten Orten: dort, wo eine Erdplatte unter eine andere abtaucht und steil in den Erdmantel abfällt. An diesen Subduktionszonen sieht man einen Streifen aus Erdbebenherden, der schräg nach unten reicht. Er zeigt die absinkende Erdplatte, die bis in große Tiefen spröde genug bleibt, um immer wieder abrupt zu brechen und Erschütterungen auszulösen.
Rätsel in der Tiefe
Der große Haken an der Sache ist, dass es unter dem Nordwesten Borneos keine solche Zone gibt, denn dort taucht keine Erdplatte ab. Das Epizentrum des Bebens vom 23. Februar liegt zwar in der Kernzone einer Region, die von Tiefseegräben, abtauchenden Platten und Vulkanen umgeben ist – aber die starken, supertiefen Beben ereignen sich in der Regel in mehr als 750 Kilometern Entfernung. Ein solcher Bebengürtel zieht sich von der indonesischen Insel Java nach Osten, der andere von Sulawesi zu den Philippinen.
Aber vor etwa 50 Millionen Jahren sah die Region noch völlig anders aus als heute. Vor China existierte ein weit größeres Meeresbecken, dessen Erdkruste nach Westen unter den Kontinent abtauchte. Dadurch türmte sich an der Küste ein hohes vulkanisches Gebirge auf, ähnlich den heutigen Anden. Dann jedoch kam diese Plattenbewegung zum Erliegen.
Was danach passierte, darüber streiten Fachleute bis heute. Denn der alte Meeresboden aus dieser Zeit ist komplett verschwunden. Der Boden des Südchinesischen Meeres entstand vor rund 30 bis 20 Millionen Jahren völlig neu. Dieses Meeresbecken ist damit geologisch weit jünger als die umliegenden Ozeane. Doch wie bildete es sich?
Zwei Modelle stehen sich dabei gegenüber. Eines davon geht davon aus, dass sich die Bewegung des alten Meeresbodens einst umkehrte und er nach Südosten unter die Philippinen und Borneo abtauchte. Indizien ließen Fachleute schon in den 1980er-Jahren vermuten, dass einst am Nordwestrand von Borneo eine Subduktionszone lag. Als diese aktiv wurde, entstand südlich der chinesischen Küste ein Mittelozeanischer Rücken, der den neuen, heutigen Meeresboden erzeugte.
Andere Forscher, speziell eine Gruppe um den renommierten französischen Plattentektonik-Forscher Paul Tapponnier, widersprachen dem Modell. Aus ihrer Sicht war der alte Meeresboden vor 30 Millionen Jahren durch das Abtauchen nach Westen vollständig verschwunden. Das heutige Südchinesische Meer entstand aus ihrer Sicht dadurch, dass der Aufprall Indiens auf Eurasien gigantische Blöcke Erdkruste nach Südosten herausquetschte. Indochina und China bewegten sich in unterschiedliche Richtungen, sodass zwischen ihnen eine Lücke entstand – das Südchinesische Meer.
Unerwartete Aktivität
Für das erste Modell sprechen Gesteine in Nordborneo, die Fachleute in den 1980er-Jahren als Spuren eines Zusammenpralls von Kontinent und Ozean interpretierten. Zudem fanden Fachleute im Jahr 2015 tief im Erdmantel unter Borneo eine Anomalie, die der Rest von Meeresboden aus der Zeit der Dinosaurier sein könnte.
Doch die Indizien sind keineswegs eindeutig. Die chaotische geologische Geschichte der Region hat die Reste früherer Prozesse immer und immer wieder überschrieben. Gleichzeitig zeigte das Team um Tapponnier anhand von Rechnungen, dass die von Indiens Kollision mit dem asiatischen Festland ausgelösten Dehnungen und Drehungen ausgereicht hätten, um ein Becken wie das Südchinesische Meer auseinanderzureißen.
Das Beben vom 23. Februar bringt nun erneut Dynamik in die Diskussion. Es fand nahe der 2015 entdeckten Anomalie statt und zeigt, dass hier viel kalte, spröde und somit noch seismisch aktive Kruste liegt. Die Erschütterungen rühren wahrscheinlich daher, dass sich das Mineral Olivin unter dem enormen Druck der Tiefe in andere, dichtere Minerale umwandelt. Demzufolge ist die Struktur noch relativ jung.
Es könnte also tatsächlich uralter Ozeanboden sein, der vor Borneo in den Erdmantel sank. Aber sicher ist das keineswegs. Die Region ist ein wahrer Trümmerhaufen aus verschiedenen Krustenfragmenten, die über die Jahrmillionen vielfach gepresst, gedehnt und gedreht wurden. Doch die seltsamen, großräumigen Erschütterungen aus der Tiefe lassen es am wahrscheinlichsten erscheinen, dass tief unter Borneo der Rest eines gewaltigen Meeres ruht, in dem vor langer Zeit die Meeresreptilien des Erdmittelalters schwammen.
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