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Seuchenbekämpfung: Erste Lehren aus Ehec

Ein Berliner Symposium zeigte: Im Umgang mit Ehec wurden Vorschriften umgangen - zum Nutzen der Patienten. Aus den improvisierten Reaktionen sollen nun neue Regeln werden.
Ehec-Bakterien im DarmLaden...
Informationen müssen schneller fließen – und zwar deutlich schneller. So lässt sich eines der Ergebnisse des Symposiums der Deutschen Gesellschaft für Nephrologie zusammenfassen, auf dem Ende vergangener Woche Lehren aus dem Ehec-Ausbruch für das Management kommender Infektionskrankheiten gezogen wurden. Statt in bis zu 18 Tagen sollen künftig erste Erkenntnisse über eine bevorstehende Epidemie die Spitze der Meldekette in lediglich drei Tagen erreichen.

Ungefähr 3500 Menschen hatten sich mit dem ab Mai 2011 in Deutschland grassierenden E.-coli-Stamm infiziert; 53 Erkrankte fielen ihm zum Opfer, insgesamt 855 Patienten entwickelten das lebensbedrohliche hämolytisch-urämische Syndrom. Verglichen mit früheren Ausbrüchen des Darmkeims in anderen Ländern habe das Krisenmanagement insgesamt gut abgeschnitten, hieß es auf dem Berliner Symposium. Die Ehec-Epidemie sei schnell erkannt und schnell eingedämmt worden.

Besser geht immer

"Würden wir aber glauben, dass alles ideal verlaufen wäre, hätten wir natürlich keine Konferenz einberufen", sagt der Präsident der Nierenforscher-Gesellschaft, Reinhard Brunkhorst. Der Ausbruch habe einige Schwächen im deutschen Meldesystem für Infektionskrankheiten offenbart, insbesondere könne es bei der Informationsweitergabe zu Verzögerungen kommen, die Brunkhorst als "nicht hinnehmbar" bezeichnete.

Intime BindungLaden...
Intime Bindung | Meist werden Ehec-Bakterien mit infizierter Nahrung aufgenommen. Der jüngste Ausbruch, der in Norddeutschland seinen Ausgang genommen hat, wurde durch einen ungewöhnlich aggressiven Ehec-Stamm verursacht und ist durch schwere und drastische Krankheitsverläufe gekennzeichnet. Im Gegensatz zu vorherigen Infektionswellen stammen die Erreger dieses Mal aber wohl nicht – wie üblich – aus Rohmilchprodukten, sondern von kontaminiertem Gemüse.
Laut Gesetz sind Ärzte dazu verpflichtet, die örtlichen Gesundheitsämter innerhalb von 24 Stunden zu informieren, wenn sie meldepflichtige Krankheiten diagnostizieren. Diese haben dann bis zum dritten Werktag der Folgewoche Zeit, die Landesbehörden zu alarmieren, die sich wiederum eine Woche lang Zeit nehmen dürfen, bevor sie an die Bundesbehörden herantreten.

Diese Fristen wurden während des Ehec-Ausbruchs allerdings durchweg unterschritten und Informationen tagtäglich weitergereicht – eine Praxis, die nun zur Regel werden soll. Wie Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr auf der Veranstaltung erklärte, soll ein entsprechendes Verfahren demnächst verpflichtend werden.

Mehr Daten, schneller

Seuchenexperte Gérard Krause vom Robert Koch-Institut in Berlin begrüßte diesen Schritt, andere Probleme seien jedoch nicht so leicht in den Griff zu bekommen. "So eine Kette bringt nur dann etwas, wenn die richtige Information weitergegeben wird", sagt der Forscher. Das deutsche Gesundheitssystem zwingt jedoch die Ärzte, nicht mehr Tests durchzuführen, als für die Behandlung notwendig sind – so fehlt es an umfassenden Daten, in denen eine Epidemie sich frühzeitig abzeichnen könnte. "Wenn wir systematisch Stichproben nehmen würden – sagen wir, jeden zehnten Fall – und diese einer umfassenden Analyse unterzögen, hätten wir es erheblich leichter, neue Bakterienstämme zu entdecken", erläutert Krause.

Wie Minister Bahr einräumte, hätten auch mangelnde Kommunikation und Kompetenzwirrwarr zwischen Landes- und Bundesbehörden die Bewältigung des Ehec-Ausbruchs verkompliziert. Nur sei es eben schwierig, die verschiedenen Ebenen im Gesundheitswesen dazu zu bringen, ein gemeinsames digitales Informationssystem zu entwickeln, wie es einige Konferenzteilnehmer gefordert hatten.

Improvisierte Therapien

An anderer Stelle lief die Kommunikation jedoch wie am Schnürchen: Krankenhausmitarbeiter bündelten nicht nur effektiv Ressourcen und Fachkompetenzen, sondern erprobten auch kurz entschlossen neue Behandlungsstrategien gegen das hämolytisch-urämische Syndrom (HUS). Die Immunoadsorptionstherapie etwa, bei der Antikörper aus dem Blutplasma entfernt werden, scheint einige neurologische Begleiterscheinungen von HUS erfolgreich gemildert zu haben, ergaben aktuelle Untersuchungen [1].

"Zwingt man die Leute zu sehr in ein Korsett, verlieren sie an Schwung und Energie."
Jan Kielstein
Ob sich das Medikament Eculizumab, das normalerweise bei Störungen des Immunsystems gegeben wird, gegen HUS bewährt, muss sich hingegen noch zeigen. Auf die Ergebnisse einer entsprechenden Studie warten die Mediziner momentan. Laut Brunkhorst belege die schnelle Reaktion, wie wichtig es sei, Fachleute permanent im Umgang mit Krisen zu schulen.

Goldgrube Datenbank

Noch über Monate werden Wissenschaftler mit der Auswertung der während des Ausbruchs gesammelten Daten beschäftigt sein. Der Nierenforscher Jan Kielstein von der Medizinischen Hochschule Hannover half bei der Erstellung einer Patientendatenbank mit, die innerhalb einer Woche nach Ausbruch der Krankheit eingerichtet wurde. Nun umfasst sie Daten über 418 HUS-Patienten – eine wahre Goldgrube.

Es sei schwierig gewesen zu entscheiden, welche und wie viele Informationen aufgenommen werden sollten, erklärt der Wissenschaftler. Im Nachhinein bedaure man daher einige Versäumnisse. Der Fragebogen erfasste beispielsweise nicht die Anzahl weißer Blutkörperchen des Patienten. Das sei frustrierend, da Vorabergebnisse auf der Konferenz nahelegen, dass schwere Komplikationen besonders bei HUS-Patienten mit vielen weißen Blutkörperchen auftraten.

Kein enges Korsett

Erfreulich sei hingegen, dass man sich entschlossen hatte, in den Fragebogen Freitextfelder einzufügen, sagt Kielstein. So habe man Informationen erhalten, die man von sich aus nie abgefragt hätte. Auf der anderen Seite habe dies natürlich die Auswertung erheblich erschwert.

Ihre Erfahrungen mit dem Patientenregister wollen Brunkhorst und Kielstein nun abschließend dokumentieren. Das soll die Einrichtung ähnlicher Projekte in Zukunft erleichtern. "Wir mussten improvisieren", sagt Brunkhorst, "und es funktionierte ganz gut. Aber innerhalb eines festgelegten Rahmens hätte es sicher noch besser funktioniert." Diese Ansicht teilt auch Kielstein. Man dürfe aber auch nicht den Enthusiasmus Einzelner vergessen, gibt er zu bedenken. In Krisenzeiten sei genau das wichtig: "Zwingt man die Leute zu sehr in ein Korsett, verlieren sie an Energie und Schwung."

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