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News: Extrem flexible Fastvegetarier

Die Schnäbel von Kolibris sind perfekt zum Saugen von Nektar - als Jagdwaffe sollten sie aber ebenso schlecht taugen wie ein Schmetterlingsrüssel. Fleischzulagen also Fehlanzeige für die Exotenvögel?
Kolibri
Kolibris sind so etwas wie geflügelte Extremisten, mit ihren unerreicht hektischen Herz- und Flügelschlagfrequenzen sowie einer Stoffwechselgeschwindigkeit, die ihresgleichen sucht. Und der ausgesprochen wählerischen Ernährungsgewohnheit: Fast ausschließlich Blüten-Nektar steht auf dem Speiseplan.

Auch extrem spezialisierte Esswerkzeuge entwickelten die Vögel im Laufe der Evolution beim Streben nach nahrhaftem Blüteninhalt: Die Form ihrer Schnäbel passte sich nach und nach an die Zugangs-Anforderungen ihrer bevorzugten floralen Nektartöpfe an. Kolibrischnäbel sind lang, dünn und biegsam – eben wie geschaffen zum Einfädeln in die Kelche ihrer jeweiligen Blütenleibspeise.

Sehr nützliche Spezialwerkzeuge also – genau das aber sollte Kolibrischnäbel gelegentlich auch lebensbedrohend unpraktisch machen. Denn ab und zu sind die scheinbaren Extremvegetarier durchaus auf etwas Handfesteres zu Knabbern angewiesen: Dem Blüteninhalt fehlen essenzielle Aminosäuren, was einseitige Nektarnahrung auf Dauer zu tödlich ungenügender Fehlernährung werden lässt. Ein Dilemma – gelegentlich aus der Luft gepflückte Insekten als Nahrungszusatz sind unverzichtbar, das Blütenkelch-Spezialwerkzeug aber ist, anders als die kurzen, breiten Schnäbel klassischer Insektenjäger, alles andere als geeignet zum aero-akrobatischen Einfangen fliegender Fleischzulagen.

Eigentlich also dürften Kolibris mit solchen Schnäbeln mangels Jagderfolgen gar nicht überleben. Gregor Yanega und Margaret Rubega von der University of Connecticut machten sich daher auf die Suche nach unentdeckten Kniffen dreier Kolibri-Arten, indem sie deren Jagd auf Taufliegen mit Hochgeschwindigkeitskameras filmten.

Die Aufnahmen enthüllten unvermutet flexible Strategien: Gerät eine Taufliege in Schnapp-Reichweite, knickt der Unterschnabel des geöffneten Kolibischlunds mittig nach unten ab – und vergrößert damit die fangbereite Oberfläche gerade an der Basis des Schnabels entscheidend. Ohne dies wären wohl kaum ausreichende Fangquoten zu erreichen, errechneten die Forscher: Zwei Drittel aller Insekten werden mit der so verbreiterten, kopfnahen Partie erhascht. Beute, die mit dem langen Ende des Schnabels zufällig erwischt wurde, ging dagegen häufig beim Transport Richtung Mundhöhle versehentlich wieder verloren.

Der Ausfallknick des Schnabels variiert individuell nach Vogel sowie nach Beutegröße. Bei keiner anderen Spezies war zuvor eine ähnliche Unterschnabel-Flexibilität beobachtet worden. Einige spezialisierte Insektenfänger unter den Vögeln können ihre Schnäbel zwar seitwärts auslenken – und so wohl kleine Tiere leichter erwischen – nicht aber nach unten abklappen. Ein Gelenk fehlt im übrigen den knickbaren Kolibri-Schnäbeln: Offensichtlich sind sie ausreichend elastisch, um durch Zug oder Druck lokal gezielt verformbar zu sein.

Der Schnabel der Kolibris sei damit nicht nur ein Musterbeispiel für die Anpassung an ihre Blütennahrung, meint Yanega – sondern auch, bislang unbeachtet und vernachlässigt, an die Herausforderungen beim ebenso lebenswichtigen Beifang. Flexibel eben und extrem vielseitig, die Kolibris.

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