Direkt zum Inhalt

Ernährung: Kalorien zählen in der Schwangerschaft

Selbst in der Schwangerschaft stehen Frauen immer mehr unter Druck, fit und schlank sein zu müssen. Das trübt die Freude auf das Kind. Und einseitige Diäten können auch schaden.
Babybauch

Es ist ein täglicher Kampf. Schwangere Frauen, die unter einer Essstörung leiden, stecken in einer entsetzlichen Zwickmühle. Einerseits hassen sie jedes Gramm Fett auf ihren mageren Hüften und steigern durch ihrer Disziplin zu hungern ihr Selbstwertgefühl. Andererseits wächst ein Kind in ihnen heran, das genügend Nahrung braucht, um gesund auf die Welt zu kommen. Und das bedeutet zwangsläufig Gewichtszunahme. Denn nicht nur das Kind wächst auf durchschnittlich 3,5 Kilogramm, auch Plazenta, Gebärmutter, Fruchtwasser sowie ein erhöhtes Blutvolumen und vermehrte Fettreserven machen sich spätestens ab dem vierten Schwangerschaftsmonat auf der Waage bemerkbar.

Laut diverser Studien in Industrienationen leiden 5,1 bis 7,5 Prozent der Schwangeren unter Essstörungen wie Magersucht, Bulimie oder Binge Eating. »Ein Anstieg an klinischen Essstörungen ist aus den Daten der Perinatalerhebungen in Deutschland zum Beispiel im Rahmen der Anorexie aber nicht erkennbar«, sagt Frank Louwen, Gynäkologe an der Universität Frankfurt.

Was allerdings durchaus zunimmt: »Der Druck, schlank und fit zu sein, betrifft zunehmend auch Schwangere«, sagt der Münchner Psychologe Andreas Schnebel, Mitglied beim Bundesverband Essstörungen. Zahlen aus Deutschland gibt es dazu zwar nicht. Eine britische Studie unter Leitung von Nadia Micali, Psychologin an der University College London, belegte jedoch 2013, dass 23 Prozent der Schwangeren sich sehr um ihre Gewichtszunahme und ihr Aussehen sorgen. In einer US-Studie mit mehr als 159 000 Teilnehmerinnen aus dem Jahr 2014 nahm jede vierte werdende Mutter über neun Monate nicht genügend Gewicht zu, als normal gelten 7 bis 18 Kilogramm.

Japanische Ärzte wollen schmale Schwangere

Laut einem Review der Arizona State University aus dem Jahr 2017 äußerten sich die meisten Schwangeren bezüglich der anstehenden Gewichtszunahme beunruhigt und ängstlich. Kurzum: Ihr Selbstbild wird dadurch beschädigt und die Freude auf das Kind geschmälert.

Längst tummeln sich im Internet Tipps und Tricks, wie man auch am Ende der Schwangerschaft nicht »allzu schwanger« aussieht. In Japan halten sogar Ärzte werdende Mütter dazu an, trotz Schwangerschaft schmal zu bleiben, wie die »Ärztezeitung« kürzlich berichtete. Möglicherweise lasse sich damit erklären, warum in Japan das durchschnittliche Geburtsgewicht von Neugeborenen innerhalb von drei Jahren auf drei Kilogramm gesunken sei.

»Befeuert wird der Schlankheitswahn unter anderem durch Promis, die bereits wenige Tage und Wochen nach der Geburt aussehen, als wäre nichts gewesen«
(Andreas Schnebel)

»Befeuert wird dies unter anderem durch Promis, die bereits wenige Tage und Wochen nach der Geburt aussehen, als wäre nichts gewesen«, sagt Schnebel. So stakste Heidi Klum fünf Wochen nach der Geburt ihres Sohnes wieder für die Unterwäsche-Firma Victoria's Secret über den Laufsteg. Die ehemalige französische Justizministerin Rachida Dati ist fünf Tage nach der Geburt ihrer Tochter in Kostüm und Stöckelschuhen zu Kabinettssitzungen erschienen. Und die Designerin Victoria Beckham trug eine Woche nach der Geburt ihres vierten Kindes schon wieder Kleidergröße 34.

Das geht, wenn man das Kind einige Zeit vor dem Geburtstermin per Kaiserschnitt auf die Welt holt, da die Gewichtszunahme besonders in den letzten Tagen stattfindet. Persönliche Diätassistenten, Köche und Fitnesstrainer übernehmen dann das Übrige. Und auch während der Schwangerschaft tragen viele Promis enge Kleider und präsentieren stolz ihren Babybauch. Früher wurde dieser verschämt unter wallenden Gewändern versteckt.

Das Verhalten der Stars und Sternchen mag die Gemüter erhitzen, zeigt allerdings nur das Extrem einer zutiefst fettphobischen Gesellschaft. »Der Trend zur Selbstoptimierung mittels Diät, Fitnesstraining oder plastischer Chirurgie stigmatisiert Übergewichtige und macht auch vor Schwangeren nicht Halt«, weiß Schnebel. So häufen sich Ernährungsratgeber für werdende Mamis und Fitnessangebot wie »Buggyfit« oder »Schwangerschaftsyoga«, die während und nach der Schwangerschaft für einen wohlgeformten und gesunden Körper sorgen sollen.

»Bestimmte Antifettsuchtkampagnen schüren Vorurteile gegenüber Übergewichtigen«
(Nadia Micali)

Und die Ächtung von Übergewicht hat nicht nur ästhetische Gründe, sondern ist teils auch das ungewollte Nebenprodukt medizinischer Fürsorge. »Bestimmte Antifettsuchtkampagnen schüren Vorurteile gegenüber Übergewichtigen«, sagt Nadia Micali. Obendrein gelten zu viele Pfunde als selbst verschuldet. Betroffene könnten sich also einfach zügeln, meinen nicht nur Laien, sondern auch Mediziner. Dabei ist bewiesen, dass in Industrienationen mit ihrem Nahrungsüberangebot die Verhältnisse und weniger das eigene Verhalten, das von Steinzeit-Genen geprägt ist, dick machen.

Einige Ärzte kommentieren einen allzu großen Gewichtszuwachs bei Frauen, die ein Kind erwarten, dann auch negativ und taktlos. Denn: Nehmen Frauen in der Schwangerschaft übermäßig viel zu, steigt das Risiko für die Kinder, selbst übergewichtig zu werden. Unter dem Fachwort »fetale Programmierung« oder »pränatale Prägung« wird seit Jahren erforscht, wie sich Übergewicht und Bewegungsmangel auf das werdende Kind auswirken. »Schließlich hat sich der Anteil adipöser Frauen in den vergangenen Jahren auf mehr als 14 Prozent verdoppelt«, berichtet Louwen. Der Spruch, man sollte »für zwei essen«, ist daher längst überholt. In der Schwangerschaft zu darben, ist hingegen auch gefährlich. In der Arztpraxis ist also ein gewisses Fingerspitzengefühl gefragt, um Gelassenheit zu vermitteln, aber auch Risikoschwangerschaften, die durch zu viel oder zu wenig Gewicht entstehen, zu erkennen und den betreffenden Frauen dann Hilfe anzubieten, ohne sie vor den Kopf zu stoßen. Denn Hilfe ist in beiden Fällen dringend nötig.

Das Kind nimmt sich nicht, was es braucht

So ist bei bestehenden Essstörungen wie Magersucht oder Bulimie einerseits der Körper der Mutter in Mitleidenschaft gezogen. Osteoporose, Nierenprobleme, Entgleisungen des Elektrolythaushalts, Anämien oder Herzrhythmusstörungen können in der Folge auftreten. Schließlich wird in der Schwangerschaft der mütterliche Körper zu Gunsten des Kindes stark belastet. Dass das Kind »sich nimmt, was es braucht«, ist jedoch auch nicht die ganze Wahrheit, wie die Forschung erst in den letzten Jahren aufdeckte: Es kommt gehäuft zu Fehl- und Frühgeburten, Missbildungen, geringem Geburtsgewicht oder Kaiserschnitt. Der so genannte Apgar-Index, der das Befinden der Kinder direkt nach der Geburt vermisst, ist durchgehend niedriger.

Auch Stillprobleme und Fütterstörungen sind häufig. Später werden die Kinder beim Essen stärker gemaßregelt, als wenn sie bei gesunden Müttern aufwachsen, und entwickeln selbst womöglich ein gestörtes Essverhalten. Und eine Studie der Universität Turin zeigte kürzlich, dass die Kinder von Anorexie- oder Bulimie-Patientinnen im Alter von sieben Jahren häufiger Symptome von Atembeschwerden zeigen. Frauen mit Essproblemen haben zudem ein höheres Risiko, an Depressionen und Angststörungen zu leiden, was die Bindung zwischen Mutter und Kind erheblich erschwert.

Kürzlich gab Go Kanzaki, Mediziner an der Jikeij University School, zu bedenken, dass auch ein gezügeltes Essverhalten ohne echte Essstörung Auswirkungen auf das Kind haben könnte. So gibt es in Japan besonders häufig chronische Nierenleiden. Der Grund könnte der Trend zur schlanken Taille sein: Nimmt die Mutter in der Schwangerschaft zu wenig zu, wird eine geringere Anzahl an Nephronen beim Kind angelegt. Und dies könnte zu den besagten Nierenbeschwerden führen. »Allerdings hat der Körper einer gesunden Schwangeren eigentlich eine Art Puffer eingebaut«, sagt Jörg Dötsch, Pädiater an der Uniklinik Köln. »Unterversorgung durch Kalorienmangel tritt eher im Zusammenhang von Essstörungen und Hungersnöten auf.«

Keine Diäten in der Schwangerschaft

Von veganen oder kohlenhydratarmen (»low carb«) Diäten rät er trotzdem ab. Denn: »Hier besteht die Gefahr, dass bestimmte Mikronährstoffe in zu geringen Mengen zugeführt werden«, so Dötsch. Und das könne durchaus zu schwer wiegenden Krankheiten bei Kindern führen wie Neuralrohrdefekten bei Folsäuremangel oder Blutarmut und Gehirnentwicklungsstörungen bei einem Defizit an Vitamin B12. Auch gibt es Hinweise aus einer dänischen Studie aus dem Jahr 2017, dass der Konsum von Lightgetränken die Wahrscheinlichkeit für kindliches Übergewicht erhöht. »Ein endgültiger Beweis steht zwar noch aus«, meint Dötsch. »Aber niemand braucht diese Getränke für eine ausgewogene Ernährung, wie sie in der Schwangerschaft empfohlen wird.«

Eigentlich widerspricht der Magerwahn in der Schwangerschaft also komplett der Natur. Wie kommt es dann überhaupt dazu? »Einige Betroffene hatten früher eine Essstörung und erleiden nun mit der Schwangerschaft und dem sich verändernden Körper einen Rückfall«, erläutert Schnebel. Dass diese Frauen schwanger werden können, wurde lange bezweifelt, da bei starkem Untergewicht oft die Menstruation ausbleibt. Bei einer Normalisierung des Gewichts im Zuge einer Therapie kann sich jedoch auch der Zyklus schnell wieder normalisieren. »Es gibt aber auch den Fall, dass eine Essstörung erst mit der Schwangerschaft auftritt«, berichtet Schnebel.

Für all diese Frauen fehlt es an Hilfe. Einerseits weil die Frauen oft gar nicht sagen, dass sie krank sind, sie fühlen sich schuldig und unzulänglich. Zwar sind Gynäkologen auch in Sachen Erkennung von Essstörungen geschult. Trotzdem weist etwa Michaela Langer, Psychologin in Wien, darauf hin, wie wichtig es ist, ein Augenmerk auf ein sorgfältiges und genaues Nachfragen zu legen. »Der Frauenarzt hat eine wichtige Gatekeeper-Funktion für die Früherkennung inne, da dieser häufig erster Ansprechpartner auf Grund menstrueller und endokrinologischer Veränderungen ist«, so Langer.

»Das Sichkümmern oder das Stillen des Säuglings ist etwas Erfreuliches und verändert das Körperbild«
(Andreas Schnebel)

Und wenn dann eine Essstörung diagnostiziert ist, fehlt es an speziellen Therapienageboten. Darauf macht eine aktuelle Übersichtsstudie unter Leitung von Sarah Fogarty, Medizinerin an der University of Sydney, aufmerksam und fordert, Therapiemöglichkeiten besser zu erforschen. So könnte verhindert werden, dass die Betroffenen in alte Denkmuster und Gewohnheiten verfallen, die das Familienleben erschweren. Zwar weist die Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtsmedizin (DGGG) darauf hin, dass die gleichen Therapien wie für nichtschwangere Patientinnen helfen würden. Fogarty glaubt jedoch, dass ein maßgeschneidertes Programm, das den Fokus mehr auf die Mutter-Kind-Beziehung legt, optimal wäre.

Denn eine gute Mutter-Kind-Beziehung führt dazu, dass Frauen mit Essstörungen durch Schwangerschaft und Geburt geheilt werden, weil sie es als tolle Erfahrung empfinden. »Glücklicherweise gibt es viele solcher Fälle«, berichtet Schnebel. »Das Sichkümmern oder das Stillen des Säuglings ist dann doch für einige Frauen etwas Erfreuliches und verändert ihr Körperbild.«

36/2018

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 36/2018

Lesermeinung

Wenn Sie inhaltliche Anmerkungen zu diesem Artikel haben, können Sie die Redaktion per E-Mail informieren. Wir lesen Ihre Zuschrift, bitten jedoch um Verständnis, dass wir nicht jede beantworten können.

Partnervideos