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Erich Fromm: Der Psychologe, der die Gesellschaft auf die Couch legte

Der Soziologe und Psychoanalytiker Erich Fromm kritisierte die Entfremdung des Menschen in der Industriegesellschaft. Um wirklich frei zu sein, müsse sich das Ich von inneren wie äußeren Zwängen befreien – ein Gedanke, wie geschaffen für das KI-Zeitalter.
Ein Mann in einem Anzug sitzt vor einem orangefarbenen Hintergrund. Er trägt eine Brille und schaut zur Seite. Das Bild hat einen formellen und professionellen Charakter.
Erich Fromm (1900–1980) zählt zu den einflussreichsten Psychoanalytikern und Gesellschaftskritikern des 20. Jahrhunderts.

Wann sie sich zum ersten Mal küssten, wissen wir nicht. Auch nicht, ob es Liebe auf den ersten Blick war oder ob das Interesse erst allmählich vom Akademischen aufs Körperliche überging. Jedenfalls war Erich Fromm (1900–1980) von der herben Schönheit der gut zehn Jahre älteren Frieda Reichmann irgendwann so verzückt, dass er sich kaum auf die Arbeit konzentrieren konnte, wenn sie im selben Raum war.

Die Begegnung mit der aus Karlsruhe stammenden Ärztin und Psychoanalytikerin (1889–1957) war für Fromm eine doppelte Offenbarung. Sie machte ihn nicht nur mit Sigmund Freuds Psychologie des Unbewussten näher bekannt, ihr verdankte er auch die erste große Liebe seines Lebens.

Fromm war kurz nach Ende des Ersten Weltkriegs mit 19 Jahren nach Heidelberg gekommen, um an der dortigen Universität Geschichte und Nationalökonomie zu studieren. Seinen ersten Plan, eine Talmudschule in Litauen zu besuchen, hatten die Eltern vereitelt; der Junge sollte in der Nähe bleiben, meinte sein Vater, man wisse nie, ob er nicht elterliche Hilfe benötigte.

Neue Serie

Erfinder des modernen Ich

Teil 1: Erich Fromm und die kranke Gesellschaft

Teil 2: Alice Miller und das wahre Ich

Teil 3: Paul Watzlawick und das kybernetische Denken

Naphtali Fromm war Obstweinhändler in Frankfurt am Main. Dort war Erich am 23. März 1900 zur Welt gekommen und im gutbürgerlichen jüdischen Milieu rund um die Westend-Synagoge aufgewachsen. Seiner Familie entstammten viele Rabbiner, denen Profit wenig bedeutete. Davon zeugt eine Episode aus Fromms Schulzeit: Als der junge Erich seinen Onkel Emanuel fragte, was aus ihm, dem Neffen, wohl einmal werde, bekam er zur Antwort: »Ein alter Jude.«

»Ich wollte die Gesetze verstehen lernen, die das Leben des Einzelnen und der Gesellschaft beherrschen«Erich Fromm

Der einzige Spross eines »ängstlichen und launischen Vaters und einer zur Depression neigenden Mutter«, wie Fromm es später formulierte, hatte im Elternhaus »viel gelitten«. Doch er sah es als Chance. »Ich begann mich für die geheimnisvollen Ursachen menschlicher Reaktionen zu interessieren«, so Fromm. »Ich wollte die Gesetze verstehen lernen, die das Leben des Einzelnen und der Gesellschaft beherrschen.«

Bräuche als sozialer Kitt

Im Sommer 1922 promovierte er bei dem Heidelberger Soziologen Alfred Weber über »Das jüdische Gesetz«. In seiner Arbeit zeigte Fromm, wie das in alle Welt zerstreute Judentum über Jahrhunderte als Kollektiv erhalten blieb: durch Riten und Gesetze. Sie fungierten als Kitt, der die Gemeinschaft zusammenhielt. Hier offenbarte sich bereits Fromms lebenslanges Interesse daran, wie kollektive Traditionen den Einzelnen prägen.

Frieda Reichmann (1889–1957) |

Die gebürtige Karlsruherin machte Erich Fromm mit der Psychoanalyse vertraut und wurde seine erste große Liebe.

Frieda Reichmann betrieb damals in Heidelberg ein kleines Sanatorium. Weil sie dort nicht nur neurotische Leiden behandelte, sondern die Patienten, hauptsächlich assimilierte Juden, auch in den religiösen Sitten unterwies, wurde die Klinik bald als »Thorapeutikum« bekannt. Fromm hielt hier Vorträge und begann bei Frieda eine Psychoanalyse.

Diese stand, wie damals üblich, ganz im Zeichen der Libidotheorie von Sigmund Freud (1856–1939): Die im Unbewussten rumorende, verdrängte Triebenergie löse Symptome wie Ängste oder Zwänge aus. Diese seelische Spannung musste bewusst gemacht und »abgeführt« werden.

Als sich Frieda und Erich über derlei Themen näherkamen, riet sie ihm, die Analyse bei jemand anderem fortzusetzen. Fromm wechselte zu dem Münchner Psychoanalytiker Wilhelm Wiltenberg. 1928, zwei Jahre nach der Heirat mit Frieda, setzte er seine Ausbildung bei dem Freud-Intimus Hanns Sachs in Berlin fort.

Die Metropole an der Spree war während der Weimarer Republik eine Hochburg der Psychoanalyse. Hier befand sich mit der 1920 gegründeten Poliklinik nicht nur das erste Ausbildungsinstitut. In Preußen galt zudem die »Kurierfreiheit« – Heilbehandlungen waren auch ohne Arztdiplom gestattet. So eröffnete Fromm Ende der 1920er-Jahre selbst eine Praxis am Bayerischen Platz im vornehmen Südwesten der Stadt

Freud, Marx und die Freiheit

In Berlin kam er mit dem Freudo-Marxismus in Kontakt. Dieser verband die Psychoanalyse mit der von Karl Marx (1818–1883) entwickelten Gesellschaftstheorie. Fromm faszinierte der Gedanke, die Theorie des Unbewussten in den Dienst der Revolution zu stellen. Für ihn verfolgten Marx und Freud den gleichen, materialistischen Ansatz, lediglich ihre Perspektive unterschied sich: Während der eine die äußeren Produktionsverhältnisse in den Blick nahm, untersuchte der andere die innere Triebstruktur des Menschen. Fromm wollte beides verknüpfen, denn nur wer die äußeren und inneren Widerstände überwand, gelangte zu echter Freiheit – so sein Credo.

Dem inzwischen über 70-jährigen Freud war das ein Graus. Er hielt es für eine Illusion, zu glauben, durch die Überwindung von Klassenschranken und strenger Sexualmoral entstünde ein neuer, freierer Mensch. Freud betrachtete die patriarchale Ordnung als naturgegeben und notwendig: Das vom Vater repräsentierte moralische Gewissen, das »Über-Ich«, hielt die Triebregungen des »Es« im Zaum. Und das Ich war jener Ort, an dem der unvermeidliche Konflikt ausgetragen wurde. Fromm dachte zu optimistisch, als dass er sich diesem negativen Menschenbild anschließen mochte.

Ab Ende der 1920er-Jahre verfolgte Fromm neben dem Brotberuf als Analytiker noch eine Leidenschaft: als Gesellschaftsforscher. Er wurde 1930 von dem Philosophen Max Horkheimer (1895–1973) zum Leiter der Abteilung für Sozialpsychologie am jungen Institut für Sozialforschung in Frankfurt am Main berufen, das ganz dem Marxismus geweiht war.

»Das Sein bestimmt das Bewusstsein«Karl Marx

Fromms erster Vortrag dort trug den Titel »Psychoanalyse und Soziologie«. Er hob die enge Verbindung beider Disziplinen hervor: Um die Gesellschaft zu verstehen, musste man auf das Individuum blicken – und umgekehrt. Denn wie schon Marx gesagt hatte: »Das Sein bestimmt das Bewusstsein«. Sprich: Die sozialen und ökonomischen Verhältnisse prägten den Menschen.

Nur wie? Laut Fromm war jede Kultur durch einen vorherrschenden Sozialcharakter gekennzeichnet. Diesem gemäß wollte das Individuum, was es wollen sollte. Um unter den jeweiligen Bedingungen existieren zu können, übernahm es die durch die Erziehung vermittelten Werte und Wünsche.

In Deutschland zählten dazu vor allem »preußische Tugenden« wie Disziplin und Gehorsam. Um sie gutzuheißen, musste man die eigene Unterwerfung »libidinös besetzen«, wie es in der Sprache der Psychoanalyse hieß, sie also als lustvoll empfinden. Das wiederum förderte den Drang, auch andere zu dominieren. Beherrscht werden und andere beherrschen seien zwei Seiten derselben Medaille, so Fromm.

Die Gewaltexzesse des Ersten Weltkriegs wurzelten demnach im »sadomasochistischen Charakter« des bürgerlichen Subjekts. Später erklärte Fromm auch den Aufstieg der Nazis mit dem autoritären Denken, das der deutsche Kleinbürger verinnerlicht hatte.

Exil und Welterfolg

Als Ende Januar 1933 Hitlers NSDAP in Deutschland an die Macht kam, war Fromm als Jude und Marxist doppelt gefährdet. Er erreichte, von einer Lungentuberkulose kaum genesen, im Mai 1934 per Schiff New York.

Durch Kontakte zur Columbia University gelang es Fromm, ein neues Domizil für das Institut für Sozialforschung in Manhattan zu vermitteln. Doch Horkheimer stand zunehmend unter dem Einfluss eines genialen Kollegen, der Fromms Kulturpsychologie strikt ablehnte: Theodor Wiesengrund Adorno (1903–1969).

Ende der 1930er-Jahre teilte man Fromm mit, seine Lebenszeitstelle am Institut sei nicht länger finanzierbar. Nach zähen Verhandlungen einigte er sich mit Horkheimer auf eine Abfindung – und war fortan hauptsächlich freier »public intellectual«. In seinem auf Englisch verfassten ersten Buch »Escape from Freedom« gab er 1941 eine psychologische Erklärung für den Aufstieg der Nazis. Viele Deutsche seien vor der Last der Freiheit in die Arme der Ideologen geflohen. Denn Freiheit bedeute stets, sich aus kollektiven Bindungen zu lösen, und das mache Angst.

Fromm stützte sich auf Einsichten, die er zehn Jahre zuvor in der unveröffentlichten »Arbeiter- und Angestelltenstudie« gesammelt hatte. Demnach überdeckte die vorgeblich progressive Gesinnung nur das autoritäre Denken vieler »Sozialisten« und Gewerkschafter, die Fromm nach ihren Einstellungen und Vorlieben befragt hatte.

Karen Horney (1885–1952) |

Fromms Lebenspartnerin ab Mitte der 1930er-Jahre entwickelte gemeinsam mit ihm wichtige Ansätze der Neo-Psychoanalyse.

Fromms Ehe mit Frieda, die ebenfalls in die USA emigrierte, war inzwischen gescheitert. Doch er führte bereits eine neue Beziehung zu der noch etwas älteren, 1885 geborenen Psychoanalytikerin Karen Horney. Diese war, obwohl keine Jüdin, bereits 1932 ins neue Eldorado der Seelenkunde, die USA, ausgewandert. Auf langen Reisen durch Nordamerika entwickelten Fromm und Horney eine kulturbezogene Psychoanalyse, die bald als Neo-Psychoanalyse bekannt wurde.

Ihr zufolge wurzelte seelisches Leid nicht primär in verdrängter Triebenergie. Vielmehr lösten der Stress des modernen Lebens sowie der Gegensatz zwischen dem sozial Geforderten und dem wahren Ich des Menschen Ängste, Depressionen und andere Nöte aus. »Die wirklichen Ursachen [der Neurose] liegen nicht in individuellen Erlebnissen, sondern in der gesellschaftlichen Struktur«, schrieb Fromm 1935 in dem Aufsatz »Die gesellschaftliche Bedingtheit der psychoanalytischen Therapie«.

Nachdem er sich im Streit um eine Lehrbefugnis als Nichtmediziner auch mit Horney überworfen hatte, zog er 1950 nach Mexiko. Dort baute Fromm ein psychoanalytisches Institut nach seinen eigenen Vorstellungen auf. Kritik am Kalten Krieg und der atomaren Aufrüstung wurde immer mehr zu seiner Mission. Den Protest gegen den Vietnamkrieg, gegen Naturzerstörung und gegen die bürokratische Normierung des Menschen formulierte kaum jemand so eloquent wie der gebürtige Frankfurter.

»Wenn Fromm eins hasste, dann waren es Partys«Rainer Funk, Psychoanalytiker

1973 zog er mit seiner dritten Ehefrau, der US-Amerikanerin Annis Freeman, zurück nach Europa, ins Schweizer Locarno. Er hatte bereits mehrere Infarkte überstanden und lebte nun eher zurückgezogen am Ufer des Lago Maggiore. Kurz zuvor war Max Horkheimer gestorben, der seinen Alterswohnsitz wenige Kilometer entfernt in Montagnola oberhalb des Lago di Lugano hatte. Keiner der beiden hatte das Bedürfnis verspürt, sich auszusprechen; nach dem Zerwürfnis in Amerika traf man sich nie wieder.

Am 18. Februar 1980 lud die Stadt Locarno zu einer vorgezogenen Feier ein, da der Ratssaal an Fromms eigentlichem Geburtstag belegt war. Fromm, seine Frau und einige Freunde verließen den Festakt vorzeitig und gingen in ein Restaurant. »Wenn Fromm eins hasste, dann waren es Partys«, so sein Assistent, der Analytiker Rainer Funk (* 1943). Fünf Tage vor dem bereits begangenen 80. erlitt Fromm einen weiteren Infarkt und starb.

Wie aktuell ist Fromm heute?

Fromms Thesen prägten das Lebensgefühl vieler Menschen in den 1970er- und 1980er-Jahren – und sie strahlen bis in unsere Zeit aus. In Bestsellern wie »Die Kunst des Liebens«, »Wege aus einer kranken Gesellschaft« sowie »Haben oder Sein« plädierte er für ein Umdenken. Der Mensch müsse die »Liebe zum Leben« wiederentdecken und seine produktiven Eigenkräfte entfalten, statt in Konformismus, Leistungsdenken und Nekrophilie – Fromms Begriff für die Liebe zum Toten, bloß Maschinellen – zu verfallen. Nicht im Modus des »Habens«, der jede menschliche Regung als Tauschgeschäft betrachte, sondern im spontanen Sein sah er die Antwort auf die moderne Sinnleere. Nur so lasse sich die Entfremdung im Industriekapitalismus überwinden.

Das Problem an dieser Argumentation: Fromm unterstellte den zufriedenen, angepassten Menschen, sie seien in Wahrheit krank, weil die Gesellschaft, in der sie lebten, krank sei. Doch wer anderen einen Defekt zuschreibt, nur weil sie nach Wohlstand streben oder technischen Errungenschaften frönen, zieht den Kreis der Gesunden allzu eng. Kategorien wie krank und gesund lassen sich auf eine Abstraktion wie »die Gesellschaft« vermutlich nicht anwenden, denn die Gesellschaft sind wir alle – sie ist hochkomplex und vielfältig. Krankheitsdiagnosen zu vergeben, indem man deren Hauptkriterium, das Leiden, ins Unbewusste verschiebt, ist zudem problematisch.

Erich Fromm – ausgewählte Werke

1935: Über die gesellschaftliche Bedingtheit der psychoanalytischen Behandlung

1941: Escape from Freedom (deutsch: Die Furcht vor der Freiheit, 1952)

1955: The Sane Society (deutsch: Wege aus einer kranken Gesellschaft. Der moderne Mensch und seine Zukunft, 1960)

1956: The Art of Loving. An Inquiry Into the Nature of Love (deutsch: Die Kunst des Liebens, 1959)

1962: Beyond the Chains of Illusion: My Encounter with Marx and Freud (deutsch: Jenseits der Illusionen, 1967)

1976: To Have or to Be (deutsch: Haben oder Sein. Die seelischen Grundlagen einer neuen Gesellschaft, 1976)

Mit dem Scheitern des Kommunismus Anfang der 1990er-Jahre verlor Fromms Utopie eines »humanistischen Sozialismus« an Attraktivität. Als durchaus mehrheitsfähig erwies sich dagegen seine Idee, die Gesellschaft sei der Haupttreiber für seelische Notlagen.

So wird aktuell die Zunahme psychischer Diagnosen oft damit begründet, dass die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter auseinandergeht. Der Stress des Alltags, Unsicherheit im Beruf und in der Schule, zu hohe Ansprüche und die gefühlte Pflicht, sich gut zu präsentieren – all das birgt zweifellos Konflikte. Doch auch hier lässt sich einwenden: Es macht nicht per se krank.

Seelische Krankheit ist »multikausal«. Die Gene, das soziale Umfeld sowie kollektive Normen und die durch sie geprägten Denk- und Gefühlsmuster tragen in vielfältigen Wechselwirkungen dazu bei. Insofern ist Fromms These von der krank machenden Gesellschaft allzu einseitig.

In einem Punkt erscheint sein Denken jedoch brandaktuell: Im beginnenden KI-Zeitalter erlebt Fromms Plädoyer gegen blinde Technikgläubigkeit ein Revival. Künstliche Intelligenz bietet schier grenzenlose Möglichkeiten zur Manipulation unseres Denkens. Wenn sich Deepfakes, also täuschend echte Videos, sowie vermeintlich menschliche, uns stets zugewandte Avatare nach Belieben generieren lassen, droht das bisherige Konzept von Wahrheit und Empathie zu erodieren. Das konnte Fromm zwar nicht vorhersehen. Doch seine Technikskepsis findet unserer Tage wachsenden Zuspruch.

Dieser Beitrag beruht auf Steve Ayans erzählendem Sachbuch »Die Revolutionäre des Ich« (dtv, 2026) über Leben und Werk von Karen Horney, Erich Fromm, Alice Miller und Paul Watzlawick – vier der einflussreichsten Psychologinnen und Psychologen des 20. Jahrhunderts.

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  • Quellen

Hofmann, K., Erich Fromm and Frieda Fromm-Reichmann – Their Years in Germany, 1994

Horney, K., Neurose und menschliches Wachstum. Das Ringen um Selbstverwirklichung, 1950

Funk, R., Erich Fromm. Liebe zum Leben, 1999

Paris, B., Karen Horney. Leben und Werk, 2006

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