Frühe und häufige Hitzewellen: Herrscht in Europa ein neues Klima?

Im Mai und Juni, als Mitteleuropa unter schweren, aufeinanderfolgenden Hitzewellen litt, stellten sich viele Menschen dieselben Fragen: Ist das die neue Normalität? Hat sich Europas Klima grundlegend verändert?
Im Gespräch mit dem Fachblatt »Nature« bezeichneten Wissenschaftler eine vier- bis fünftägige Hitzewelle in Europa wie Ende Juni, bei der in London annähernd 40 Grad Celsius herrschten, als Ausnahme. »Das ist schlichtweg außergewöhnlich«, sagt Sarah Perkins-Kirkpatrick, Klimaforscherin an der Australian National University in Canberra. Gleichzeitig warnen Forscher jedoch, solche Ereignisse dürften mit fortschreitender Erderwärmung häufiger auftreten.
»Hitzewellen sind gekommen, um zu bleiben – bis wir den Ausstoß von Treibhausgasen stoppen«, erklärt Samantha Burgess, stellvertretende Direktorin des Copernicus Climate Change Service am Europäischen Zentrum für mittelfristige Wettervorhersage in Reading, Großbritannien. »Sie treten häufiger auf, sind intensiver und halten länger an.«
Das hat gravierende Folgen. In Frankreich, wo Ende Juni in der Gemeinde Pissos mit 44,3 Grad Celsius der heißeste Tag aller Zeiten verzeichnet wurde, starben mindestens 54 Menschen an den Folgen der Hitze oder beim Versuch, sich in Gewässern abzukühlen.
Uneinig sind sich Forschende darüber, mit welcher Geschwindigkeit aus dem gewohnten europäischen Klima mit seinen angenehmen Sommern eines geworden ist, in dem extreme Hitze dominiert und die Menschen nach Klimaanlagen fragen.
Neue Höchstwerte
In einer Analyse vom 26. Juni 2026 untersuchten Forschende der internationalen Organisation World Weather Attribution die Temperaturen in 854 europäischen Städten, in denen rund 30 Prozent der Bevölkerung leben. Fast die Hälfte dieser Städte brach im Juni ihre bisherigen Rekorde für Hitzestress. In der Tschechischen Republik, Litauen und Luxemburg verzeichneten alle betrachteten Städte bislang nie da gewesene Höchstwerte.
In einer Analyse der Juni-Hitzewelle 2026 werteten Forschende der World Weather Attribution meteorologische Daten von 845 europäischen Städten aus. In fast der Hälfte der untersuchten Städte waren seit dem 18. Juni 2026 entweder Allzeitrekorde für Hitzestress gebrochen worden und würden dies bis Ende des Monats noch tun, so die Ergebnisse.
»Was früher selten war, ist heute normal«, sagt Erich Fischer, Klimaforscher an der Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH) Zürich. Temperaturrekorde würden »ständig und überall gebrochen – und das oft mit großem Abstand« zu den bisherigen Höchstwerten. Solche Rekorde in Europa seien im Sport undenkbar, meint er: Das wäre, als würde ein Hochspringer »auf Steroiden« einen Rekord um einen halben Meter übertrumpfen, nicht nur um ein oder zwei Zentimeter.
Wo aber liegt die Ursache für die starke Hitzewelle? Wie bei früheren solchen Ereignissen wurde sie durch Luftzirkulationsmuster ausgelöst, die Hitze vom Äquator zum eisigen Nordpol transportieren, erklärt Lara Wallberg, Klimamodelliererin am Max-Planck-Institut für Meteorologie in Hamburg. Obwohl diese Luftzirkulation noch nicht vollständig verstanden ist, vermuten einige Wissenschaftler, dass durch sinkende Meerestemperaturen im Nordatlantik heiße Luft aus Nordafrika und der Sahara zeitweise über Europa eingeschlossen wird, sagt Stefan Rahmstorf, Klimaforscher an der Universität Potsdam.
Klimawandel, Trockenheit, fehlende Wolken
Wie Forschende erklären, trägt der Klimawandel ebenfalls zur Intensität dieser Hitzewelle bei. Hinzu kommt, dass die durch die Erderwärmung bedingten hohen Temperaturen die Böden austrocknen. Dadurch sinke auch die normalerweise kühlende Verdunstung in Europa, erläutert Clair Barnes, Expertin für Extremwetter am Imperial College London. Ebenso hat über Europa die Wolkenbedeckung abgenommen, die normalerweise Sonnenwärme reflektiert. Das sei eine Folge trockener Bedingungen und strengerer Luftreinhaltegesetze seit den 1980er-Jahren, welche die Aerosolbelastung verringert haben, ergänzt Barnes. Aerosole dienen als Keime für Wolkenbildung.
Manche Wissenschaftler gehen sogar davon aus, dass Europa bereits in den 1980er-Jahren in eine neue Klimaphase eingetreten ist. »Seit 1980 steigen die Temperaturen in ganz Europa enorm an«, sagt Zeke Hausfather, Klimaforscher bei Berkeley Earth, einer kalifornischen Non-Profit-Organisation zur globalen Temperaturüberwachung. »Das zeigt sich in den Daten sehr deutlich.«
Europa ist der Kontinent, der sich am schnellsten erwärmt: fast zweimal so schnell wie die globalen Land- und Ozeanflächen im Durchschnitt. Auf Basis solcher Temperaturdaten sind manche Forschende der Ansicht, dass sich das europäische Klima seit den 1980er-Jahren zu verschieben begonnen hat
Im Europäischen Klima-Zustandsbericht von 2025 kamen die Autorinnen und Autoren zu dem Ergebnis, dass Europa seit Mitte der 1990er-Jahre um 0,56 Grad Celsius pro Jahrzehnt wärmer wird – doppelt so schnell wie der weltweite Durchschnitt. Nur die Arktis erwärmt sich mit 0,75 Grad Celsius pro Jahrzehnt noch rascher.
Ein mörderischer Sommer
Gleichzeitig treten Hitzewellen in Europa seit den frühen 1990er-Jahren häufiger auf, dauern länger und beginnen früher im Jahr. »Was früher im August üblich war, verschiebt sich in den Juli, Juni und manchmal sogar in den Mai«, sagt Fischer. »Der Sommer wird länger, und die Belastung durch Hitze nimmt zu.« Einige Forscher bringen die zunehmende Häufigkeit von Hitzewellen mit dem Rückgang des arktischen Meereises und dem Schmelzen der Schneedecke in Eurasien in Verbindung. Diese Veränderungen könnten die Luftzirkulation über Europa stören.
Doch nicht alle Fachleute sind der Ansicht, dass sich ein klarer Zeitpunkt festlegen lässt, ab dem sich Europas Klima verlagert hat. »Das Klima hat sich nicht sprunghaft verändert«, sagt Helge Goessling, Klimaphysiker am Alfred-Wegener-Institut in Bremerhaven. »Es ist kontinuierlich wärmer geworden.«
Andere Wissenschaftler bezweifeln, dass in Europa bereits ein neues Klima herrscht. Ségolène Berthou, Klimamodelliererin am britischen Met Office in Exeter, hält es für möglich, dass die veränderten Wetterlagen stärker auf natürliche Klimaschwankungen zurückzuführen sind als auf den Klimawandel. In diesem Fall könne die extreme Erwärmung irgendwann nachlassen. Dennoch betont sie, Europa werde sich noch weiter erwärmen, wenn die globalen Treibhausgasemissionen nicht sinken.
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