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News: Europäische Eigenarten bei der Behandlung von Hypertonie

Die Verabreichung von blutdrucksenkenden Mitteln wird in einigen europäischen Ländern unterschiedlich gehandhabt, obwohl sich die Krankheitsbilder der Patienten nicht wesentlich voneinander unterscheiden. In einer Studie hat Dr. Stefan Michael Schüth vom Zentrum für Innere Medizin der Universität zu Köln verschiedene Therapieverfahren einiger europäischer Länder bei Bluthochdruck verglichen. Er fand heraus, daß bei der Wahl der Medikamente nicht nur deren Wirksamkeit oder der Zustand der Patienten ausschlaggebend sind. Auch Traditionen oder Vorurteile spielen eine Rolle.
In allen westlichen Industrienationen ist Bluthochdruck zu einer Volkskrankheit geworden. Schon über ein Viertel der Bevölkerung leidet daran. Arterielle Hypertonie gilt zur Zeit als nicht heilbar. Meistens muß eine einmal begonnene Behandlung mit Medikamenten ein Leben lang fortgesetzt werden.

Deutschland, England, Schweden, Norwegen und die Niederlande wurden repräsentativ untersucht. In diesen Ländern steigerte sich der Umsatz für blutdrucksenkende Mittel in den letzten dreißig Jahren um 1200 Prozent, wobei allein in den neunziger Jahren nochmals ein enormer Anstieg zu verzeichnen ist. Die Umsatzzunahme ist in Deutschland im weltweiten Vergleich am größten. In allen Ländern geht trotz steigenden Umsatzes der tatsächliche Medikamentverbrauch leicht zurück. Nur in Deutschland steigen auch die Verbrauchszahlen weiterhin. Damit haben deutsche Bluthochdruckkranke den von jeher hohen Verbrauchsstatus der Schweden beinah eingeholt. Die Gesundheitsreform von 1989 hat die Umsatzsteigerung bei antihypertensiven Mitteln leicht gebremst. Dennoch wurden zunehmend teure Präparate verschrieben.

Dr. Schüth fand heraus, daß jedes Land seine Vorlieben bei der Wahl der Medikamente hat. So bevorzugen die Ärzte in Großbritannien sogenannte Betablocker, die Muskelentspannung bewirken und die Herzfrequenz senken. In Deutschland sind besonders gefäßerweiternde Calciumblocker beliebt. Hier neigen die Ärzte auch mehr als in anderen Ländern dazu, Kombinationen von verschiedenen Präparaten zu verschreiben. Der Grund für das unterschiedliche Verschreibungsverhalten der einzelnen Länder könnte, so der Mediziner, darin liegen, daß eine Substanz in dem Land bevorzugt wird, in dem sie entwickelt wurde. Dies gilt zum Beispiel für die Calciumblocker in Deutschland, die Betablocker in Großbritannien und Schweden. Auch die Vermarktung durch die Pharmaunternehmen spielt eine entscheidende Rolle.

Ebenso beeinflussen Ausbildung und Alter der Ärzte die Wahl des Medikaments. Verschreibungstraditionen werden von Generation zu Generation weitergegeben. Ältere Ärzte bleiben außerdem meist altbekannten Behandlungsformen treu, während jüngere Mediziner öfter neuere Mittel wie Calciumblocker oder ACE-Hemmer, welches die Bildung blutdrucksteigernder Hormone hemmt, ausprobieren. Fachärzte behandeln Blutdruck mit anderen Medikamenten als Allgemeinärzte. In Deutschland hat die Zahl der Internisten in den letzten Jahren stärker zugenommen als die der Allgemeinmediziner, was ebenfalls ein Grund für die Bevorzugung bestimmter Mittel sein kann. Internisten verschreiben mehr als doppelt so häufig Calciumblocker und ACE-Hemmer wie Allgemeinärzte. Die Diskussion in Fachkreisen und zum Teil unberechtigte Vorurteile über Nebenwirkungen können auch zum Rückgang der Verordnung eines Medikaments führen. So mögen besonders ältere Ärzte die Betablocker weniger. In Großbritannien ging der Verbrauch eines Mittels mit dem Wirkstoff Reserpin stark zurück, nachdem es durch Überdosierung zu Todesfällen gekommen war. In Deutschland wird es dagegen auch weiterhin verwendet.

Die steigende Zahl der Menschen mit zu hohem Blutdruck und der dadurch bedingten Todesfälle zwingt zu weiteren Anstrengungen. Hierbei erleichtert die Medikamentenvielfalt nicht gerade die Wahl für die Ärzte. Zunehmend wichtig sind für Dr. Schüth deshalb schon vorbeugende Maßnahmen, damit eine medikamentöse Therapie erst gar nicht nötig wird.

Siehe auch Spektrum der Wissenschaft Spezial 6: Pharmaforschung, Seite 96:
„Wie bewertet man die Wirksamkeit von Arzneimitteln?“

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