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News: Es liegt was in der Luft

Bestimmt gibt es jemanden, den Sie "nicht riechen" können, und so mancher Hersteller von Parfums und Deodorants verspricht neben dem Duft von Abenteuer und Freiheit auch unwiderstehliche Wirkungen beim anderen Geschlecht. Aber daß nicht nur Tiere, sondern auch Menschen unbewußt über chemische Substanzen in der Luft kommunizieren, wurde erst jetzt nachgewiesen.
Es gibt definitive Hinweise auf die Existenz menschlicher Pheromone – diese aufsehenerregende These vertreten Martha K. McClintock und Kathleen Stern von der University of Chicago in einem Bericht in Nature vom 12. März 1998. Bereits im Jahre 1971 entdeckte McClintock, daß bei einer Gruppe von Frauen, die zusammen lebten, die Wahrscheinlichkeit, daß sie synchronisierte Menstruationszyklen hatten, größer war, als durch Zufall zu erwarten wäre. Sie folgerte damals, daß es einen "zwischenpersönlichen physiologischen Prozeß gibt, der den Menstruationszyklus beeinflußt". Sie tippte auf ein menschliches Pheromon, doch war dies nur reine Spekulation.

Nach Aussage von Martha K. McClintock glauben "die Öffentlichkeit und viele Wissenschaftler, daß es menschliche Pheromone gibt. Sowohl die Medien als auch zahlreiche wissenschaftliche Texte führen diese Vermutung an, als ob es eine Tatsache wäre. Allerdings wurden bisher noch nie schlüssige Hinweise auf menschliche Pheromone geliefert."

Die Idee, daß Menschen Pheromone erzeugen könnten, gewann wahrscheinlich deswegen an Bedeutung, weil es die plausibelste Erklärung für einen Effekt zu sein schien, den viele jungen Frauen an sich selbst innerhalb ihrer sozialen Gruppen oder der Universität bemerkt haben: die Synchronisation der Menstruationszyklen. Außerdem gibt es viele Nachweise für eine chemische Kommunikation zwischen Tieren – warum sollte deshalb der Mensch dies nicht ebenfalls tun? Ein weiteres Indiz war die Entdeckung, daß das vomeronasale Organ – eine Struktur, die andere Säugetiere benutzen, um Pheromone aufzuspüren – bei Menschen kein verkümmertes Organ wie zum Beispiel der Blinddarm ist. Diese spezialisierte Struktur, die in der Nähe der Nasenhöhle zu finden ist, weist zudem geschlechtsspezifische Unterschiede auf.

Dennoch war die Beweisführung, daß menschliche Pheromone wirklich existieren, nicht einfach. Synchronisierte Menstruationszyklen könnten von gemeinsam verrichteten Routinearbeiten herrühren oder von Signalen aus der Umwelt ausgelöst werden. Selbst die Unterscheidung, ob die Kommunikation durch einen Duftstoff oder ein Pheromon verläuft, das gemäß Definition nicht als Geruch wahrnehmbar ist, war nicht unkompliziert.

Zwischen der Studie aus dem Jahr 1971 und dem aktuellen Bericht lernte McClintock in Experimenten mit Nagetieren eine Menge über die Steuerung reproduktiver Zyklen über Pheromone. Durch isoliert gehaltene weibliche Ratten, deren Käfige über eine gemeinsame Luftzufuhr verbunden waren, fand sie heraus, daß es zwei Pheromone gab: eines, das den Östruszyklus verlängerte, und eines, das ihn verkürzte (Östrus ist die Periode der sexuellen Aktivität und Kopulationsbereitschaft bei vielen Säugetieren).

Jetzt haben McClintock und Stern Hinweise auf ein System der gleichen Art bei Menschen gefunden. Sie konnten Pheromone nachweisen, die nicht zu riechen waren, und haben einen Mechanismus beschrieben, nach dem die Signalstoffe die Menstruation verschiedener Frauen synchronisieren können.

Die Forscherinnen sammelten die Körpergerüche von Frauen auf Wattebäuschen und rieben sie auf die Oberlippen der Frauen, die diese Gerüche empfangen sollten. Während der nächsten beiden Menstruationszyklen wurde die Prozedur täglich wiederholt. Es ergab sich, daß der Ablauf des Zyklus tatsächlich systematisch beeinflußt werden konnte: Stoffe aus der Follikelphase beschleunigten den Anstieg des Luteinisierenden Hormons und verkürzten so die Zyklusdauer. Substanzen von den gleichen Spenderinnen, die später während des Eisprungs gewonnen wurden, verzögerten die Hormonausschüttung und verlängerten dadurch den Menstruationszyklus. Genau wie bei Ratten scheinen auch bei Menschen zwei Pheromone an diesem Vorgang beteiligt zu sein.

Die Forscherinnen führten alle durch Pheromone verursachten Veränderungen auf die Stadien der Follikelphase oder der Ovulationsphase zurück, wohingegen andere Abschnitte der Menstruation keine regulierenden Substanzen hervorbrachten.

Aron Weller von der Bar-Ilan University in Israel meint, daß die Studie "zum ersten Mal eindeutig zeigt, daß das Potential für die chemische Kommunikation unter Einbeziehung sexueller Funktionen bei Menschen im Verlauf der Evolution bewahrt wurde". Nach seiner Ansicht eröffnen die Ergebnisse neue Möglichkeiten bei der Empfängnisverhütung und der Behandlung von Unfruchtbarkeit. Und er glaubt, daß "wir vielleicht noch entdecken werden, daß andere Aspekte unseres Verhaltens und unserer Physiologie während der sozialen Interaktion durch die verborgenen Geruchsbotschaften anderer Menschen beeinflußt werden".

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