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Exotische Nutztiere: Alpakas sind keine Schmusetiere

Sie sehen knuffig aus, und neuerdings findet man sie auch auf deutschen Wiesen und Weiden: Lamas und Alpakas. Allerdings wissen einige ihrer Besitzer nicht, wie man sie artgerecht hält.
Weißes Alpaka und kleines Mädchen stehen einander gegenüber Laden...

Ein braunes, etwa schafgroßes Tier zockelt aus dem Stall, dreht seinen Kopf, der auf einem langen Hals sitzt, und guckt neugierig Bernhard Maurer an. »Hallo Hedwig«, grüßt der Landwirt. Er kennt alle 124 Alpakas beim Namen, die auf dem Lindenhof im bayrischen Neu-Ulm leben. Auf der Wiese grasen weiße, beige, braune, schwarze, graue und gefleckte Tiere. »Grau ist derzeit sehr gefragt«, sagt Maurer. Gemeinsam mit seinem Bruder züchtet und verkauft er seit rund zehn Jahren Alpakas. Hauptsächlich betreiben die Maurers aber einen Landwirtschaftsbetrieb. Vom Stall nebenan muhen ein paar Rinder herüber. Hedwig legt sich ins Gras und reckt ihren Bauch in die Sonne.

Es wirkt, als wären die Alpakas hier glücklich. Allerdings gehören sie eigentlich nicht nach Deutschland: Ursprünglich liegt ihre Heimat im Westen Südamerikas, im Gras- und Buschland der Hochanden. Dort sind auch die deutlich größeren Lamas zu Hause. Seit einigen Jahren sieht man beide Tierarten in Deutschland immer häufiger. Angebote wie Lamawanderungen, Yoga mit Alpakas oder Bilder von lustigen Alpakafrisuren boomen. Aber wie geht es den Tieren eigentlich damit? Fühlen sie sich in unseren Breiten überhaupt wohl?

Eine Herde Lamas in Chile vor dem Vulkanberg ParinacotaLaden...
Lamas in Chile | Vor dem Vulkanberg Parinacota grast eine Herde Lamas.

Sowohl Alpakas als auch Lamas gehören zur Familie der Kamele. Im Unterschied zu Trampeltieren und Dromedaren, die vor allem in Asien und Afrika leben, sind die Kamele der Neuen Welt – in diesem Fall Südamerika – höckerlos und kleiner. Vor rund 7000 Jahren begannen die indigenen Völker, die wilden Vorfahren von Lama und Alpaka – das Guanako und das Vikunja – zu domestizieren.

Nicht Kälte, sondern Hitze ist ein Problem

Während das Lama meist Lasten durch das Hochland tragen sollte, diente das Alpaka traditionell als Wolllieferant. Auf Grund ihrer hohen Faserqualität ist Alpakawolle auch heute noch sehr begehrt. Sie isoliert gut, kann viel Feuchtigkeit aufnehmen und ist für Allergiker geeignet. Die Wolle von Lamas lässt sich zwar ebenfalls verarbeiten, ist aber in der Regel gröber und weniger wertvoll.

Die Alpakas vom Lindenhof sind gerade frisch geschoren. Aus der Wolle lassen die Maurers Bettdecken und Garn anfertigen, das sie in ihrem Hofladen verkaufen. Das Scheren hat aber auch klimatische Gründe: »Wir müssen das einmal im Jahr machen, sonst überhitzen sie«, erklärt der Landwirt. Mit Kurzhaarschnitt genießen die Tiere die Sommersonne auf der Schwäbischen Alb. Die hier oft rauen Winter stecken die Tiere ebenfalls gut weg. In den Anden kann es genauso knackig kalt werden – und wechselhaft: »Temperaturunterschiede von bis 40 Grad Celsius innerhalb eines Tages sind dort keine Seltenheit«, sagt Alexander Riek vom Friedrich-Loeffler-Institut in Celle. Für die Forschung an Neuweltkamelen war er selbst schon in den Anden. Im Prinzip seien Lamas und Alpakas fast überall auf der Welt relativ einfach zu halten, meint der Tierwissenschaftler.

Das sieht auch Matthias Gauly so. Der Tierarzt gilt als Pionier der Lama- und Alpakahaltung in Deutschland. Er lehrte lange Zeit an den Universitäten in Gießen und Göttingen; inzwischen hat er eine Professur im italienischen Bozen inne. »Durch den Naturraum, in dem sie sich entwickelt haben, sind die Tiere an variable Klima- und Futterbedingungen angepasst«, sagt er. Lediglich eine Klimasituation sei für sie problematisch: die Kombination aus Hitze und hoher Luftfeuchtigkeit, wie man sie beispielsweise in den Südstaaten der USA oder Teilen Australiens vorfindet.

In den 1970er Jahren wurden die ersten Tiere nach Europa importiert und außerhalb von zoologischen Gärten gehalten. »Die Briten wollten damals eine Wollindustrie aufbauen«, berichtet Gauly. Zeitgleich entwickelte sich in den USA ein Kult, vor allem um Lamas. Große Augen, dichte Wimpern, flauschiges Fell – viele wollten plötzlich ein solch niedliches Haustier haben. »Diese Welle ist dann in den 1980er und 1990er Jahren zu uns geschwappt«, sagt Gauly.

»Im Schnitt sind Lamas einfacher im Umgang«
(Matthias Gauly, Professor für Nutztierwissenschaften an der Universität Bozen)

Für die meisten Menschen sei heute das Alpaka das attraktivere Tier, sagt Gauly. Es ist kleiner und spricht mit seinem wolligen Kopf noch mehr das Kindchenschema an. »Im Schnitt sind Lamas aber einfacher im Umgang«, so der Tierarzt. Der Grund dafür liegt in der Domestikation: Weil sie traditionell zum Tragen von Lasten eingesetzt wurden, suchte man sich für die Zucht besonders umgängliche Tiere aus. Alpakas hingegen trieben die Indigenen lediglich einmal im Jahr zusammen, um sie zu scheren. Es kam vor allem auf die Wollqualität an, »ob die gespuckt oder getreten haben, war von sekundärer Bedeutung«, sagt Gauly.

Nicht nur Lamas, sondern alle Neuweltkamele spucken, wenn sie sich bedroht oder bedrängt fühlen. »Alpakas sind keine Schmusetiere«, warnt auch Maurer. Auf der Weide stehen nur Stuten. Die lässt er – bis auf die notwendige Pflege – in Ruhe. Mit den 20 Hengsten, die er auf einer separaten Koppel hält, bietet er geführte Wanderungen und andere Aktionen an. Die könne er »mit zwei Fingern am Halfter führen.« Das sei notwendig, denn: »Wenn ich die Hengste nicht im Griff habe, klappt es mit dem Decken nicht«, erklärt er.

»Lamas und Alpakas sind Distanztiere, sie wollen nicht den ganzen Tag befummelt werden«
(Matthias Gauly, Tierarzt und Pionier in der Lama- und Alpakahaltung)

Experte Gauly sieht das ähnlich. Es brauche etwas Mut und ein couragiertes Vorgehen, um die Tiere zu handeln, sagt er. Wie passt das zu dem Image von Lama und Alpaka als knuffige Streichel- und Wandertiere? Eigentlich gar nicht. »Das sind Distanztiere«, sagt Gauly. Können sie sich frei bewegen, halten sie freiwillig einen gewissen Abstand zueinander ein. »Sie wollen nicht den ganzen Tag befummelt werden.«

Andererseits kenne er neben dem Lama kein Tier, das so schnell an ein Halfter zu gewöhnen sei, sagt Gauly. Freizeitaktivitäten mit Lamas und Alpakas findet er zwar grundsätzlich okay, man dürfe den Tieren dabei aber nicht zu sehr auf die Pelle rücken. Die Tierärztliche Vereinigung für Tierschutz schreibt in ihrem Merkblatt zu Neuweltkameliden (pdf): »Zu den tiergerechten Einsatzmöglichkeiten gehört die Beobachtung des Verhaltes der Herdentiere. (…) Bei der Kontaktaufnahme und beim Führen mittels Halfter und Führleine kann die individuelle Reaktion der Alpakas und Lamas auf den Menschen erlebt werden. (…) Als Reittiere oder reine Streicheltiere sind sie nicht geeignet.« Dort findet sich auch eine bebilderte Interpretationshilfe zum Verhalten der Tiere.

Wie sieht eine artgerechte Tierhaltung aus?

»Prinzipiell ist es kein Problem, hier zu Lande Neuweltkameliden zu halten«, sagt Nina Brakebusch vom Deutschen Tierschutzbund. Sie ist Fachreferentin für exotische Nutztiere. Um Lamas und Alpakas macht sie sich weniger Sorgen als um andere exotische Nutztiere, beispielsweise Wasserbüffel.

Im Jahr 2019 lebten in Deutschland knapp 7000 Wasserbüffel, Tendenz stark steigend. Ihre Heimat liegt jedoch in Südostasien, in Feuchtgebieten, in denen sie das ganze Jahr über baden können. In Europa sei das schwierig, so Brakebusch. Tierarzt Matthias Gauly stimmt zu. »Die Haltung in Italien und Rumänien ist eine Katastrophe. Eigentlich dürfte man keinen Büffelmozzarella mehr essen.« Die Tiere stünden in großen Herden auf Betonböden. Weil das Fleisch der männlichen Tiere kaum zu vermarkten sei, würden diese häufig totgeschlagen.

In Deutschland sind die Auflagen der Veterinärämter wesentlich strenger. Dennoch sei die deutsche Büffelhaltung nicht ganz unkritisch, berichtet Brakebusch. Oftmals würden die Tiere auf Weiden sich selbst überlassen. Um zu klären, ob Wasserbüffel hier zu Lande überhaupt artgerecht gehalten werden können, bräuchte es Studien.

Lamas und Alpakas gelten in Deutschland seit 1996 als landwirtschaftliche Nutztiere und unterliegen damit der Nutztierhaltungsverordnung. Diese liefert allerdings nur allgemeine Richtlinien; konkrete Regeln für Lamas und Alpakas fehlen. Weitere Orientierung bietet Gaulys Buch »Neuweltkameliden: Haltung, Zucht, Erkrankungen«. Daneben hat das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) gemeinsam mit Expertinnen und Experten ein Gutachten erarbeitet.

Darin heißt es beispielsweise, »für Neuweltkamele [müssen] mindestens 300 Quadratmeter für bis zu sechs erwachsene Tiere [bereitstehen], für jedes weitere erwachsene Tier zusätzliche 25 Quadratmeter.« Sie brauchen ständigen Zugang zum Außengehege oder können ganzjährig draußen gehalten werden, sofern ein Unterstand oder Stall zu Verfügung steht, in dem alle Tiere Platz finden.

Mindestens drei Tiere sollten es schon sein

Zudem sind sie in kleinen Gruppen zu halten. »Alpakas und Lamas sind absolute Herdentiere«, bestätigt Brakebusch. Mindestens drei müssten es schon sein, besser noch mehr. Diese Anforderungen stellten wirklich das absolute Minimum dar, sagt die Fachreferentin. Doch fraglich sei, ob dies von allen Tierhaltern eingehalten würde.

Prinzipiell darf sich in Deutschland jeder und jede solche Tiere anschaffen. Die Veterinärämter können zwar nachfragen, ob die entsprechende Sachkenntnis vorliegt. In der Praxis geschehe das aber relativ selten, sagt Gauly. Meist sei das auch gar nicht notwendig. »Gerade, weil es Hobbytiere sind, haben die meisten Halter großes Interesse daran, dass es ihren Tieren gut geht.« Der Experte bietet regelmäßig Seminare an, um künftigen Lama- und Alpakahaltern das nötige Wissen zu vermitteln. Sein Eindruck: »Viele Lama- und Alpakahalter wissen mehr über ihre Tiere als so mancher Hunde- oder Katzenhalter.«

Um sich einen Überblick über die Situation zu verschaffen, befragte ein Team um Saskia Neubert von der Tierärztlichen Hochschule Hannover im Frühjahr 2020 rund 250 Lama- und Alpakahalter in Deutschland. Etwa zwei Drittel gaben an, weniger als 15 Tiere zu halten. Nur einige Tierhalter verdienen damit ihr Brot. »Die in Deutschland gehaltenen Neuweltkamele werden größtenteils als Hobbytiere gehalten«, folgern die Autoren. Rund die Hälfte der Befragten nutzt trotzdem die Wolle und/oder züchtet selbst Tiere nach.

Laut der Studie setzt die überwiegende Mehrheit der Alpaka- und Lamahalter die Empfehlungen um. Nur neun Betriebe gaben an, weniger als drei Lamas oder Alpakas zu halten. Jeweils ein Studienteilnehmer hielt seine Tiere ausschließlich im Stall oder auf der Weide ohne Unterstand und somit nicht artgerecht. Den eigenen Kenntnisstand über Gesundheitsprobleme bei Lamas und Alpakas bewerteten rund 70 Prozent der Halter als gut oder sehr gut. Den Autoren der Studie fiel jedoch auf, »dass in bestimmten Bereichen wie Impfung und Entwurmung bei einigen Haltern Wissensdefizite bestehen.«

Manche Tierhalter hätten zudem ein schlechtes Bild von Tierärzten und Veterinärämtern und fühlten sich durch sie unzureichend informiert, schreibt das Team. Diesen Eindruck kann Henrik Wagner von der Justus-Liebig-Universität in Gießen bestätigen. Weil es in Deutschland immer mehr Tiere gibt, sei auch der »normale Haustierarzt« immer häufiger mit Neuweltkamelen konfrontiert, sagt der Fachtierarzt für kleine Wiederkäuer. Um die Wissenslücken der Kollegen zu schließen, bietet er Fortbildungen an. Er hat den Eindruck, dass es damit vorangeht. »Die Coronapandemie hat gezeigt: Onlinekurse und -vorträge sind heutzutage überhaupt kein Problem mehr.« So könne man das Angebot verstetigen. Es liege aber auch in der Pflicht des Halters, sich vor der Anschaffung eines Tiers zu informieren, wo sich der nächste Tierarzt befindet, der sich damit auskennt, meint Wagner.

In Deutschland gibt es mehr Alpakas als Lamas

Die Studie aus Hannover deutet darauf hin, dass es in Deutschland deutlich mehr Alpakas als Lamas gibt. Weil nur eine Stichprobe von Betrieben befragt wurde, lässt sich aber nicht berechnen, wie viele Neuweltkamele insgesamt in Deutschland leben. Zwar gibt es laut Viehverkehrsverordnung eine Registrierungspflicht für Kameliden. Das sei vielen Tierhaltern – und manchem Veterinäramt – jedoch nicht bekannt, sagt Wagner. Mit seinem Team führt er derzeit eine ähnliche, größere Studie durch, die unter anderem das Ziel hat, die Gesamtzahl der Tiere zu ermitteln. Anders als das Team aus Hannover befragen Wagner und seine Kollegen auch Tierärzte und Veterinärämter in ganz Deutschland.

Einen Teil der Fragebögen hat die Gruppe bereits ausgewertet, Anfang Juni 2021 veröffentlichte sie erste Zwischenergebnisse. Die 519 befragten Tierhalter halten demnach insgesamt 7739 Neuweltkameliden. Davon sind mehr als 80 Prozent Alpakas. Die meisten Tiere (22,3 Prozent der Alpakas und 19,7 Prozent der Lamas) leben in Bayern. Die Mehrheit der Befragten gab außerdem an, erst in den letzten zehn Jahren mit der Haltung von Neuweltkamelen begonnen zu haben.

Alpakas im Sonnenuntergang auf einem Hof in Neu-UlmLaden...
Alpakas auf der Weide | Der Landwirt Bernhard Maurer betreibt zusammen mit seinem Bruder einen Alpakahof in Neu-Ulm und tut viel dafür, dass sich die Tiere hier wohlfühlen.

Bei der Auswertung der Bögen sei er über die Unwissenheit mancher Tierhalter erschrocken, sagt Wagner. »Auf die Frage, zu welchem Bereich sie gerne noch mehr wissen möchten, kommt immer wieder Grundsätzliches wie: Was frisst ein Lama? Darf ich meinem Alpaka Pferdefutter geben?« Lamas und Alpakas sind funktionelle Wiederkäuer. Das bedeutet, sie haben mehrere Mägen, um das Futter besser verwerten zu können. Man solle sie daher auch wie Wiederkäuer füttern, empfiehlt Kamelforscher Riek. Laut BMEL-Gutachten bedeutet das: »vorwiegend mit Heu und Gras«. Zusätzlich können Rüben, Astwerk und Kraftfutter zugefüttert werden. Auf Grund der harschen Bedingungen in ihrer Heimat sind Neuweltkamele besonders effiziente Futterverwerter. Daran habe sich hier zu Lande nichts geändert. Man müsse daher aufpassen, dass die Tiere durch übermäßige Kraftfuttergaben nicht zu dick werden, sagt Riek.

Das reichhaltige Futterangebot wirke sich außerdem auf das Fortpflanzungsverhalten der Tiere aus, sagt Tierarzt Wagner. Normalerweise bringt eine Stute ihr Fohlen zwischen April und Juli zur Welt, allerspätestens im August. »Hier kommen die teilweise erst im Oktober oder November zur Welt«, sagt Wagner. Man kann also von einer verlängerten Saison sprechen. Zudem können die Tiere bei guter Haltung deutlich älter werden als in ihrem Heimatland. Sein ältestes Alpaka sei derzeit 23 Jahre alt, sagt Landwirt Maurer.

Um Mangelerscheinungen vorzubeugen, gibt er seinen Tieren Futter, das mit Mineralien angereichert ist. Insbesondere auf eine ausreichende Versorgung mit Vitamin D müsse man achten, sagt Maurer, da die Tage in Südamerika länger sind. Es kann daher – ähnlich wie bei Menschen – zu einem Mangel an Vitamin D kommen.

Übertragen Neuweltkamele Viren?

Der Lindenhof ist einer von zehn Referenzbetrieben, die Wagners Team ausgewählt hat. Gemeinsam mit dem Friedrich-Löffler-Institut wollen die Forscherinnen und Forscher dort Blutproben der Tiere nehmen und »ein kleines Gesundheitsscreening machen«, wie Wagner sagt. Physiologisch betrachtet stünden die Neuweltkamele zwischen Wiederkäuer und Pferd. »Theoretisch könnten sie also alle Krankheiten bekommen, die Rinder, Schafe, Ziegen oder Pferde haben und unter Umständen auch übertragen«, sagt der Tierarzt. Weil sie nicht aus Mitteleuropa stammen, hatten die Neuweltkameliden erst wenige Jahrzehnte Zeit, um sich auf die hiesigen Erreger einzustellen. Möglicherweise sind sie darum anfälliger für Krankheitserreger, die es in Südamerika nicht gibt. Für Betriebe mit verschiedenen Nutztieren könnte dies eine Gefahr darstellen.

Auch eine Weitergabe an den Menschen sei möglich, meint Wagner. Zwar kommt Kameliden im Allgemeinen keine große Bedeutung als Krankheitsüberträger zu. Dem Coronavirus, das 2012 erstmals das Middle East respiratory syndrome (Mers) auslöste, dienten jedoch Altweltkamele, genauer Dromedare, als Zwischenwirt. Gerade im Hinblick darauf, dass Lamas und Alpakas oft in engem Kontakt zu Menschen stehen, sei es »höchste Zeit, da mal hinzuschauen«, sagt Wagner.

Gauly sieht das Thema weniger kritisch. Die allermeisten Tiere, die hier zu Lande leben, seien auch hier geboren. Somit bestehe kaum Gefahr, dass durch sie fremde Erreger eingeschleppt würden. Zwar gebe es noch offene Fragen, was die Erregerempfindlichkeit und -übertragung angeht. Doch der Tierarzt meint: »Es gibt hier ungefähr so viele Viren, Bakterien und Parasiten, die Neuweltkamele befallen können wie andere Tiere auch.« Zudem seien die Veterinärämter mittlerweile relativ strikt, was den Infektionsschutz angeht. »Das Risiko, sich eine Zoonose einzufangen, ist beim Neuweltkamel etwa so groß wie beim Schaf«, sagt Gauly.

Die grundsätzliche Frage, ob wir nicht heimische Tierarten importieren und nutzen dürfen, stelle sich eigentlich nicht mehr, findet Gauly. Denn das sei in der Geschichte bereits mehrfach geschehen und könne ohnehin nicht mehr rückgängig gemacht werden. So waren Ziegen ursprünglich in gebirgigen Regionen in Vorder- und Zentralasiens sowie Nordafrika beheimatet, sind aber mittlerweile fast überall auf der Welt zu finden. Ähnliches gilt für Schafe, Hühner und andere Nutztiere. Solange die Tiere unter menschlicher Obhut sind, hat das in der Regel keine gravierenden Auswirkungen auf die bestehenden Ökosysteme.

»Genau so sollte es nicht laufen, wenn man Nutztiere importiert«(Alexander Riek, Friedrich-Loeffler-Institut in Celle)

Anders sieht es aus, wenn die Tiere verwildern. In Australien herrscht beispielsweise eine regelrechte Dromedarplage. Die Tiere wurden zu Anfang des 19. Jahrhunderts als Lasttiere importiert, um das Inland zu erschließen. Als sie nicht mehr gebraucht wurden, ließen die Siedler sie frei. »Das Outback bietet ihnen optimale Bedingungen«, sagt Alexander Riek vom Friedrich-Loeffler-Institut in Celle, der selbst eine Weile in Australien gelebt und geforscht hat. Die Kamele vermehren sich unkontrolliert und gefährden teilweise die Trinkwasserversorgung.

Um dem entgegenzuwirken, werden – zum Teil unter Einsatz von Hubschraubern – regelmäßig Tiere gekeult. »Genau so sollte es nicht laufen, wenn man Nutztiere importiert«, sagt Riek. Die Gefahr, dass sich in Deutschland wilde Alpaka- oder Lamapopulationen entwickeln, sieht der Tierwissenschaftler nicht. »Dazu haben wir gar nicht genug Fläche.«

Dennoch sei es wichtig, sich immer wieder das Tierwohl ins Bewusstsein zu rufen, sagt Gauly. Für jede Spezies, die importiert werden soll oder bereits da ist, gelte es, zu fragen: Wie kommt sie mit unseren klimatischen Bedingungen und der Futtergrundlage zurecht? Zwar können die Tiere diese Fragen nicht selbst beantworten. Hedwig und die anderern Alpakas auf dem Maurerhof scheinen jedoch recht zufrieden zu sein.

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