Evolution auf Inseln: Ein fast blinder Vogel

Wie Neuseeland oder andere Archipele waren die Hawaiiinseln vor Ankunft der Menschen ein Reich der Vögel: Mangels konkurrierender Säugetiere übernahmen sie viele ökologische Nischen, die auf dem Festland anderen Arten vorbehalten waren, und entwickelten einzigartige Anpassungen. Viele der Vögel verloren ihre Flugfähigkeit oder wie im Falle von Apteribis sogar weitgehend ihre Sehfähigkeit: Der Ibis besaß so schwache Augen, dass er wohl fast blind unterwegs war, schreiben Sarah Citron von der University of Lethbridge und ihr Team. Die Rückentwicklung des Sehsinns war wahrscheinlich eine Folge seiner nächtlichen Lebensweise.
Die Arbeitsgruppe hatte einen fossilen Schädelknochen von Apteribis untersucht und mit jenen von 25 heute noch lebenden Ibisarten verglichen. Aus den Daten der gescannten Schädel erstellten sie mit bildgebenden Verfahren dreidimensionale Abbildungen des Vogelgehirns und setzten dazu das Hirn ihres ausgestorbenen Verwandten in Bezug. Das Ergebnis fiel für Citron und Co. eindeutig aus: Alle Bereiche des visuellen Systems im Schädel – Augen, Sehnerv und der Bereich des Tectum opticum, in dem das Licht vom Gehirn verarbeitet wird, waren bei Apteribis im Gegensatz zu seinen lebenden Verwandten deutlich verkleinert.
Ähnlich reduzierte Sehsinnsysteme kennt man bei Vögeln sonst nur vom australischen Nachtsittich und den neuseeländischen Kiwis und Kakapos – Letztere ebenfalls klassische Inselarten. Sie alle sind vorwiegend nachts aktiv, weshalb die Arbeitsgruppe vermutet, dass Apteribis ebenfalls in der Dunkelheit unterwegs war. Ibisse nutzen ihre langen Schnäbel, um im Boden oder Gewässern nach Nahrung zu stochern, was dementsprechend auch die hawaiianische Variante getan haben dürfte. Hawaii wies eine artenreiche Schnecken- und flugunfähige Grillenfauna auf, bevor zu viele invasive Arten eingeschleppt wurden. Sie waren perfekte Beute für Ibisse und ebenfalls vor allem nachtaktiv.
Für die Forscher ist Apteribis ein Beispiel für konvergente Evolution, die Entwicklung unterschiedlicher Arten in voneinander getrennten Gebieten, die fast identische Anpassungen an ihre Umwelt hervorgebracht hat. Kiwis galten bislang als einzigartige Vögel mit schlechtem Sehvermögen, nächtlicher Lebensweise und langem Schnabel, mit dem sie nach Nahrung suchen. Doch der Ibis von Hawaii zeige, dass die Natur diese Lebensweise wohl noch öfter hervorgebracht habe, schreiben die Wissenschaftler.
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