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News: Evolution der Werkzeuge

Wenn es darum geht, raffinierte Werkzeuge für die Nahrungssuche herzustellen, sind neukaledonische Krähen Experten. In punkto Materialbeschaffenheit und -verarbeitung könnten die Insel-Vögel selbst einem Schimpansen Nachhilfestunden geben.
Der Schimpanse scheint ratlos. Sicher hatte es sein Wärter nur gut gemeint, als er Honig in die Löcher des Baumstammes füllte, der in seinem Gehege liegt. Doch die Pflanzenteile, die ihm nun zur Verfügung stehen, scheinen alle nicht die rechte Beschaffenheit zu haben, um seine Nascherei aus dem Inneren der Baumrinde zu löffeln. Was also tun? Wie sein Werkzeug passgenau bearbeiten?

Hätte er eine Krähe aus Neukaledonien bei sich, könnte die es ihm zeigen. Denn diese Krähen, so scheint es, stellen selbst das handwerkliche Können unserer engsten Verwandten in den Schatten. Sie scheinen genau zu verstehen, wie das Material, das ihnen unter den Schnabel kommt, beschaffen ist und wie sie es bearbeiten müssen, um ein brauchbares Hilfsmittel herzustellen. Erst letztes Jahr erregte einer dieser Vögel an der University of Oxford in England Aufsehen, als er aus einem Stück Draht im Handumdrehen ein hakenförmiges Werkzeug bastelte.

Auf ihrer Heimatinsel Neukaledonien, einer Insel im Südpazifik vor der Ostküste Australiens, verarbeiten die geschickten Vögel nicht Draht, sondern vorzugsweise die langen gezackten Blätter der Schraubenpalme (Pandanus sp.). Mit ihren Schnäbeln picken und reißen sie den mit Stacheln besetzten Blattrand ab und erhalten so lanzettartige Werkzeuge, mit denen sie nach Insekten stochern. An dem breiten Ende kann Corvus moneduloides den Blattspieß stabil im Schnabel festhalten und mit dem spitzen Ende im Boden und in Spalten nach Nahrung suchen. So weit, so gut.

Doch Blattspieß ist nicht gleich Blattspieß. Zu diesem Schluss kamen Russel Gray und Gavin Hunt von der University of Auckland in Neuseeland. Sie nahmen die Duplikate der Schnittmuster, welche die Krähen in den ramponierten Blättern der Pandanus-Bäume hinterlassen, genauer unter die Lupe und entdeckten, dass das Design der Schnittmuster von Region zu Region variiert. Die 5000 Blattreste der 21 Sammelplätze zeigten, dass die meisten Krähen zwar spitz zulaufende Werkzeuge aus den Blättern ausschneiden, in zwei Insel-Regionen allerdings eine deutlich weniger ausgefeilte Variante der Blattwerkzeuge herstellen. So benutzen die Vögel in einer Region scheinbar nur einen gleichmäßig schmalen Blattstreifen ohne die Stacheln der Pandanus-Blätter. In einer anderen Inselregion fanden sich wiederum nur breite Blattstreifen, ebenfalls ohne die Blattstacheln.

Russel Gray erklärt diesen Umstand mit einer Art "technischer Evolution der Werkzeugqualität". Er vermutet, dass die jungen Krähen das Schnittmuster für die Blattwerkzeuge von ihren Eltern lernen. Krähen, die durch ihr Schnittmuster das bessere Werkzeug herstellen und sich damit besser ernähren können, müssten sich demnach auch erfolgreicher fortpflanzen und geben so ihr spezielles Schnittmuster an ihre Nachkommen weiter.

Noch können die Wissenschaftler keine Aussage über den Zeitraum machen, in dem sich das Krähen-Werkzeug entwickelt haben soll. Die im Verlauf von 10 Jahren gesammelten Blätter-Proben lassen zumindest noch keine deutliche Entwicklung im Werkzeugdesign erkennen. Noch in diesem Jahr wollen die Forscher nach Neukaledonien zurückkehren, um der Frage auf den Grund zu gehen wie die neukaledonischen Krähen lernen, ihre speziellen Werkzeuge herzustellen.

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