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Orientierung: Essen mit Stimmgabeln

Wer beim Essen Geräusche macht, wird sich mit Sicherheit - zumindest in unserem Kulturkreis - den einen oder anderen kritischen Blick einfangen. Würden sich australische Termiten nach den Regeln des Freiherrn von Knigge benehmen, wären sie vermutlich längst obdachlos oder schlicht verhungert.
Termiten lieben Holz
Termiten: Ameisen, die Gebäude zum Einsturz bringen, alles kurz und klein fressen und riesige Wohntürme errichten. Dieses Bild ist ebenso weit verbreitet wie fehlerhaft. Längst nicht alle Termitenarten leisten sich luxuriöse Unterkünfte. Dieser Komfort ist den höher entwickelten vorbehalten, die "niederen" leben in einfachen Nestern. Sie sind zudem mit den Schaben näher verwandt als mit den Ameisen. Unbestritten ist allerdings, dass es Gattungen gibt, die sich in Möbeln und Schiffsplanken um die halbe Welt verfrachten lassen, und dass die gefräßigen Tierchen dabei erheblichen Schaden anrichten können vielfach belegt. Ganze Häuser soll ihre Fresslust schon zum Einsturz gebracht haben. Sind die Insekten tatsächlich Fressmaschinen, denen gleich ist, was sie vor ihre Mandibeln bekommen?

Cryptotermes domesticus | Die Termitenart Cryptotermes domesticus schätzt die Größe ihrer Nahrung offenbar anhand der Frequenzen ein, mit denen das angenagte Holzstück schwingt.
Ganz und gar nicht, meinen Wissenschaftler um Theodore Evans von der australischen Forschungsorganisation CSIRO. Zwar war in Wissenschaftlerkreisen längst bekannt, dass Termiten das Holz, das sie fressen vorher genau untersuchen. Wie sonst wäre zu erklären, dass sich verschiedene Termitenarten auf unterschiedlich große Holzstücke konzentrieren, um Konkurrenz bei der Nahrungssuche zu vermeiden? Rätselhaft war den Forschern bisher jedoch, wie die Tiere dabei Maß nehmen.

Spielen möglicherweise Vibrationen eine Rolle? Evans und seine Kollegen gingen diesem Verdacht nach, indem sie Gruppen von Arbeitern der Art Cryptotermes domesticus mehreren akustischen Tests unterzogen. In einem Vorversuch hatte sich gezeigt, dass diese Termitenart – hat sie die Wahl zwischen verschieden langen Holzstücken – eher kurze bevorzugt. Daraufhin setzten die Forscher ihren Probanden erneut verschieden große Kiefernhölzer vor, allerdings mit einem Unterschied: Sie spielten Aufnahmen von Kaugeräuschen anderer Termiten, sowie zwei künstlich erzeugte Geräusche in die Blöcke ein, die sich jeweils in ihrer dominanten Frequenz voneinander unterschieden. In den ersten fünf Tagen protokollierten die Wissenschaftler, wie viele der Trockenholz-Termiten sich wo aufhielten, um sie dann für weitere neun Tage ungestört Gänge in das Holz bohren zu lassen. Anzahl und Tiefe der Tunnel nahmen sie am Ende des Versuchs auf.

Zum Einen waren die Testesser ausgesprochen wählerisch, zum Anderen ließen sie sich durch die falschen Kaugeräusche kräftig täuschen: Die Attraktivität der kurzen Hölzer ließ sich mit Aufnahmen natürlicher Kaugeräusche steigern, die zur Größe der Blöcke passten und von Artgenossen stammten. Sobald die kurzen Holzblöcke jedoch mit tiefen Schwingungen belegt und damit als längere getarnt waren, verloren die Termiten das Interesse. Einige Tiere wechselten sogar auf Holzklotz-Exemplare über, die tatsächlich länger waren, aus denen aber keine Kaugeräusche kamen – offenbar also, um vermeintlicher Konkurrenz auszuweichen. Interessanterweise reagierten sie aber anders, wenn die kurzen Hölzer mit künstlichen Fressgeräuschen belegt wurden. Zwar standen auch derart "verkleidete" Stücke bei den Probanden nicht mehr besonders hoch im Kurs, Konkurrenz witterten sie aber offensichtlich nicht. Das künstliche Hintergrundrauschen ohne erkennbare Frequenz blieb sogar vollkommen wirkungslos.

Kann es nicht auch sein, dass die Tiere ganz einfach gesehen haben, wie groß die Blöcke waren? Nein – da die Arbeiter blind sind, fällt diese Möglichkeit aus. Auch hatten die Probanden keine Gelegenheit die Teststücke abzulaufen. Entscheidend bei der Auswahl der Nahrung dürften tatsächlich die Frequenzen sein, mit denen ein Holzstück schwingt, sobald es von den Termiten angenagt wird. Empfindliche Organe an der Basis von Antennen und Schienbeinen fangen die Vibrationen auf. Dabei erkennen sie offenbar genau, ob das Signal von einem Artgenossen, einem Konkurrenten, oder von einer anderen Geräuschquelle ausgeht. Außerdem dürften die Tiere chemische Substanzen und die Härte des Holzes interpretieren, um einzelne Holzarten voneinander zu unterscheiden – von unsensiblen Fressmaschinen kann also keine Rede sein.

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