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News: Erkennen Sie die Melodie

Ein Gedicht besteht aus Wörtern, ein Lied aus Noten. Doch während jede Suchmaschine nur einen Reim benötigt, um binnen Sekunden genau das gesuchte Werk eines Poeten zu finden, ist es beinahe unmöglich aus einer gepfiffenen Liedzeile auf einen bestimmten Song zu schließen. Beinahe, denn ein gewieftes Computerprogramm könnte bald die Suche nach einer bestimmten CD revolutionieren.
"Ich habe da im Radio so ein Stück gehört, das mir total gut gefällt. Ich weiß aber nicht, wie es heißt - es klingt so ein bisschen wie von U2, aber der Sänger hat 'ne ganz andere Stimme..." Anfragen wie diese können den versiertesten CD-Verkäufer zur Verzweiflung bringen, doch Rettung ist in Sicht: Informatiker an der Universität Bonn haben ein Programm entwickelt, das anhand einer kurzen Notenfolge in Sekundenbruchteilen das entsprechende Musikstück "heraushört". In Zukunft soll der Computer sogar gesummte oder gepfiffene Melodiefragmente erkennen können. Auf ganz ähnlicher Technologie basiert ein System, das selbst feine Experten-Ohren übertrumpft: Es erkennt beispielsweise, ob die Aufzeichnung einer Symphonie vom Orchester der Bonner Beethovenhalle oder von den Berliner Philharmonikern stammt.

notify! heißt die pfiffige Software, die inhaltliche Anfragen an Musikstücke beantworten kann. "Sie können das Prinzip mit der Volltextsuche einer Internet-Suchmaschine vergleichen", erklärt Michael Clausen von der Universität Bonn. Möchte man beispielsweise wissen, aus welchem Text der Satz "Wer reitet so spät durch Nacht und Wind?" stammt, so wird man mit jeder Suchmaschine schnell fündig - aha, Goethes "Erlkönig". Die Möglichkeit, durch Eingabe eines Musikfragments Informationen zum entsprechenden Titel zu finden, gab es dagegen bislang nicht.

notify! beherrscht diese Kunst - momentan allerdings nur, sofern der Benutzer die Kunst des Notenschreibens beherrscht: "Unser Programm arbeitet auf MIDI-Basis [Musical Instrument Digital Interface, Red.]", erklärt Clausen. "Der Nutzer gibt per Mausklick oder angeschlossenem MIDI-Keyboard die gesuchte Notenfolge ein." Auch mehrstimmige Musikanfragen lassen sich so stellen. In weniger als einer Zehntel Sekunde findet das System eine Folge von zehn Noten in einer Datenbank von mehr als 12 000 Musikstücken. Doch notify! ist nicht nur flott, "es ist auch ausgesprochen fehlertolerant", betont Clausens Mitarbeiter Frank Kurth. Und das muss es auch sein, wenn es in einem geplanten nächsten Schritt auch ins Mikrofon gesummte oder gepfiffene Anfragen beantworten soll. "Schließlich stimmt da der Rhythmus nie ganz, oder der Ton wird nicht genau getroffen", erläutert Kurth.

Gerade Musikwissenschaftler werden an der Suchmaschine ihre Freude haben - lässt sich mit ihr doch beispielsweise die Frage beantworten, wer alles Beethoven beklaute. Dabei findet das Programm die eingegebene Notenabfolge auch in solchen Stücken, in denen sie eine andere Tonhöhe hat oder im Takt an einer anderen Stelle beginnt. Sogar nach leichten Variationen des Themas kann der Nutzer suchen.

Kurths Software audentify! hört sogar noch genauer hin und identifiziert nicht nur das vorgespielte Klassik-Stück als Antonio Vivaldis "Vier Jahreszeiten, sondern erkennt auch, dass die Aufnahme aus der Bonner Beethoven-Halle stammt und nicht von den Berliner Philharmoniker intoniert wurde. Dennoch ist es robust gegen Veränderungen, wie sie beispielsweise bei der Aufnahme im Internet-Format MP3 [Moving Pictures Experts Group Layer III, Red.] entstehen.

An audentify! sind momentan vor allem die Musikfirmen interessiert, da sich mit der Software Filter realisieren lassen, die den Austausch rechtlich geschützter Musikdateien im Internet kontrollieren. Dass das kommerzielle Verwertungspotenzial der Software groß ist, belegen auch verschiedene Preise, die Clausen und Kurth in Unternehmerwettbewerben gewonnen haben. Die beiden Wissenschaftler planen nun, ihr Know-how über eine eigene Firma zu vermarkten. Musikkenner Clausen ist auf die Hilfe seines Programms selbst wohl nicht angewiesen. "Ich wollte ursprünglich sogar Musik studieren", gesteht der Wissenschaftler. "Aber mein Vater hielt das für brotlose Kunst."

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