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Paläodemografie: Erstaunlich viele Eiszeit-Europäer

In der letzten Eiszeit war Europa zwar recht unwirtlich - aber wohl längst nicht ungemütlich genug, um alle Menschen zu vertreiben. Tatsächlich blieben womöglich mehr als gedacht.
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Seit Menschen auf der Erde wandeln, gleicht ihre Bevölkerungsentwicklung einer Achterbahnfahrt. So erreichte die zunächst prosperierende Population des Homo sapiens den bekanntesten Tiefpunkt vor gut 100 000 Jahren: Seine Zahl sank in Folge von Naturkatastrophen – vielleicht dem Ausbruch des Toba-Vulkans – auf womöglich gerade einmal 10 000, was sich als genetischer Flaschenhals noch heute in unserem Erbgut widerspiegelt. Paläodemografie ist allerdings ein kompliziertes wissenschaftliches Feld – und Schätzungen, nach denen die Menschheit dann vor 10 000 Jahren wieder 5 Millionen und vor 2000 Jahren schließlich 300 Millionen Köpfe zählten, gelten eher als geraten. Da überrascht das Selbstbewusstsein, mit dem finnische Forscher nun Zahlen liefern: Sie glauben ziemlich genau sagen zu können, wie die Bevölkerung Europas sich während der Eiszeit mit dem Auf und Ab des Klimas veränderte.

Nach dem alten Homo erectus vor langer Zeit waren vor etwa 27 000 Jahren, also lange vor dem Beginn des letzten Eiszeitmaximums, längst auch einige moderne Homo sapiens sapiens nach Europa eingewandert. Als der Kontinent dann aber zunehmend vereiste, zogen sich die Nachkommen der Pioniere in halbwegs brauchbare Überwinterungsquartiere zurück. Dabei sank die Bevölkerung sicherlich – aber wie sehr? Wohl auf noch mindestens 130 000 Menschen vor 23 000 Jahren, als es in Europa gerade richtig kalt war, zählten die Wissenschaftler nun nach.

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Bevölkerungsentwicklung in der Eiszeit | Die simulierte Dichte und Ausbreitung der europäischen Bevölkerung während der letzten Eiszeit. Archäologische Fundstellen sind mit einem schwarzen Punkt gekennzeichnet.

Sie benutzen dabei Modellrechnungen zur Bevölkerungsentwicklung, die sich bei demografischen Prognosen von modernen Wildbeuterkulturen bewährt haben, und setzten sie in Bezug mit Klimaaufzeichnungen aus der Eiszeit. Ethnografische Studien, so die Idee hinter dem Ansatz, können tatsächlich eine Korrelation von Klimabedingungen und Bevölkerungszahl abbilden: Die klimatischen Bedingungen wirken sich bei Wildbeuterkulturen einigermaßen berechenbar auf die Mobilität und die Größe der Streifgebiete aus, was dann einen nachvollziehbaren Einfluss auf die Ernährungssituation und die Bevölkerungsentwicklung hat.

Mit aus solchen Zusammenhängen abgeleiteten Parametern gingen die Forscher nun zunächst davon aus, dass insgesamt 330 000 Menschen vor 30 000 Jahren Europa besiedelt haben. Nach der Eiszeit, vor 13 000 Jahren, lebten dann 410 000 auf dem Kontinent. Insgesamt wäre damit allein die Bevölkerung Europas über die gesamte ungünstige Klimaperiode hinweg erstaunlich hoch gewesen – andere Forscher hatten gerade einmal 6000 Menschen als Restbevölkerung angenommen. Möglich war eine deutlich höhere Zahl dennoch, so nun das finnische Team, weil nach ihrer Berechnung und Klimadatenauswertung doch immerhin 36 Prozent der Siedlungsfläche des Kontinents auch in den eisigsten Jahrtausenden noch halbwegs zusammenhängend bewohnbar geblieben sind.

Unsicherheiten blieben natürlich, geben die Forscher zu bedenken. Sicher aber sei ihre Methode der grobschlächtigen Berechnung von Genetikern überlegen, die aus DNA-Untersuchungen nur einen monoton stetigen Bevölkerungsanstieg in den letzten 50 000 Jahren herausrechnen. Dieser gleichmäßige Anstieg passe allerdings überhaupt nicht etwa zur archäologischen Fundlage, die nahelegt, dass es immer mal fette und weniger fette Jahrzehntausende in der menschlichen Besiedlungsgeschichte gegeben haben muss.

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