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Stress abbauen: Altstädte wirken fast so entspannend wie die Natur

Zur Erholung muss man nicht ins Grüne. Es genügt schon, den Blick über schöne historische Fassaden schweifen zu lassen.
Blick aus einem Säulengang auf den Kirchturm der Schottenkirche in Wiens historischem Zentrum
Blick auf den Kirchturm der Schottenkirche im historischen Zentrum von Wien.

Wer sich erholen will, muss dafür nicht unbedingt der Stadt entkommen. Ein Viertel mit schönen historischen Gebäuden tut es vielleicht auch: Ihr Anblick ist jedenfalls ähnlich erholsam wie der Blick auf eine grüne Landschaft. Zu diesem Ergebnis kommt eine Forschungsgruppe um die Psychologin Laura Miola von der Universität Padua in der Fachzeitschrift »Journal of Environmental Psychology«.

Das Team setzte 200 Studierende zunächst im Labor gezielt unter Stress: Die Versuchspersonen mussten in schneller Folge Zahlen im Kopf addieren. Anschließend blickten sie fünf Minuten lang auf eine halbrunde Panoramaleinwand, auf der per Zufall eine von vier Bilder-Shows ablief – mit 25 Bildern entweder von Naturlandschaften, von Altstadtfassaden, von modernen Betonbauten oder von einer Mischung aus Natur und historischen Gebäuden. Um etwaigen Wiedererkennungseffekten vorzubeugen, wurden die Bilder mittels künstlicher Intelligenz erzeugt. Vor und nach der Show gaben die Teilnehmenden Auskunft über ihre Gefühle, darunter Erholung und Entspannung. Ein Sensorarmband zeichnete Herzschlag und Hautleitfähigkeit auf.

Natur- und gemischte Bilder erwiesen sich als am erholsamsten, dicht gefolgt von den historischen Fassaden. Die Versuchspersonen fanden die alten Gemäuer ebenso faszinierend und angenehm anzusehen wie die Landschaften, nur etwas weniger entspannend. Doch die Effekte ähnelten sich: Positive Gefühle nahmen zu, negative Gefühle ab. Ganz anders fielen die Reaktionen auf moderne Betonfassaden aus; sie wurden eher als stressig, bedrückend und weniger erholsam empfunden.

In den Körpersignalen schlug sich das allerdings nicht nieder. Herzfrequenz und Hautleitfähigkeit nahmen nach dem Stresstest in allen Gruppen gleichermaßen ab – ein Hinweis auf die allgemein einsetzende Entspannung. Die Forschenden vermuten, die nur fünf Minuten dauernden Shows könnten zu kurz gewesen sein, um sich körperlich unterschiedlich auszuwirken. Das wäre plausibel: Wenn Experimente die physiologische Wirkung von echten Spaziergängen im Grünen nachweisen, dauern diese typischerweise eher 10 bis 20 Minuten.

Erholung dank natürlicher Farben und Formen

Doch zumindest für den subjektiven Grad der Erholung kommt es offenbar weniger darauf an, ob man sich in einer Stadt oder in der Natur befindet, sondern vielmehr darauf, wie diese Umwelt anmutet: natürlich oder künstlich. Historische Gebäude haben mit der Natur einiges gemeinsam, erläutern Miola und ihr Team, zum Beispiel natürliche Materialien, Farben und Formen. Bei der Stadtplanung empfehlen sie deshalb, vermehrt historische und natürliche Elemente in moderne Viertel zu integrieren, um das Wohlbefinden der Menschen dort zu fördern.

Ob ein Altstadtspaziergang tatsächlich ähnlich erholsam ist wie eine Runde im Grünen, bleibt offen. Die Versuchspersonen saßen schließlich im Labor und betrachteten lediglich computergenerierte Bilder. Unter freiem Himmel dagegen kommen Eindrücke aus verschiedenen Sinneskanälen zusammen, wie Verkehrslärm, Naturgeräusche und Gerüche. Immerhin legt der Befund aber nahe, dass sich historische und moderne Stadtviertel sehr verschieden auf das Wohlbefinden auswirken.

  • Quellen

Miola, L. et al., Journal of Environmental Psychology 10.1016/j.jenvp.2026.102920, 2026

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