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Altes Amerika: Erdbeben und Kleinklimawandel zerstörten ersten Anden-Stadtstaat

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Archäologen glauben erklären zu können, warum die früheste urbane Hochkultur Amerikas nach zwei Jahrtausenden der Blüte plötzlich mysteriös zusammenbrach und verschwand: Erdbeben, Erdrutsche und schließlich eine radikale Mikroklimaveränderung im Siedlungsgebiet entzog den Menschen des peruanischen Supe-Tals die wirtschaftliche Grundlage.

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Stark beschädigt: Die Pirámide Mayor in Caral | Die Pirámide Mayor in Caral ist offensichtlich bei einem heftigen Erdbeben stark geschädigt worden: Die Gemäuer des Bauwerks gerieten in Bewegung und rutschten teilweise mit einer sich bis in den tiefen Untergrund fortsetzenden Lawine großflächig ab. Noch heute erkennt man an ihrer ehemaligen Oberseite Spuren von eher notdürftigen damaligen Reparaturarbeiten. Viele Supe-Menschen haben das Erdbeben zwar überlebt – die bald darauf folgenden Umweltänderungen beendete die lange Zeit blühende Präkeramik-Kultur aber endgültig.
Dies schließen Wissenschaftler um Daniel Sandweiss von der University of Maine nach geologischen Untersuchungen im Gebiet des Supe-Flusstals. Dort hatten Menschen vor 5800 bis 3600 Jahren eine einzigartige frühe Stadtkultur entwickelt, mit der sich zu dieser Zeit weltweit höchstens die Sumerer in Mesopotamien messen lassen können. Die Supe-Menschen errichteten Pyramiden, deren Größe erst später in Ägypten übertroffen wurde. Auf ihrem Höhepunkt brach die Hochkultur jedoch innerhalb kurzer Zeit aus bis dato ungeklärter Ursache zusammen und wurde erst nach und nach durch deutlich einfacher strukturierte und ökonomisch anders organisierte Gesellschaften ersetzt.

Sandweiss Team analysierte nun Daten zu lokalen geologischen Ereignissen und den in Bodenschichten ablesbaren klimatischen Veränderungen zur Zeit der Supe. Offenbar begann hier vor rund 3800 Jahren ein fataler Zyklus: Zunächst beschädigte wenigstens ein Erdbeben von der Magnitude 7,2 oder mehr Bauwerke wie die weit ausladende, einst bis zu 30 Meter hohe Pyrámide Mayor stark. Die Schäden wurden danach nie ganz repariert, sondern nur notdürftig ausgebessert.

Die Beben sorgten zudem für massive Erdrutsche an den extrem trockenen Hängen der bergigen Flussumgebung; weite Flächen waren danach mit dicken Schichten losen Gerölls bedeckt. Zudem hatte vor rund sechs Jahrtausenden der Zyklus regelmäßiger El-Niño-Ereignisse vor Südamerika wieder eingesetzt, der zuvor unterbrochen war. Er sorgte nun wieder für saisonal auftretende, andauernde Wolkenbrüche, die den beweglichen Bergschutt schnell gen Küste spülten, wo sich schließlich schnell ein ausgedehntes Delta bildete.

Modelliert wurde die Versandung der Flussmündung durch die ozeanischen Ströme, die damals parallel zur Küste flossen und einen Sedimentsaum formten, welcher dann schließlich die zuvor nährstoff- und artenreiche Bucht vom Ozean abschirmte und verarmen ließ. Hinzu kamen dann landeinwärts blasende Winde, die den oberflächlich abgelagerten Sand bald wieder zurück in den Flusslauf bliesen und stetig lebens- und landwirtschaftsunfreundliche Bedingungen schufen.

Insgesamt führte die Ereigniskette innerhalb weniger Generationen dazu, dass die auf ihre sehr trockene Umwelt optimal angepasste Hochkultur ausgelöscht wurde. Erleichtert wurde der rasche Verfall wohl auch, weil die Supe-Menschen zu ihren Hochzeiten auf eine einzigartig spezialisierte Ökonomie gesetzt hatten: Anders als spätere Kulturen hatten sie besonders von Fisch und Meeresfrüchten gelebt und ansonsten im großen Stil Baumwolle gepflanzt, die sie insbesondere als Tauschware anboten. Dieses Wirtschaftssystem brach im Zuge der Klimakatastrophe bald zusammen. Spätere Siedlungen erreichten nie den Organisationsgrad der Supe, hielten sich aber durch die bald im ganzen Andenraum bescheidene, jedoch wegweisend differenzierte Zucht von verschiedenen Nahrungspflanzen und Haustieren sowie der neu entstehenden Töpferkunst.

Die Bedeutung der Supe und ähnlicher früher Kulturen am Pazifik waren lange in ihrer Bedeutung unterschätzt worden. Mehrere Ausgrabungen unter der Leitung der peruanischen Archäologin Ruth Shady, die auch an der aktuellen Studie beteiligt ist, machten die globale Bedeutung der frühen urbanen Kultur mehr und mehr deutlich. (jo)
4. Woche 2009

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 4. Woche 2009

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  • Quellen
Sandweiss, D. et al.: Environmental change and economic development in coastal Peru between 5,500 and 3,600 years ago. In: Proceedings of the National Academy of Sciences 10.1073.pnas.0812645106, 2009.

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