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News: Erfahrener Zorn

Zorn malt sich für jeden eindeutig auf einem Gesicht - egal, ob es sich bei dem Betrachter um einen Chinesen, Afrikaner oder Europäer handelt. Doch so angeboren, wie man meinen könnte, ist die Wahrnehmung der grundlegenden Emotionen nicht.
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So bunt und unterschiedlich die vielzähligen Kulturen weltweit auch sind, die grundlegenden Emotionen wie Heiterkeit, Traurigkeit, Zorn und Angst spiegeln sich auf allen Gesichtern in denselben Zügen wider. Sie sind sozusagen rund um den Globus gültig und sollten daher von allen Betrachtern auch auf dieselbe Weise interpretiert werden. Was liegt da näher, als sie für angeborene Eigenschaften zu halten.

Dass dem nicht so ist, haben nun Seth Pollak und seine Kollegen von der University of Wisconsin-Madison in einer Studie offenbart. Das Team konzentrierte sich in ihrer Arbeit auf acht- bis zehnjährige Kinder, die bereits öfter misshandelt wurden und so in ihren jungen Jahren schon mit sehr schwierigen Erfahrungen zurecht kommen müssen. Ihnen und einer Vergleichsgruppe gewaltfrei aufgewachsener Kinder präsentierten die Wissenschaftler auf spielerische Weise digitalisierte Fotos spezieller Gesichtsausdrücke. Das Spektrum reichte hierbei von fröhlich über ängstlich bis wütend und traurig.

Während einige der Bilder nur einen einzigen Ausdruck wiedergaben, etwa einen zornigen Mann, zeigte die Mehrzahl der Fotos ein Gemisch von zwei Gefühlen. Und dies erschwerte den Kindern die Zuordnung, wie Pollak und seine Kollegin Doris Kistler vom Waisman Center bei der Auswertung bemerkten. Sollten die Kinder sich darauf festlegen, welcher der beiden Gesichtsausdrücke vorherrschte, so hatte keine der beiden Gruppen Probleme bei fröhlichen, ängstlichen oder gar traurigen Gesichtern. Doch der Anblick zorniger Gesichter spaltete die Kinder wieder in die zwei ursprünglichen Gruppen.

Misshandelte Kinder interpretierten wesentlich mehr Zorn in die Gesichter, als ihre gewaltfrei erzogenen Altersgenossen. Zeigte ein Foto etwa zu 60 Prozent einen ängstlichen Mann und zu 40 Prozent einen zornigen, so blieb nur der angsteinflößende wütende Anblick den Kindern im Gedächtnis. "Die misshandelten Kinder reagierten empfindlicher auf Zorn", beschreibt Polak seine Studienergebnisse. Somit scheint die persönliche Erfahrung wesentlich auf die Wahrnehmung abzufärben und eine objektive Betrachtung unmöglich zu machen.

Pollak vermutet nun, dass zwar die grundlegende Wahrnehmung und Einordnung von Gefühlen durchaus angeboren ist – schließlich reagieren schon Säuglinge auf entsprechende Gesichtsausdrücke –, doch wie ein Mensch momentan Emotionen wahrnimmt und vor allem, wie er sie versteht, wird seiner Meinung nach von früheren Erfahrungen geformt. Hiermit bestätigt er frühere psychologische Studien, die misshandelten Kindern beim Betrachten wütender Gesichter eine erhöhte Gehirnaktivität bescheinigten. "Es könnte sein, dass körperlich misshandelte Kinder ein breiteres Kategoriespektrum von Wut entwickeln, weil es nützlich für sie sein kann, wütende Erwachsene zu bemerken", sagt er. Eigentlich ein trauriges Ergebnis.

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