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Hirnforschung: Erkennen Sie die Melodie?

Bachkantate oder Straßenlärm - für manche Menschen spielt das keine Rolle: Melodientaube können mit Musik nichts anfangen - ihr Gehirn aber doch.
"Musik wird oft nicht schön gefunden,
Weil sie stets mit Geräusch verbunden",
wusste schon Wilhelm Busch. Nun mögen einige musikalische Machwerke für manche Ohren tatsächlich wir Lärm klingen – wobei sich über Musikgeschmack trefflich streiten lässt.

Für schätzungsweise zwei Prozent der Bevölkerung stellen allerdings musikalische Klänge jeglicher Form keinen Genuss dar: Melodientaube sind nicht in der Lage, harmonische Tonfolgen zu erkennen. "Für schwer betroffene melodientaube Personen klingt das Lied 'Yankee Doodle' nicht anders als der Verkehrslärm in Manhatten", weiß Dennis Drayna. "Es ist für sie völlig bedeutungslos."

Zusammen mit dem Sprachwissenschaftler Allen Braun und weiteren Kollegen vom National Institute on Deafness and Other Communication Disorders in Bethesda wollte der Genetiker wissen, was in den Köpfen der Menschen vorgeht, die an dieser Erbkrankheit leiden.
"Für Melodientaube klingt ein Lied wie Verkehrslärm"
(Dennis Drayna)
Die Forscher veröffentlichten hierzu im Internet einen Distorted Tunes Test, bei dem Misstöne in kurzen Musiksequenzen erkannt werden sollen, und prüften damit 1218 Personen. Hiervon untersuchten sie jene zehn Prozent mit dem schlechtesten Ergebnis auf Hörschäden und konnten schließlich sieben Personen herausfischen, die unter einer schweren Melodientaubheit litten, aber ansonsten vollkommen gesund waren.

Diese Probanden bekamen dann 102 bekannte Melodien wie "Happy Birthday" zu hören, von denen jedoch die Hälfte mit einem falschen Ton endete. Gleichzeitig maßen die Forscher die Hirnaktivität ihrer Versuchshörer per Elektroenzephalografie (EEG).

Dabei machten sich die Wissenschaftler zu Nutze, dass das menschliche Denkorgan sofort reagiert, wenn etwas nicht stimmt: Sobald ein wahrgenommener Reiz der Erwartung widerspricht, drückt es seine Verwirrung mit so genannten ereigniskorrelierten Potenzialen aus. So zeigt die EEG-Kurve eine verstärkte negative Spannung, die als Mismatch-Negativität (MMN) bekannt ist. Andererseits taucht nach 300 Millisekunden ein positiver Ausschlag namens P300 auf. Bei zehn gesunden Kontrollpersonen wurden die Misstöne auch prompt mit diesen Signalen gekontert.

Wie reagierten nun die melodientauben Probanden auf die Dissonanzen? Wie zu erwarten, fiel bei ihnen das MMN-Signal aus. Doch bei P300 erlebten die Forscher eine Überraschung: Obwohl die Versuchspersonen den falschen Ton nicht bewusst wahrnahmen, zeigte ihr Gehirn ein normales P300-Signal. Wie kann das sein?

Weil die Fehlerantworten in unterschiedlichen Hirnarealen entstehen, vermuten die Wissenschaftler. Während das MMN-Signal in der Nähe des primären auditorischen Kortex generiert wird, erscheint P300 im Frontallappen. Demnach registriert das melodientaube Gehirn falsch gespielte Noten durchaus, aber die Querverbindungen zwischen verschiedenen Hirnzentren, die für eine bewusste Wahrnehmung notwendig sind, scheinen gestört.

Melodientaube Menschen können daher niemals dem Zauber der Musik erliegen – Lieder, Sinfonien, aber auch nervtötende Ohrwürmer bleiben ihnen verschlossen. Ihr musikalisches Erleben beschränkt sich – frei nach Wilhelm Busch – auf den visuellen Genuss:
"Beim Duett sind stets zu sehn:
Zwei Mäuler, welche offen stehn."

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