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Demografie: Es fehlt - wie immer - an Geld

Zehn Jahre nach der Weltbevölkerungskonferenz in Kairo ziehen die Vereinten Nationen Bilanz. Zwar lassen sich Erfolge in der Umsetzung damals beschlossener Maßnahmen feststellen - doch nicht gezahlte, obwohl zugesicherte Leistungen seitens der Industrieländer kosten noch immer Millionen Menschen, vor allem Frauen und Kinder, das Leben.
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Zahlen sind eine trockene Angelegenheit. Es ist oft schwer, sie mit Leben zu füllen, ihre Ausmaße zu erfassen – beziehungsweise die dahinter steckende Botschaft. Sobald es um Tausende, Millionen, Milliarden geht, versagt oft unsere Vorstellungskraft.

Auch die Zahlen des diesjährigen Weltbevölkerungsberichts sind auf den ersten Blick unvorstellbar – nicht nur, weil sie riesig sind, sondern weil sie eindringlich demonstrieren, wie ungerecht ungleich unsere gemeinsame Welt ist.

Da wäre beispielsweise die Zahl von 6,1 Milliarden US-Dollar. Was für eine Privatperson horrend klingen mag, gehört in Staatshaushalten zu normalen Größenordnungen und liefe beispielsweise bei Kriegskalkulationen unter Sonstiges. Genau diese Summe sollte, so verabschiedeten es die 179 Teilnehmerstaaten der Weltbevölkerungskonferenz in Kairo 1994, bis zum Jahr 2005 jährlich zur Verfügung stehen, um den dort entwickelten Aktionsplan zu finanzieren. Grundprinzip dieses Abkommens ist, dass alle Paare und Individuen auf dieser Welt das Recht haben, über ihre Familienplanung frei entscheiden zu dürfen. Um dieses Ziel zu erreichen, sind natürlich nicht nur der Zugang zu beispielsweise Verhütungsmitteln und angemessener medizinischer Versorgung nötig, sondern auch Aufklärungs- und Weiterbildungskampagnen.

Aber: Das Sparbuch blieb zu dünn – im Jahr 2003 konnte es gerade einmal 3,1 Milliarden Dollar verbuchen. Und selbst dafür gibt es weitere Hindernisse bei der Verwendung der Gelder. So knüpften die USA unter der Bush-Regierung beispielsweise viele ihrer Projekte im Bereich reproduktive Gesundheit an eine Abstinenz-Richtlinie, die statt Aufklärung und Verhütung Enthaltsamkeit fordert.

Lebensgefährliche Fortpflanzung

Dabei könnten 3,9 Milliarden Dollar 23 Millionen ungewollte Geburten und 22 Millionen Abtreibungen, 1,4 Millionen Todesfälle bei Kindern und 142 000 Todesfälle bei Schwangeren, davon 53 000 auf Grund einer unsicheren Abtreibung, verhindern. Denn diese Summe, so veranschlagt der Bevölkerungsfond der Vereinten Nationen in seinem Weltbevölkerungsbericht 2004, würde weltweit den Bedarf an modernen Verhütungsmitteln decken.

Was für uns selbstverständlich ist, seien es Kondome, die Pille oder andere Methoden, bleibt für über 200 Millionen Frauen weiterhin ein unerfüllter Traum: An sichere Mittel zu gelangen, mit denen sie eine Schwangerschaft verhindern können. Und der Bedarf nach solcher Unterstützung wird angesichts der weltweiten Bevölkerungsentwicklung gerade in den armen Ländern noch deutlich steigen – die Autoren rechnen mit 40 Prozent. Immerhin ein kleiner Erfolg: Trotz aller Finanzierungsproblemen ist die Rate der verheirateten Paare, die Familienplanung betreiben, von 55 auf 61 Prozent gestiegen.

Ein besonderes Problem bleibt die Müttersterblichkeit, die sich seit 1994 kaum verändert hat. In den Entwicklungsländern sind Komplikationen bei der Geburt immer noch eine der Haupttodesursachen von Frauen zwischen 15 und 49 Jahren, und das Risiko steigt mit der Armut. In den Industrieländern stirbt eine von 4000 Frauen an Schwierigkeiten in der Schwangerschaft oder bei der Geburt – in Westafrika jede zwölfte. Arme Frauen werden häufiger ungewollt schwanger, bekommen früher ihr erstes Kind und im Leben insgesamt mehr Nachwuchs als Frauen in wohlhabenderen Ländern. Mangelnde fachliche Betreuung verschärft dann das Problem, denn in Entwicklungsländern ist nur bei jeder zweiten Geburt eine entsprechend geschulte Person anwesend, in Südasien gar nur bei jeder dritten.

In Kriegs- und Katastrophengebieten steigt das Risiko weiter, da Schwangere hier noch seltener auf eine medizinische Betreuung hoffen können – und in etwa jede fünfte Migrantin trägt ein ungeborenes Kind in sich. Dazu kommt, dass durch die chaotischen Verhältnisse und den Zusammenbruch der gesellschaftlichen Strukturen häufig grundlegende Vorsichtsmaßnahmen außer Acht gelassen werden, ungeschützter Geschlechtsverkehr, Teenagerschwangerschaften und lebensgefährliche Abtreibungen sind die Folge.

Aids auf dem Vormarsch

Wichtig in diesem Zusammenhang ist auch der Schutz der Betroffenen vor der Ansteckung mit sexuell übertragbaren Krankheiten. Fast vierzig Millionen Menschen sind inzwischen mit dem HI-Virus infiziert, 20 Millionen Opfer hat die Immunschwächekrankheit Aids in den letzten beiden Jahrzehnten bereits gefordert. Immer noch hat aber nur ein Fünftel der besonders Gefährdeten Zugang zu Präventionsmaßnahmen, und nur eine Minderheit der Infizierten kann eine lebenserhaltende Therapie in Anspruch nehmen.

Gerade hier steht und fällt der Erfolg von Gegenmaßnahmen mit der Aufklärung – und der Akzeptanz in der Gesellschaft. Zahlreiche Länder haben inzwischen laut des Berichts Strategien zur Bekämpfung der Seuche entwickelt. Doch gerade Gruppen mit einem besonders hohen Ansteckungsrisiko werden davon zu wenig erreicht, und die Finanzierung von Kondomen und weiteren Kampagnen ist noch lange nicht ausreichend. Außerdem sind auch hier Frauen häufig besonders gefährdet: Traditionen, Diskrimierung und Gewalt erhöhen ihr Infektionsrisiko um ein Vielfaches, weil beispielsweise heute noch viele jung verheiratete Frauen in der Ehe den Gebrauch von Kondomen nicht einfordern können, obwohl sie wissen, dass ihr Mann andere Sexualpartner hat.

Besonders schwierig wird die Situation für Frauen in Krisengebieten, in denen sie besonders häufig unter Vergewaltigungen und anderen Gewalttaten leiden müssen, was unter anderem die Ansteckungsgefahr für HIV oder sonstige sexuell übertragbare Krankheiten ebenfalls steigert – von anderen seelischen und körperlichen Folgen ganz abgesehen.

Kümmert Euch um die Jugend!

Und: Alle 14 Sekunden infiziert sich ein Jugendlicher mit HIV, darunter immer mehr Mädchen – die Hälfte aller Neuinfizierten ist zwischen 15 und 24 Jahre alt. Doch junge Menschen, nicht nur in Entwicklungsländern, stehen auch sonst heute vor ernsthaften Problemen. Frauen, die früh verheiratet werden – und das an häufig deutlich ältere Männer –, beenden selten die Schule, werden meist schon in jungen Jahren, nicht immer gewollt, Mutter und leiden häufiger unter sexuell übertragbaren Krankheiten. Auch hier ist der Bedarf an Aufklärungskampagnen und Schutzmaßnahmen für die reproduktive Gesundheit weitaus größer als das Angebot, aber immerhin: 90 Prozent der Länder berichten, sie hätten hier Verbesserungsmaßnahmen in Angriff genommen.

Armut, die große Falle

Und noch eine Zahl, die vielleicht mehr als alle zuvor verdeutlicht, worin der Kern der Probleme liegt: 2,8 Milliarden Menschen leben immer noch von weniger als zwei Dollar am Tag. Die Armut der Welt ist hartnäckig, und wird von Krankheiten, Diskriminierung und Bevölkerungswachstum weiter verschärft. Und von der zunehmenden Verschlechterung der äußeren Lebensbedingungen: Übernutzte und daher ertraglose Böden, Wasserknappheit, Umweltkatastrophen und natürlich auch Kriege oder Unterdrückung machen das Überleben in vielen Regionen der Erde unmöglich und treiben die Menschen in die Flucht. Im Jahr 2000 gab es 175 Millionen Migranten, das sind 100 Millionen mehr als im Jahr 1960.

Die Weltkonferenz in Kairo hatte zu Maßnahmen aufgerufen, den Flüchtlingsstrom einzudämmen. Drei Viertel der Länder gaben in einer Nachfrage der Organisation an, sie wären dem gefolgt – wenn auch auf höchst unterschiedliche Weise: Während die einen die Integration der Migranten verbessern wollen, haben die anderen ihre Grenzkontrollen verschärft.

Wie geht's weiter?

Nach all diesen Zahlen noch einmal zum Anfang: 6,1 Milliarden Dollar jährlich hatten die Geberländer zugesichert, gerade einmal die Hälfte haben sie im Jahr 2003 gezahlt. Dass sich damit die Probleme nicht lösen lassen, braucht wohl keinen Milchmädchenrechnungsbeleg. Sicher ist viel Positives passiert in den Jahren seit Kairo, aber die Botschaft ist klar: Es ist noch jede Menge zu tun. Und sollten sich die Industrieländer in menschenunwürdiger Zechprellermanier vor ihrer Verantwortung drücken wollen, sehen sie zu kurz: Die Rechnung werden sie nicht los – sie wird nur immer teurer.
17.09.2004

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 17.09.2004

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