Direkt zum Inhalt

Bonner Naturschutzkonferenz 2008: Erfolglos im eigenen Land

Anlässlich der aktuellen Biodiversitäts-Konferenz fordert Bundesumweltminister Sigmar Gabriel endlich Taten von den Mitgliedsstaaten des UN-Vertrages. Ein Blick ins eigene Land zeigt jedoch: Auch in Deutschland stößt der Naturschutz immer wieder an seine Grenzen.
Spatz
Mit seinen Vorderpfoten stützt sich Braunbär Bruno auf einem Holzstapel ab. Auf seiner Nase sitzt eine Biene, die scharfen Krallen verschwinden beinahe in der Idylle, welche die Plastinatoren im Münchner Museum "Mensch und Natur" geschaffen haben. Der ehemalige Problembär Bayerns ist nun eine ausgestopfte Museumsfigur. Im Sommer 2006 war das Tier von einem Einsatzkommando auf der bayerischen Kümpflalm erschossen worden.

Dabei war Bruno seit 170 Jahren der erste Bär, der frei durch die deutschen Wälder streifte – ausgebüxt aus einem Artenschutz-Projekt im italienischen Naturpark Asamello-Brenta, wo die bedrohten Tiere seit 1999 wieder angesiedelt werden. Als Braunbär Bruno bei seinen Streifzügen jedoch Jagd auf die Schafe der Bauern machte und Ziegen und Hühner riss, verkündete jedoch der bayerische Umweltminister Werner Schnappauf, der Bär sei außer Rand und Band, und der damalige Minsterpräsident Edmund Stoiber nannte das Tier gar einen "Problembären". Es wurde zum Abschuss freigegeben, auch die Proteste der Italiener konnten seinen Tod nicht mehr verhindern. Artenschutz hin oder her – Bruno musste weg.

Während Bundesumweltminister Sigmar Gabriel zum Auftakt der 9. UN-Naturschutz-Konferenz in Bonn internationale Anstrengungen zum weltweiten Artenschutz fordert, scheinen die aufgeheizten Diskussionen um den ersten freilebenden Braunbären in Deutschland längst vergessen. Das Beispiel zeigt jedoch deutlich, wie hilflos der Bundesumweltminister auch hierzulande ist, wenn es darum geht, den Artenschutz gegen andere Interessen durchzusetzen.

Luchs | Nach Wolf und Bär ist der Luchs das größte in Europa heimische Raubtier. Massive Jagd hatte die Bestände in Westeuropa vernichtet, doch durch einwandernde oder gezielt ausgewilderte Tiere finden sich heute wieder Populationen unter anderem n den Alpen, dem Jura, den Vogesen, dem Harz, dem Fichtelgebirge und dem Bayerischen Wald.
Denn auch bei uns steht es um Flora und Fauna nicht zum Besten. Zwar kehren Seeadler, Luchs und Biber langsam in ihre frühere Heimat zurück, und auch einige Wölfe haben sich im Osten Deutschlands wieder angesiedelt. Die Allerwelts-Tierarten indes verschwinden langsam. So sind Rebhuhn und Feldhase selten geworden, auch die Population des früher allgegenwärtigen Haussperlings nimmt ab. Laubfrosch, Kiebitz und die Kleine Hufeisennase sind vom Aussterben bedroht. Der aktuelle Flora-Fauna-Habitat-Bericht gibt gar an, die Bestände jeder dritten Art seien in Deutschland in schlechtem Zustand. Schuld an der Misere ist vor allem die intensive Landwirtschaft, die immer weniger Orte übrig lässt, wo Fuchs und Hase sich noch Gute Nacht sagen können.

Mit den Habitaten schwinden auch die Pflanzen. Von früher 18 in Frankfurt ansässigen Orchideenarten sind heute nur noch elf zu finden, die hierzulande einst weit verbreiteten Rotbuchenwälder sind selten geworden. Jedes Jahr werden in Deutschland etwa 40 000 Hektar Land bebaut und zubetoniert – das entspricht der Fläche aller Buchen-Naturwald-Schutzgebiete in der Bundesrepublik.

Dabei hatte sich Deutschland im Rahmen der Flora-Fauna-Habitat-Richtlinie zusammen mit anderen EU-Ländern 1992 verpflichtet, ein zusammenhängendes Netz aus unterschiedlichsten Lebensräumen unter Schutz zu stellen. "Natura 2000" nennt sich das Projekt. Schon 1995 sollten die Mitgliedsstaaten entsprechende Schutzgebiete ausgewiesen haben – Deutschland jedoch reagierte nur zögerlich. Erst 1998 wurde die Richtlinie auf Druck der EU in der nationalen Gesetzgebung verankert.

Feldhase | Nachdem in den 1970er und 1980er Jahren die Feldhasen-Bestände massiv eingebrochen waren, beobachten Naturschützer inzwischen wieder eine leichte Erholung. Intensive Landwirtschaft und zunehmender Verkehr machen Meister Lampe das Leben jedoch immer schwerer.
Auch für die Ausweisung der Schutzgebiete brauchte Deutschland eine Extra-Einladung: Weil 2005 noch nicht alle Bundesländer genügend Schutzgebiete an die EU gemeldet hatten, drohte diese mit einer Millionenklage. Diese Drohung war für viele Naturschutzverbände Anlass zur Häme. So sandten WWF und BUND dem niedersächsischen Umweltminister Hans-Heinrich-Sander eigene Vorschläge für Schutzgebiete als "millionenschwere Weihnachtsgabe". Inzwischen hat jedes Bundesland etwa neun Prozent der Landesfläche als FFH-Gebiet ausgewiesen.

Im internationalen Vergleich wirken die ausgewiesenen Schutzzonen allerdings wenig eindrucksvoll. Bei der Meldung von FFH-Gebieten liegt Deutschland mit 9,3 Prozent der Landesfläche auf Platz 21. Nur sechs andere Länder waren noch sparsamer. Spitzenreiter sind Slovenien, das knapp ein Drittel des Landes unter Schutz gestellt hat, sowie Bulgarien und Spanien mit über 20 Prozent. Auch bei Vogelschutzgebieten hat sich Deutschland nicht hervorgetan: Mit 9,4 Prozent und Platz 16 liegt es knapp unter dem Mittelwert von elf Prozent.

Spatz | Man mag es kaum glauben, aber auch der ganz normale Spatz oder Haussperling ist im Bestand bedroht: Der Verlust von Brutplätzen durch Gebäudesanierungen, Einstellung der offenen Nutztierhaltung, Nahrungsmangel beispielsweise durch Intensivierung der Landwirtschaft und der Straßenverkehr besonders bei Jungvögeln fordern ihre Opfer.
Umweltverbände kritisieren zudem, die Schutzgebiete seien wegen ihrer jeweils geringen Größen nahezu wirkungslos. Auch drohten viele der Biotope in Deutschland langfristig zu verschwinden. Zwischen 1994 und 2006 stieg einer Studie des WWF zufolge der Anteil der bedrohten Biotope von 68,7 auf 72,5 Prozent. NABU-Bundesgeschäftsführer Leif Miller erklärt: "Die von den Bundesländern ausgewiesenen Schutzgebiete bestehen weit gehend nur auf dem Papier."

In der Tat entsprechen viele der Nationalparks Deutschlands nicht den internationalen Standards. Nur in jedem Vierten sind drei Viertel der Fläche sich selbst überlassen – und das, obwohl sie laut Bundesnaturschutzgesetz "sich in einem überwiegenden Teil ihres Gebiets in einem vom Menschen nicht oder wenig beeinflussten Zustand befinden oder geeignet sind, sich in einen Zustand zu entwickeln oder in einen Zustand entwickelt zu werden, der einen möglichst ungestörten Ablauf der Naturvorgänge in ihrer natürlichen Dynamik gewährleistet."

Viele Schutzgebiete sind zudem durch Wirtschaftsinteressen gefährdet. Im geschützten Wattenmeer soll nach Öl gebohrt werden, am Rande des Schutzgebietes Greifswalder Bodden nahe Rügen ist ein Kohlekraftwerk geplant. Und Thüringen verkauft gerade das ehemalige Militärgelände "Hohe Schrecke", wo teils über 200 Jahre alte Buchenwälder stehen, an Privatleute für den Holzschlag. Ein Angebot der umliegenden Gemeinden, die die Region für Naturschutz und Tourismus nutzen wollten, schlug die Landesregierung aus – das Angebot war zu niedrig.

"Wer international einen wirkungsvollen Naturschutz durchsetzen will, muss vor seiner eigenen Haustür beginnen"
(Frank Barsch, WWF)
Angesichts solcher Fakten fällt es den Kritikern schwer, an die Beteuerungen der Bundesregierung zu glauben, Artenschutz stehe ganz oben auf der Agenda. Das Bundesumweltministerium sieht das anders. Im vergangenen Jahr beschloss man die ambitionierte "Nationale Strategie zur Biologischen Vielfalt", mit dem es Artikel 6 des Übereinkommens über die biologische Vielfalt erfüllt, das in Rio 1992 geschlossen wurde. In ihr werden 330 Ziele festgesetzt und 430 Maßnahmen vorgeschlagen.

Bislang, so ließ das Ministerium verlauten, sei weltweit keine andere Strategie ähnlich umfassend und konkret. Bis 2020 soll demnach der Artenschwund gestoppt sein und sich die Natur auf zwei Prozent der Fläche Deutschlands wieder ungestört entwickeln. Auch Luchs und Geier sollen in den bayerischen Alpen wieder heimisch werden – ebenso wie die Artgenossen von Bruno, dem Braunbären. Zudem soll fünf Prozent der Waldfläche naturbelassen bleiben. Das wäre eine Verfünffachung des heutigen Wertes – wobei nicht vergessen werden sollte, dass bereits das 2002 novellierte Bundesnaturschutzgesetz die Einrichtung eines bundesweiten Biotopverbundsystems anmahnt, das mindestens 10 Prozent der Landesfläche umfassen soll.

Der WWF bezweifelt denn auch, dass die Bundesregierung diese Ziele ohne erheblichen Mehraufwand erreichen kann. Auch die Europäische Union ist skeptisch. Der Leiter des Umweltprogramms der Vereinten Nationen UNEP, Achim Steiner, erklärte in einem Interview, Deutschland tue für den Naturschutz noch nicht genug.

Dass es um die Umweltschutzpläne der Bundesregierung nicht so gut bestellt ist, wie sie suggeriert, zeigt auch das Gezerre um das lange angekündigte Umweltgesetzbuch, das die zersplitterten Regelungen bündeln und vereinfachen soll. Erst kurz vor der UN-Naturschutz-Konferenz musste Bundesumweltminister Sigmar Gabriel eingestehen, dass die Gesetzesvorlage nicht wie geplant bis zum Mai fertig geworden war. "Landwirtschafts- und Wirtschaftsministerium boykottieren seit Monaten jeden Fortschritt für ein innovatives Umweltgesetzbuch", sagte WWF-Artenschutzexperte Frank Barsch, und fügte an: "Wer international einen wirkungsvollen Naturschutz durchsetzen will, muss vor seiner eigenen Haustür beginnen."

Lesermeinung

Wenn Sie inhaltliche Anmerkungen zu diesem Artikel haben, können Sie die Redaktion per E-Mail informieren. Wir lesen Ihre Zuschrift, bitten jedoch um Verständnis, dass wir nicht jede beantworten können.

Partnerinhalte