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Verhalten: Esstörungen durch fehlgesteuertes Immunsystem?

Die Essstörungen Bulimie und Anorexie sowie damit verbundene charakteristische Verhaltensauffälligkeiten gehen mit unterschiedlichen Attacken körpereigener Antikörper auf Enzyme des Appetit regulierenden Stoffwechsels einher. Dies bestätigten nun Wissenschaftler der Karolinska-Universität nach Analysen von Blutproben einiger Betroffener.

Die Forscher konzentrierten sich auf den Nachweis von Antikörpern, die teilweise bereits zuvor mit den Krankheiten in Verbindung gebracht wurden. Wie sie nun nachweisen konnten, finden sich im Blutserum der Erkrankten erhöhte Mengen eines Antikörpers, der das Stress und Appetit regulierende alpha-melanocytenstimulierende Hormon (alpha-MSH), ein Neuropetid, angreift. Zudem erkannten die Forscher Antikörper, die Vasopressin- und Oxytoxin-Neurohormone attackieren. Diese beiden Botenstoffe spielen unter anderem auch bei der Steuerung des Sozialverhaltens und der Motivation eine Rolle.

Weitere Datenvergleiche belegten dann, dass die Konzentration der alpha-MSH-Antikörper im Serum mit der Häufigkeit und Ausprägung von Verhaltensweisen korrelliert, die für Patienten mit Essstörungen charakteristisch sind. Dabei offenbarten sich allerdings zwischen Bulimie und Anorexie auch Unterschiede im molekularen Typ des Antikörpers. Weitere Untersuchungen sollen nun klären, ob diese Abweichung über die Entstehung der einen oder der anderen Erkrankung mit entscheidet.

Nach den neuen Erkenntnissen werde es immer wahrscheinlicher, so die Forscher, dass die autoaggressiven Veränderungen des Immunsystems eine Ursache, nicht aber eine Folge der Essstörungen sind. Allerdings seien sicherlich weitere Faktoren am Ausbruch der Erkrankungen beteiligt. Dies werde unter anderem daran deutlich, dass gelegentlich auch im Blut gesunder Kontrollpersonen erhöhte Mengen der Autoimmun-Antikörper nachgewiesen werden können.

Patienten mit Magersucht (Anorexia nervosa), an der etwa ein Prozent aller Frauen zwischen dem 15. und 25. Lebensjahr leiden, sind dem Essen so abgeneigt, dass sie ein mitunter lebensbedrohliches Untergewicht entwickeln. Betroffene der statistisch etwas häufigeren Ess-Brechsucht (Bulimia nervosa) halten dagegen oft ihr Gewicht, da sie sich nach ungezügelten Fressattacken erbrechen. Die öfter als psychische, denn als organische Erkrankung eingestuften Essstörungen werden durch ein breites Spektrum verschiedener Therapien behandelt.
27.09.2005

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 27.09.2005

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