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Extremwetter: Der Süden Südamerikas glüht

Eine extreme Hitzewelle plagt die Menschen in Argentinien und legt die Infrastruktur lahm. Am Wochenende soll sie mit einem Knall enden: Starke Gewitter drohen.
Dürre in der Pampa in Argentinien

Wenn man jemanden in die Pampa wünscht, dann ist damit selten ein Sehnsuchtsort gemeint, sondern eine Strafe. Sprichwörtlich steht die große Ebene im Südosten Südamerikas für ein ödes, einsames, abgelegenes, langweiliges Gebiet, so beschreibt es jedenfalls Wikipedia. Dabei ist die Region im Dreieck Argentinien, Uruguay, Südbrasilien eine der fruchtbarsten des ganzen Kontinents und viel besser als ihr Ruf. Denn Pampa bedeutet eigentlich bloß »baumlose Ebene«. Zurzeit allerdings wäre ein Aufenthalt in der Pampa reiner Wahnsinn. Seit einigen Tagen hängt nämlich eine gefährliche Glutglocke über der weiten Ebene. Argentinien und seine Nachbarstaaten werden von einer rekordverdächtigen Hitzewelle heimgesucht.

40 Grad Celsius und mehr wurden verbreitet gemessen, an vielen Orten war es nie so heiß seit Beginn der Aufzeichnungen. Und die schlimmste Hitze steht erst noch bevor: Am heutigen Freitag (14. Januar 2022) rechnen die Wettermodelle mit Temperaturen von bis zu 45 Grad Celsius in der Provinz Buenos Aires, das wäre Rekord. Der bisherige Höchstwert vom 29. Januar 1957 beträgt 43,3 Grad Celsius. In den Nachbarprovinzen Cordoba und Santa Fe und im gesamten Norden des Landes könnten noch heißere Werte erreicht werden, in manchen Wettermodellen leuchtet sogar eine dunkelrote 50 auf. Und die Auswirkungen der extremen Wetterlage sind jetzt schon verheerend: Im Großraum Buenos Aires fiel am Dienstag (11. Januar) bereits großflächig der Strom aus, 700 000 Menschen mussten ohne Elektrizität und damit ohne Klimaanlage auskommen.

Der argentinische Wetterdienst Servicio Meteorológico Nacional rechnet jedenfalls damit, dass »zahlreiche Hitzerekorde gebrochen werden« und erwartet den Höhepunkt für Freitag und Samstag. Die Hitzewelle im Süden Südamerikas hält den elften Tag in Folge an, besonders betroffen ist Argentinien, aber auch Paraguay, Uruguay und der Süden Boliviens. Die Temperaturen liegen gegenwärtig um zehn bis fünfzehn Grad über den dort im Südsommer üblichen Werten, der Wetterdienst warnt verbreitet in der höchsten Warnstufe.

Sergio Federovisky, Vizeumweltminister des Landes, sagte der argentinischen Ausgabe von Infobae, dass eine solche Hitzewelle, wie sie diese Woche in Argentinien auftrete, eines der spürbarsten Zeichen des Klimawandels sei, sowohl was die Intensität betrifft als auch die Länge. »Argentinien ist unter den Ländern mit dem größten Risiko, unter Hitzewellen zu leiden, die länger als zwei Tage dauern«, sagte er.

Ein Hoch blockiert

Grund für die anhaltende Gluthitze ist ein blockierendes Hochdruckgebiet, das beständig heiße, trockene Luft über die Anden in die Region führt, sagt der Klimaforscher Erich Fischer von der ETH Zürich, der auch einer der Leitautoren des neuesten Berichts des Weltklimarats IPCC ist. Die Temperaturabweichungen von bis zu fünfzehn Grad gehen seiner Ansicht nach zudem auf Föhneffekte auf der Ostseite der Anden zurück, und er erwartet, dass die Temperaturen bis Samstag weiter steigen und insgesamt sehr hoch bleiben. »Die Hitzewelle in Argentinien und den umliegenden Ländern ist wirklich außergewöhnlich«, sagt er.

Sichtbar wird die extreme Lage in den Luftbildaufnahmen, die der Satellit Sentinel 3 von Argentinien und den Nachbarländern geschossen hat. Das Bild vom 11. Januar präsentiert eine beinahe wolkenlose Landmasse von den Anden bis zum Atlantik, derselbe Ausschnitt zeigt zudem die extremen Oberflächentemperaturen. In dieser Darstellung ist die Landmasse krebsrot bis schwarz eingefärbt – je dunkler, desto heißer. Die Oberfläche hat sich demnach am Dienstag auf bis zu 54 Grad Celsius erwärmt, die Böden sind staubtrocken.

Die Hitzewelle dürfte ziemlich sicher eine Folge des Klimawandels sein, auch wenn mögliche Attributionsstudien noch ausstehen. Erich Fischer sagt: »Das Ereignis passt sehr gut ins Bild, das wir im Laufe des Klimawandels erwarten.« Hitzewellen werden häufiger, intensiver und halten länger an. Im Juli 2021 hatte er zusammen mit ETH-Kollegen in »Nature Climate Change« eine Studie vorgelegt, die diesen Eindruck belegt. Demnach werden Hitzerekorde weltweit nicht nur immer häufiger erreicht, sondern auch teilweise klar übertroffen oder regelrecht »zerschmettert«, wie die Autoren damals notierten. »Ohne Klimawandel würde man erwarten, dass Rekorde immer seltener auftreten, je länger man misst«, sagt Fischer, bei Hitze sei aber genau das Gegenteil der Fall.

Von Rekord zu Rekord

Die Folge: Hitzerekorde würden häufiger gebrochen und oft sogar mit großem Abstand – im Vergleich zu früher bringt dieselbe Wetterlage oft deutlich höhere Temperaturen. Fischer meint damit jene historische Hitzewelle vom Frühsommer in Westkanada. Fast fünfzig Grad Celsius wurden Ende Juni 2021 in Lytton in der kanadischen Provinz gemessen, bevor der Ort in Flammen aufging. Die Wüstenhitze dort hatte die Klimaforscher besonders aufgeschreckt.

Der Trend zu mehr Hitze in Südamerika belegt auch der neueste Bericht des Weltklimarats IPCC, der im Herbst erschien. Demnach ist der Temperaturanstieg deutlich nachweisbar, die Region wird sich an solche Glutwerte in Zukunft gewöhnen müssen. Ähnlich robuste Ergebnisse legt auch die Klimaforscherin Matilde Rusticucci von der Universität Buenos Aires seit einigen Jahren vor: Der Kontinent erhitzt sich weiter – und die Nächte werden immer wärmer, hauptsächlich in den Agglomerationen.

Diffiziler ist die Rolle des Wetterphänomens La Niña, das derzeit vorherrscht und häufig bereits als Ursache für die Hitzewelle benannt wird. La Niña ist die kleine Schwester des bekannteren Phänomens El Niño und Teil jener natürlichen Schwankung im Pazifischen Ozean, die Meteorologen als El Niño Southern Oscillation (kurz: Enso) bezeichnen. Beide Phänomene treten unregelmäßig auf und bringen weltweit das Wetter durcheinander.

Die Rolle von La Niña

La Niña, die Gegenbewegung von El Niño, erreicht den Höhepunkt zum Jahreswechsel und wird seltsamerweise unterschätzt. Während La Niña fördern starke Ostwinde an der Westküste Südamerikas kaltes Tiefenwasser an die Oberfläche zurück und verdrängen das warme Wasser nach Südostasien, wo es stärker regnet als sonst. Das Pazifikwasser am Äquator kühlt dadurch aus, die globale Mitteltemperatur wird so gedämpft, bleibt mittlerweile jedoch auf sehr hohem Niveau. Die Folgen von La Niña unterscheiden sich je nach Stärke und Ausprägung des Phänomens, sie sind direkt am Pazifik zu spüren, aber auch in allen anderen Erdregionen der Tropen und Subtropen. Telekonnektionen nennen Klimaforscher diese Fernwirkungen. Besonders Ostafrika leidet an starken La-Niña-Ereignissen mit Dürre, aber eben auch der Süden Südamerikas.

Der nationale Wetterdienst Argentiniens sieht jedenfalls einen Zusammenhang zwischen La Niña und der Hitzewelle. »La Niña ist hier. Im zweiten Jahr in Folge spüren wir die Folgen des Wetterphänomens«, teilte der nationale Wetterdienst mit und kündigte an, dass das Phänomen mit mehr als 80 Prozent Wahrscheinlichkeit den ganzen Sommer anhalte. Klimaforscher Erich Fischer sieht den Zusammenhang mit Enso für die Monate Januar und Februar aber eher als spekulativ und gering an und verweist auf die Studien von Matilde Rusticucci, die für diese Hypothese nur wenig Belege fand. Alles in allem scheint La Niña zu etwas mehr heißen Tagen in der Region zu führen als El Niño, aber das Wetterphänomen im Pazifik sei nicht der einzige Faktor. Wesentlich zu den hohen Temperaturen beigetragen hat dagegen sehr wahrscheinlich die anhaltende Trockenheit in weiten Teilen des Landes über die vergangenen drei Monate. In Buenos Aires etwa fiel deutlich weniger Regen als im langjährigen Schnitt.

Die Folgen dieses Extremszenarios dürften erst in den nächsten Tagen offenbar werden, Mediziner und Klimaforscher rechnen mit zahlreichen Hitzetoten und einer möglichen Übersterblichkeit wie schon in vorhergegangenen Hitzewellen in Argentinien. Zudem erwarten die Behörden Trinkwasserengpässe, Stromausfälle und Vegetationsbrände. Erst im Dezember 2021 wüteten in einigen Provinzen Brände, in den Nationalparks herrscht striktes Feuerverbot. Erschwert wird die Situation dadurch, dass der Rio Paraná, der zweitgrößte Strom des Kontinents und die wichtigste Handelsroute, seit einigen Monaten so wenig Wasser führt wie seit 80 Jahren nicht mehr.

Welche Auswirkungen Hitze und Trockenheit auf die Landwirtschaft haben, lässt sich derzeit nur abschätzen. Die Landwirte rechnen mit dem Schlimmsten, die anhaltende Dürre setzt der Pampa, der größten Kornkammer des Landes, erheblich zu. Hohe Einbußen erwarten Agrarforscher vor allem bei Mais und Soja, sollte jetzt nicht bald Regen einsetzen. Immerhin ist ein Wetterwechsel in Sicht, schon am Samstagabend rechnen die Meteorologen mit heftigem Starkregen und Gewitter, zum Wochenanfang kühlt es stark ab. Die große Hitze ist dann vorerst vorbei.

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