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Sicher helfen: Wie hilft man Hyperventilierenden?

Schnelle Atmung, Panik im Gesicht – bei einer Hyperventilation helfen meist ruhige Worte und ein Plastikbeutel. Warum Mediziner trotzdem auf Ursachensuche gehen, kurz erklärt.
Kreischende Frau auf Konzert
Hyperventilierende Menschen atmen zu schnell und zu tief. Mitunter kommt das auch bei Konzerten vor (Symbolbild).

Achtung: Dieser Text bietet lediglich einen Überblick über Erste-Hilfe-Maßnahmen. Er ersetzt keinen Erste-Hilfe-Kurs. Kursangebote bieten unter anderem das Deutsche Rote Kreuz, die Malteser, die Johanniter und der Arbeiter-Samariter-Bund.

Die Konzerthalle ist voll. Als die Band auf die Bühne kommt und die ersten Akkorde ihres neuesten Hits anstimmt, fängt die Menge an zu kreischen. Alle feiern ausgelassen, und Sie sind mittendrin. Ihr Blick fällt auf die junge Frau neben Ihnen. Statt wie noch vor wenigen Sekunden laut mitzusingen, atmet sie jetzt extrem schnell. Ihre Augen sind weit aufgerissen, die Hände verkrampft.

Was ist los?

Die Frau hyperventiliert; ihre Atmung ist also schnell, und zugleich sind ihre Atemzüge tief. Hyperventilierende haben oft das Gefühl, nicht genug Luft zu bekommen. Manche kriegen Muskelkrämpfe oder werden ohnmächtig. Auslöser sind meist Stress, Angst- oder Panikattacken. Sechs bis elf Prozent der Bevölkerung sind betroffen, tendenziell mehr Frauen als Männer. Menschen mit Asthma oder chronisch obstruktiver Lungenerkrankung (COPD) hyperventilieren vermutlich öfter als der Rest der Bevölkerung. Diese Forschungsergebnisse sind jedoch mehrere Jahrzehnte alt; neuere Zahlen liegen nicht vor.

Wer hyperventiliert, atmet verstärkt Kohlenstoffdioxid aus. Dadurch sinkt die CO2-Konzentration im Blut, wo das Gas größtenteils in seiner gelösten Form vorkommt. Fehlt dem Blut CO2, wird es weniger sauer; der pH-Wert steigt an. Bei hohen pH-Werten ab 7,45 bindet das Mineral Kalzium im Blut vermehrt an Bluteiweiße und steht dem Körper nicht mehr zur freien Verfügung. Dieser vorübergehende Kalziummangel hat zur Folge, dass Muskel- und Nervenzellen leichter erregbar sind. Betroffene berichten dann über Krämpfe in Händen und Füßen. Typischerweise verharren die Hände in der so genannten Pfötchenstellung, bei der das Handgelenk tendenziell nach unten gewinkelt ist und die Finger aneinandergelegt sind. Außerdem kribbelt die Haut um den Mund herum und fühlt sich pelzig an.

Ist das gefährlich?

Auch wenn sich Hyperventilieren für Betroffene oft sehr bedrohlich anfühlt, ist es im Normalfall ungefährlich. Wichtig ist aber, dass Fachleute die Beschwerden ernst nehmen und mögliche körperliche Ursachen ausschließen. Normalerweise steuert das Atemzentrum im Gehirn, wie schnell und tief man atmet. Registrieren die Zellen einen hohen CO2-Gehalt im Blut, beschleunigt und vertieft sich die Atmung automatisch. In diesen Fällen sind schnelle und tiefe Atemzüge also sinnvoll, weil der Körper so das überschüssige Gas wieder los wird. Diese regulierende System kann jedoch durch Krankheiten wie einen Schlaganfall oder ein Schädel-Hirn-Trauma beeinträchtigt sein, so dass die Betroffenen dauerhaft schneller und tiefer atmen. Gleiches geschieht bei Lungenerkrankungen, bei denen zu wenig Sauerstoff im Blut ankommt, oder wenn der Körper bei Nierenversagen oder einem unbehandeltem Diabetes mellitus übersäuert.

Besonders bei jungen Frauen mit Atembeschwerden müssen Mediziner eine lebensgefährliche Lungenerkrankung, die Lungenembolie, ausschließen: Dabei bildet sich zunächst ein Blutgerinnsel in einer Beinvene. Von dort wandert es in die Lungengefäße und verstopft eines von ihnen. Ähnlich wie bei einer Hyperventilation klagen Betroffene über Luftnot und atmen schnell. Zusätzlich schlägt ihr Herz schneller oder sie werden plötzlich bewusstlos. Vor allem Raucherinnen und Frauen, die mit der Pille verhüten, haben ein erhöhtes Risiko. Bei einer unerkannten Lungenembolie liegt das Sterberisiko bei bis zu 30 Prozent.

Sicher helfen

Erste Hilfe rettet Leben. Wenn jemand in eine medizinische Notsituation gerät, sind wir deshalb alle verpflichtet, zu helfen. Trotzdem zögern viele Menschen im Ernstfall, oft aus Angst vor Fehlern. Diese Unsicherheit muss aber nicht bleiben. In unserer Serie »Sicher helfen« erklären wir, was im Notfall zu tun ist: Wie erkennt man einen Schlaganfall? Welche Informationen braucht der Notruf? Und wann muss man reanimieren?

Wie kann man helfen?

Als Erstes sollten Helfende mit den Betroffenen die auslösende Situation verlassen und wenn möglich einen ruhigen Ort aufsuchen. Am besten lassen sich Hyperventilation beruhigen, indem man mit ihnen redet und sie ablenkt. Auch Papier- oder Plastiktüten können helfen: Dazu atmen Betroffene eine Zeit lang in eine Tüte ein und aus, die Mund und Nase umschließt. Mit jedem Atemzug sammelt sich mehr Kohlenstoffdioxid im Beutel an, das die Betroffenen wiederum einatmen. Auf diese Weise normalisiert sich der Säuregehalt im Körper und die Beschwerden verschwinden langsam.

Wenn die Betroffenen trotzdem nicht aufhören zu hyperventilieren, sollten Helfende den Notruf 112 wählen. Die Rettungskräfte untersuchen, ob körperliche Auslöser hinter den Beschwerden stecken, die sie sofort behandeln müssen. Erst wenn diese ausgeschlossen sind, verabreicht das Notarztteam ein Beruhigungsmittel.

Wie geht es weiter?

Nach überstandener Hyperventilation sollten die Betroffenen beim Allgemeinmediziner auf Ursachensuche gehen. Hier wird eine körperliche Untersuchung durchgeführt und es werden psychische Beschwerden abgefragt. Besonders wenn die betroffenen Personen immer wieder hyperventilieren, ist eine Psychotherapie sinnvoll. In dieser können sie unter anderem Entspannungstechniken erlernen, mit deren Hilfe sie in stressigen Situationen ruhig bleiben. Einige profitieren auch von einer Physiotherapie, in der sie Atemübungen wie die Bauchatmung gezielt trainieren: Dazu legt man die Hände zwischen Nabel und Brustbein auf den Bauch. Nun atmet man bewusst gegen den leichten Händedruck ein und aus, so dass sich die Hand spürbar hebt und senkt. Welche Atemtechniken bei Hyperventilation tatsächlich wirksam sind, wurde bislang allerdings noch nicht systematisch erforscht.

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