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Ernährung: Ergebnisse wie von der Lebensmittelindustrie bestellt

Suppe hält schlank? Eine Studie zeigt das. Doch Vorsicht: Sie ist von der Industrie finanziert, wie so viele. Auffallend oft fallen solche Untersuchungen zu Gunsten der Firmen aus. Forscher fordern deshalb unabhängige Förderung.
Ein fragwürdiges Studienergebnis: Der Verzehr von Suppe soll Fettleibigkeit vorbeugen.

Wussten Sie, dass der Verzehr von Suppe Fettleibigkeit vorbeugen und Weintrauben und Blaubeeren die kognitiven Fähigkeiten von Studierenden verbessern können? Beide Erkenntnisse zählen zu den neusten der Ernährungsforschung. Und sie stammen aus Untersuchungen, die von Lebensmittelherstellern unterstützt werden.

Mehr als 13 Prozent der Studien in zehn der wichtigsten ernährungswissenschaftlichen Zeitschriften hatten Verbindungen zur Lebensmittelindustrie. Das geht aus einer aktuellen Analyse im Magazin »PLOS ONE« hervor. Von diesen Studien waren mehr als die Hälfte zu Ergebnissen gekommen, die im Sinn der Unternehmen waren, heißt es weiter.

Schon vor der »PLOS«-Veröffentlichung gab es Hinweise auf den Zusammenhang von Industrie und Forschung. Aber dies ist die erste umfassende Analyse über das Ausmaß in führenden ernährungswissenschaftlichen Fachzeitschriften, sagt Hauptautor Gary Sacks, ein Forscher für öffentliche Gesundheit an der Deakin University in Australien. Ungesunde Ernährung sei weltweit die Hauptursache für Krankheiten, »deshalb ist dieser Bereich zu wichtig, als dass die Lebensmittelindustrie die Wissenschaft verzerrt, sagt Sacks. Seine Studie zeige eindeutig: »Wenn die Lebensmittelindustrie involviert ist, ist die Forschungsagenda auf Dinge verzerrt, die für die Lebensmittelindustrie wichtig sind.«

Das »Journal of Nutrition« hat die höchste Industriebeteiligung

Sacks und seine Kollegen analysierten 1461 Artikel, die in den 10 meistzitierten Peer-Review-Journalen zu Diät und Ernährung im Jahr 2018 veröffentlicht wurden. Sie fanden heraus, dass Lebensmittelhersteller fast 200 finanziert hatten oder mit ihnen in Verbindung standen. Etwa 55 Prozent der Studien mit Industriebeteiligung kamen entweder zu dem Schluss, dass ein Lebensmittel gesundheitsfördernd ist, oder untergruben den Nachweis, dass ein Produkt schädlich ist. Weniger als 10 Prozent der Artikel ohne Industriebeteiligung taten dies.

Das »Journal of Nutrition« (JN), das von der American Society for Nutrition herausgegeben wird, hatte den höchsten Anteil an Industriebeteiligung. Lebensmittelhersteller haben fast 30 Prozent der 223 Artikel finanziert, die das Magazin im Jahr 2018 veröffentlichte. Teresa Davis, Chefredakteurin des JN und pädiatrische Ernährungswissenschaftlerin am Baylor College of Medicine, sagt, die Zeitschrift lehne keine Manuskripte auf Grund ihrer Finanzierungsquellen ab. Sie halte es für unangemessen, Studien basierend auf der dahinterstehenden Institution, Finanzierungsquelle oder dem Herkunftsland abzulehnen, sagt sie. Das wäre diskriminierend. »Wir bewerten die Wissenschaft.«

»Die Industrie finanziert eher Forschungen, die den Nutzen ihres Produkts zeigen oder von dessen Schaden ablenken«
(Lisa Bero, Pharmakologin)

Davis sagt, die Industrie müsse die Ernährungsforschung mitfinanzieren, weil die US-Regierung zuletzt immer weniger Studien gefördert habe. Sacks stimmt zu, dass mehr staatliche und unabhängige Finanzierungsquellen benötigt werden, und schlägt vor, die Finanzierung durch die Industrie zu bündeln, sie durch eine unabhängige Stelle zu verteilen und so die Integrität der Forschung zu schützen.

»Wir könnten uns vielleicht in diese Richtung bewegen, aber im Moment ist das nicht ohne Weiteres möglich«, sagt Davis zu dem Vorschlag. »Das wäre die ideale Situation.« Sie fügt hinzu, dass JN einen »sehr rigorosen Prozess« für die Bewertung der Transparenz und wissenschaftlichen Reproduzierbarkeit – Schlüsselprinzipien der wissenschaftlichen Methode – der von ihr veröffentlichten Studien hat.

Fragen, Konzepte und Interpretation im Sinn der Lebensmittelindustrie

Sorgfältiges Peer-Review sei womöglich unzureichend, sagt Lisa Bero, eine Pharmakologin an der University of Colorado in Denver, die sich mit der Verzerrung von Forschung beschäftigt. Bero vermutet, dass die Industrie die Forschung vom Peer-Review unbemerkt beeinflusst. Vier Weisen, auf die die Industrie die Forschung laut der Pharmakologin manipuliert: Sie beeinflusst die Forschungsfragen, die Studienkonzepte, die Interpretation der Daten und ob unvorteilhafte Ergebnisse überhaupt veröffentlicht werden. »Die Industrie finanziert eher Forschungen, die den Nutzen ihres Produkts zeigen oder von dessen Schaden ablenken«, sagt sie. »Das Problem dabei ist, dass das vielleicht nicht die wichtigsten Gesundheitsfragen sind.«

Bero kritisiert auch, dass manche Teams einzelne Nährstoffe erforschen. »Die Lebensmittelindustrie neigt dazu, sich auf bestimmte Nährstoffe zu konzentrieren, die in einem verarbeiteten Produkt manipuliert werden können, [und] das erlaubt ihnen, Gesundheitsaussagen zu machen«, sagt sie. »Sind diese reduktionistischen Fragen die wichtigen Fragen in der Ernährung? Viele Leute argumentieren, dass sie es nicht sind.«

»Die gesamte Ernährung zählt – alles, was Sie essen, plus Ihr Lebensstil, plus Genetik«
(Marion Nestle, Ernährungswissenschaftlerin)

Marion Nestle, eine Molekularbiologin und Ernährungswissenschaftlerin an der New York University, stimmt dem zu. »Die gesamte Ernährung zählt – alles, was Sie essen, plus Ihr Lebensstil, plus Genetik«, sagt sie. »Es gibt nur einen Grund, diese Art von Forschung zu betreiben, und das ist, das Produkt zu unterstützen.« Davis vom »Journal of Nutrition« stimmt zu, dass es wichtig ist, die allgemeinen Ernährungsgewohnheiten zu betrachten, sagt aber auch, man müsse wissen, »wie sich die einzelnen Nährstoffe auf die Gesundheit auswirken«.

Ein übergeordnetes Problem, sagt Nestle, sei, dass sich die Forscher oft nicht bewusst sind, wie sehr die Industrie ihre Arbeit beeinflusst. »Die Voreingenommenheit kommt in erster Linie durch die Forschungsfrage«, sagt sie. »Die Art und Weise, wie die Forschungsfrage entworfen wird, ist so, dass sie die Antwort gibt, die der Geldgeber will.«

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