Direkt zum Inhalt

Ernährungssicherheit: Atomkrieg könnte weltweite Hungersnot auslösen

Sollten nukleare Sprengkörper auf Städte niedergehen, könnten Rauch und Ruß das Sonnenlicht dämpfen. Modelle zeigen, wie stark die Ernährungssicherheit weltweit gefährdet wäre.
Ein verdorbene Maispflanze auf einem Feld.
Ein verdorbene Maispflanze auf einem Feld. Im Fall einer atomaren Auseinandersetzung wären laut wissenschaftlichen Modellierungen ausreichende Ernten nicht mehr gesichert.

Der Kalte Krieg war ein Katastrophenszenario: Was passiert, wenn die Großmächte USA und Russland Atomwaffen aufeinander abfeuern? Nun hat der Krieg Russlands gegen die Ukraine erneut die Furcht vor einem Atomkrieg geschürt. Die Auswirkungen wären jedenfalls verheerend, insbesondere für die weltweite Ernährungssicherheit, wie eine Studie der Klimaforscherin Lili Xia von der Rutgers University in New Jersey und ihrem Team ergab.

Selbst ein vergleichsweise kleiner Atomwaffenkonflikt zwischen zwei Ländern könnte eine weltweite Hungersnot auslösen. Aus brennenden Städten stiegen Rauch und Ruß auf, die das einfallende Sonnenlicht zurück ins All reflektieren und so die Erde abkühlen würden. Weltweite Ernteausfälle wären die Folge, die – im schlimmsten Fall – die Leben von fünf Milliarden Menschen gefährden könnten. »Ein großer Prozentsatz der Menschheit würde verhungern«, sagt Lili Xia. »Das ist wirklich krass.«

Die im Fachblatt »Nature Food« veröffentlichte Studie ist das jüngste Ergebnis einer längerfristigen Analyse über die globalen Folgen eines Atomkriegs. Besondere Relevanz erhält die Untersuchung, da der Krieg Russlands gegen die Ukraine die weltweite Lebensmittelversorgung unterbrochen hat. Und damit deutlich gezeigt hat, wie sehr sich ein regionaler Konflikt auf die Welt auswirken kann.

Womit ist bei einer nuklearen Auseinandersetzung zu rechnen?

Ein Atomkrieg ist in mehrerlei Hinsicht tödlich. Die Explosionen töten Menschen, sie zerstören die Umwelt und die Strahlung kontaminiert ganze Landstriche. Xia und ihre Kollegen wollten nun die Folgen abseits des eigentlichen Kriegsschauplatzes untersuchen – womit müssten die Menschen auf dem Rest der Erde rechnen?

Die Forschenden modellierten daher, wie sich das Klima in verschiedenen Teilen der Welt nach einem Atomkrieg verändern würde – wie stark die Ernten und die Fischerei dadurch beeinträchtigt würden. Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler analysierten sechs Kriegsszenarien. Jedes geht von unterschiedlichen Mengen Ruß in der Atmosphäre aus, die die Oberflächentemperaturen zwischen 1 und 16 Grad Celsius senken würden. Die genannten Effekte könnten ein Jahrzehnt oder länger anhalten.

Ein Atomkrieg zwischen Indien und Pakistan, der sich an der Region Kaschmir entzünden könnte, würde geschätzte 5 bis 47 Millionen Tonnen Ruß in die Atmosphäre schleudern – je nachdem, wie viele Sprengköpfe eingesetzt und wie viele Städte zerstört würden. Bei einem großen Atomkrieg zwischen den Vereinigten Staaten und Russland könnten 150 Millionen Tonnen Ruß entstehen. Jahrelang würde eine dunkle Wolke die Welt einhüllen.

Der internationale Handel käme zum Erliegen

Das Team von Xia wertete Daten der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen aus. Damit berechneten die Forschenden, wie sich sinkende Ernteerträge und reduzierter Fischfang nach einem Atomkrieg auf die zur Verfügung stehende Nahrung auswirken würden. Wie viele Kalorien blieben für jeden Menschen übrig? Die Wissenschaftler bezogen verschiedene Kriterien in ihre Berechnungen ein, etwa ob Menschen weiterhin Vieh züchten oder ob sie einige oder alle für die Viehzucht bestimmten Futtermittel selbst verzehren würden. Auch gingen die Wissenschaftler davon aus, dass ein Teil der Nutzpflanzen, die zu Biokraftstoffen verarbeitet werden, für den Menschen aufbereitet werden würde. Ebenso könnte man versuchen, weniger Lebensmittel zu verschwenden. Als wahrscheinlich stufte die Arbeitsgruppe das Szenario ein, dass der internationale Handel brachliegen und die Länder ihre Lebensmittel nicht mehr exportieren würden. Die Ernährungssicherheit der eigenen Bevölkerung ginge dann vor.

Laut Xia beruht ihre Studie zwar auf vielen Annahmen und Vereinfachungen, wie die Welt auf einen Atomkrieg reagieren würde. Aber die Ergebnisse von Xias Team sind beeindruckend. Selbst beim schwächsten Szenario, einem Krieg zwischen Indien und Pakistan, bei dem fünf Millionen Tonnen Ruß in die Atmosphäre gelangen würden, könnte die weltweite Produktion von verwertbaren Kalorien in den ersten fünf Jahren nach dem Krieg um sieben Prozent zurückgehen. Bei 47 Millionen Tonnen Ruß sinkt die durchschnittliche Kalorienproduktion weltweit um bis zu 50 Prozent. Sollte ein Atomkrieg zwischen den USA und Russland ausbrechen, ginge die Kalorienproduktion drei bis vier Jahre nach dem Krieg um 90 Prozent zurück.

Am stärksten träfe es Länder in den mittleren und hohen Breiten. Dort ist die Anbauzeit jetzt schon kurz. Nach einem nuklearen Krieg würden sich diese Regionen jedoch noch stärker abkühlen – stärker als tropische Regionen. Im Vereinigten Königreich beispielsweise stünden sehr viel weniger Nahrungsmittel zur Verfügung als in einem Land wie Indien, das in niedrigeren Breiten liegt. Frankreich, das im großen Stil Lebensmittel exportiert, würde hingegen relativ glimpflich davonkommen, da mehr Nahrung für die eigene Bevölkerung vorhanden wäre – zumindest in den Szenarien mit geringeren Emissionen.

Ähnliches gilt für Australien. Wäre das Land bei einem Atomkrieg vom Handel abgeschnitten, könnte es auf den Anbau von Weizen setzen, der dort unter kühleren Klimabedingungen relativ gut gedeihen würde. Doch große Teile der Welt wären von Hunger bedroht.

Die Welt sollte die Folgen eines Atomkriegs genau kennen

Die Studie sei hilfreich, um die globalen Auswirkungen eines regionalen Atomkriegs auf die Ernährungssicherheit zu verstehen, sagt der Experte Deepak Ray von der University of Minnesota in Saint Paul. Doch weitere Arbeiten seien erforderlich, um die komplexe Nahrungsmittelproduktion auf der Welt genau simulieren zu können. So müsste der Anbau von Pflanzen innerhalb einzelner Länder genauer differenziert werden – wo wächst welche Pflanze für welchen Zweck?

Während des Kalten Kriegs stand die Welt wohl einem Atomkrieg sehr viel näher als heute. Allerdings verfügen gegenwärtig neun Länder über insgesamt mehr als 12 000 Atomsprengköpfe. Die Welt sollte daher genau wissen, welche katastrophalen Folgen ein Atomkrieg haben kann. »Es passiert wahrscheinlich nicht, aber wenn es passiert, dann ist jeder betroffen«, sagt Ray. »Das macht die Sache so gefährlich.«

Schreiben Sie uns!

Wenn Sie inhaltliche Anmerkungen zu diesem Artikel haben, können Sie die Redaktion per E-Mail informieren. Wir lesen Ihre Zuschrift, bitten jedoch um Verständnis, dass wir nicht jede beantworten können.

Partnerinhalte