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Neozoen: Eroberung mit Köpfchen

Erfolgreiche Entdecker und Invasoren zeichnen sich nicht nur durch Wissensdurst und Gier nach Neuem aus, sondern zumeist auch durch intelligente Strategien, um an ihre selbst gesteckten Ziele zu kommen. Das ist in der Vogelwelt nicht anders: Die klugen Kerlchen kommen in neuen Welten meist weiter als der Rest der Sippschaft.
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Was haben indische Halsbandsittiche in Heidelberg, deutsche Stare in New York oder javanische Reisfinken auf Mauritius gemeinsam? Richtig: Sie gehören dort ursprünglich nicht hin, haben sich aber erfolgreich in ihrer neuen Heimat ausgebreitet und machen sich ab einer bestimmten Anzahl bei Naturschützern oder Landwirten ausgesprochen unbeliebt. Aber abgesehen davon verfügen diese Vögel anscheinend noch über eine weitere Parallele, die anderen verschleppten, aber in der Etablierung weniger erfolgreichen Verwandten fehlt: ein großes Gehirn, das sie kognitiv besser auf ungewohnte Situationen und Lebensräume vorbereitet.

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Europäische Stare in Amerika | Stare – ursprünglich in Europa beheimatet – fühlen sich auch in der Neuen Welt wohl.
Zu diesem Schluss kommen zumindest Wissenschaftler um Daniel Sol von der Universität Barcelona, nachdem sie die Neue-Heimat-Besiedelung von 196 Vogelarten weltweit betrachtet hatten. Insgesamt wurden diese Vögel nachgewiesenermaßen mindestens 646-mal absichtlich ausgesetzt oder versehentlich eingeführt. Den Piepmätzen gelang es allerdings nur in 243 Fällen, sich erfolgreich auszubreiten. Nicht jedes Scheitern ließ sich dabei nur auf geringe Hirnmasse zurückführen, aber viele Erfolge hingen eng mit dem jeweils vorhandenen Grips der einzelnen Spezies zusammen.

Dabei zogen die Forscher natürlich ins Kalkül, dass große Vögel größere Hirne haben als kleine Federtiere, weshalb sie die Hirngröße immer in Relation zur Körpermasse brachten. Eines zeigte sich allerdings bei großen wie bei kleinen Spezies: Die jeweiligen Schlauberger setzten im Vergleich zur mit weniger grauen Zellen gestraften nahen Verwandtschaft ihre kognitiven Fähigkeiten bei der Eroberung von Neuland erfolgreich ein – vor allem bei den fundamentalen Entscheidungen des Überlebens wie der Erschließung neuer Futterquellen, der Vermeidung oder Abwehr von natürlichen, aber unbekannten Feinden als auch bei der zeitlichen Neujustierung des Brutgeschäft. Ein großes Gehirn erleichterte somit wohl die Findung neuer Strategien, mit denen es sich in der neuen Umgebung gut einleben lässt.

Gerade bei den Fraßstrategien deutete sich der kognitive Vorsprung der gefiederten Intelligenzija nachhaltig an: Von den knapp 200 erfolgreichen Invasoren entwickelten 109 Arten mindestens eine Innovation bei der Futtersuche; insgesamt waren es 410. Und diese Zahlen dürften auch nur die Spitze der tierischen Patentanmeldungen sein, denn auf Grund der vorhandenen Datenlage beschränkten sich Sol und seine Kollegen auf Vögel, die aus Europa und dem Nahen Osten in die Welt hinauszogen.

Was aber ist mit anderen Einflussfaktoren, etwa der Fruchtbarkeit einer Art oder ihrer Lebensraumansprüche? Auch dies sind natürliche gewichtige Parameter, die über Wohl und Wehe einer erfolgreichen Besiedelung mitentscheiden. So können etwa zeugungsfreudige Spezies wie Stare oder Sperlinge, die außerdem keine exquisiten Geschmacksvorlieben aufweisen, getrost als weltweit erfolgreiche Exportprodukte Europas bezeichnet werden. Allerdings erweist sich hier bei Einbeziehen der Hirngröße ebenfalls, dass die Klugen besser abschneiden als die weniger Begabten.

Da das spezifische Hirnvolumen zudem meist nicht nur artabhängig ist, sondern sich ebenso auf höheren taxonomischen Ebenen nachweisen lässt, ergeben sich daraus laut den Wissenschaftlern interessante evolutionäre Zusammenhänge. Weil größere Denkorgane die Anpassung an neue Umwelten erleichtern, fördern sie wiederum die Durchsetzungsfähigkeit eben jener klugen Arten. Im Endeffekt ergibt sich daraus vielfach eine stete Fortentwicklung des Hirnvolumens. Unter diesem Aspekt sollte man den tierischen Einwanderern vielleicht doch dann und wann etwas mehr Respekt für ihre geistigen Kapazitäten zollen.
15.03.2005

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 15.03.2005

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