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Evolution: Was Eckzähne über die Menschwerdung verraten

Am Anfang der Menschwerdung stand womöglich eine Wende im Geschlechterverhältnis. Aggression zwischen Männchen verschwand demnach schon früh in der Evolution des Menschen.
Eine Familie von Homininen vor der untergehenden Sonne.

Schon früh in der menschlichen Abstammungslinie wurden die Männchen weniger aggressiv. Das schließt eine Arbeitsgruppe um den Paläoanthropologen Gen Suwa von der University of Tokyo aus Analysen der Eckzähne von Vor- und Frühmenschen. Wie das Team in der Fachzeitschrift »PNAS« berichtet, waren schon bei Ardipithecus ramidus, einer der ältesten bekannten Art der menschlichen Linie, die Eckzähne von Männchen und Weibchen ähnlich lang. Da lange obere Eckzähne bei Primaten als Waffe in Kämpfen zwischen Männchen dienen, gilt der Unterschied zwischen Männchen und Weibchen bei diesen Zähnen als Indikator für Aggression zwischen Männchen im Zusammenhang mit Revier und Paarung. Das wiederum gibt Aufschluss über soziale Struktur und Fortpflanzungsverhalten dieser Arten.

Bei modernen Menschenaffen sind die Eckzähne der Männchen bis zu 50 Prozent größer als bei den Weibchen. Dieser als sexuelle Dimorphismus bezeichnete Unterschied hängt mit der Sozialstruktur zusammen – bei Schimpansen und Gorillas, bei denen die männlichen oberen Eckzähne deutlich länger sind, führt je ein dominantes Männchen die Gruppe an. Bonobos dagegen sind weniger aggressiv, sie leben oft in gemischtgeschlechtlichen Gruppen und bei ihnen haben die Männchen nur um etwa 20 Prozent längere Eckzähne. Dagegen zeigen die Analysen der Gruppe um Suwa, dass die Vorfahren der Menschen schon vor mehr als vier Millionen Jahren einen sehr viel geringeren sexuellen Dimorphismus bei den Eckzähnen aufwiesen.

Die Unterschiede, die das Team mit mehreren unabhängigen statistischen Verfahren ermittelte, liegen zwischen 0 und 15 Prozent, wie bei modernen Menschen, und sind damit durchweg geringer als bei Bonobos. Zusätzlich ist bei manchen Arten der sexuelle Dimorphismus bei den oberen Eckzähnen sogar geringer als bei den unteren. Das deutet nach Ansicht des Teams darauf hin, dass in der menschlichen Linie von Anfang an ein starker Selektionsdruck gegen Aggression zwischen Männchen wirkte.

Suwa und seine Arbeitsgruppe sehen das als klares Zeichen, dass bereits am Beginn der Menschwerdung eine fundamentale Verschiebung des Verhaltens stattfand mit dem zentralen Aspekt einer geringeren Aggression zwischen den Männchen. Diese könne man als wichtige evolutionäre Voraussetzung für spätere, für Menschen charakteristische Entwicklungen hin zu extremer Kooperation und komplexem sozialen Verhalten betrachten, schreiben sie in der Veröffentlichung.

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