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Extremwetter: Kommt der »Super-El-Niño« wirklich?

Ein Wetterphänomen droht 2027 zum nächsten Hitze-Rekordjahr zu machen: Fachleute warnen vor einem »Super-El-Niño«. Doch solche Vorhersagen sind derzeit noch sehr unsicher.
Ein einzelner Kaktus steht auf einer felsigen Klippe, die mit roten Pflanzen bedeckt ist, mit Blick auf das weite blaue Meer unter einem klaren Himmel.
Der tropische Pazifik rund um die Galapagosinseln, etwa 1000 Kilometer vor Ecuador, ist die Kernzone des El Niño. Von hier erstreckt sich eine Zunge überdurchschnittlich warmen Wassers weit nach Westen in den zentralen Pazifik und heizt die Atmosphäre zusätzlich auf.

Der Super-El-Niño kommt, und mit ihm noch dramatischere weltweite Hitze und Wetterkapriolen. Glaubt man solchen Berichten über das Wetterphänomen, das sich derzeit auf der anderen Seite der Weltkugel zusammenbraut, wird 2027 das nächste Klima-Rekordjahr. Die erschreckenden Prognosen über globale Durchschnittstemperaturen weit jenseits der 1,5-Grad-Marke haben einen wahren Kern – aber auch einen kleinen Schönheitsfehler. Denn die Vorhersagen bergen enorme Unsicherheiten, und es kann auch ganz anders kommen

Hinter den Schlagzeilen steckt El Niño, das warme Extrem eines als ENSO (El Niño-Südliche Oszillation) bezeichneten Wechselspiels von warmen und kalten Meerestemperaturen im tropischen Pazifischen Ozean. Die am Äquator nach Westen wehenden Passatwinde drücken das warme Oberflächenwasser des Meers vor sich her. Dadurch ist das Meer vor dem nordwestlichen Südamerika kälter als auf der asiatischen Seite des Ozeans. Sind diese Winde stärker als normal, wie 2025, breitet sich kaltes Wasser bis in den tropischen Zentralpazifik aus. Diesen Zustand nennt man La Niña.

Dieser kühlere Zustand jedoch endet derzeit. Die Passatwinde werden schwächer und das warme Wasser schwappt zurück Richtung Osten. Etwa alle zwei bis sieben Jahre ist das Windsystem am Äquator sogar besonders schwach, sodass das entgegengesetzte Extrem auftritt. Dann reicht das normalerweise im Westpazifik gespeicherte Warmwasser bis an die südamerikanische Küste und macht das Meer dort ungewöhnlich heiß. Das Phänomen war dort schon im 17. Jahrhundert bekannt. Und weil sich diese Anomalie um Weihnachten bemerkbar macht, nannten die Einheimischen es das Christkind, spanisch »el niño de navidad«.

Die globale Heizung im Pazifik

Eine Besonderheit der ENSO ist, dass sie merklichen Einfluss auf die globalen Temperaturen hat – anders als vergleichbar kurzfristige Wettermuster in anderen Regionen der Welt. Während eines El-Niño-Ereignisses breitet sich das zuvor in der Nähe des asiatischen Kontinents in einer dicken Schicht gespeicherte warme Oberflächenwasser über den gesamten Pazifik aus und heizt großflächig die Atmosphäre auf.

Zusammen mit dem Klimawandel sorgt dieser Wärmeschub durch El Niño dafür, dass die globale Durchschnittstemperatur deutlich über das Niveau der Vorjahre steigt. Ein besonders starker Super-El-Niño, wie er derzeit für Ende 2026 möglich erscheint, brächte demnach neue Hitzerekorde. So zum Beispiel geschehen in den Jahren 1997 bis 1998, 2015 bis 2016 und der ungewöhnlichen Hitzeperiode 2023 bis 2024.

Auf dem Höhepunkt der Erwärmung 2016 zum Beispiel lagen die globalen Temperaturen etwa 0,2 Grad höher als im vorherigen Rekordjahr 2015. Übertragen auf den aktuellen Rekordwert von 1,55 im Jahr 2024 würde ein vergleichbarer Anstieg die Welt um mehr als 1,7 Grad Celsius wärmer machen als den vorindustriellen Durchschnitt.

El Niño im Ostpazifik | Die typische Warmwasserzunge vor Südamerika, hier auf Basis von Daten des Jahres 2015. Der El Niño der Jahre 2015 und 2016 war einer der stärksten der letzten 30 Jahre.

Doch es ist keineswegs klar, ob es dazu kommt, denn in den ersten drei Monaten eines Jahres sind die Vorhersagen der Klimamodelle für den Zustand der ENSO außerordentlich ungenau. Das gilt besonders, wenn sich – wie jetzt – die Temperatur des tropischen Pazifiks wieder dem neutralen Durchschnitt nähert.

Prognoselücke im Winter

Das ist ein altbekanntes Problem bei der Vorhersage des Wetterphänomens. Ob ein bestimmtes Jahr einen El Niño bringt, ist im Winter zuvor nur schwer zu modellieren. Fachleute bezeichnen das als die Frühlingsbarriere: Erst ab etwa Mai können aus den Modellen verlässliche Aussagen für die anschließenden Monate abgeleitet werden. Ein wichtiger Grund dafür ist, dass die Monate bis März oft eine Übergangsphase zwischen den unterschiedlichen Zuständen der Temperaturwippe sind. Systematische Veränderungen, die Hinweise auf die Zukunft geben, sind schwach ausgeprägt, zufällige Schwankungen dagegen spielen eine große Rolle und verschleiern das Gesamtbild.

Entsprechend vorsichtig sind Institutionen wie die Weltorganisation für Meteorologie (WMO) oder der Vorhersagedienst der US-amerikanischen Ozean- und Atmosphärenbehörde NOAA mit ihren Prognosen über den möglichen El Niño zum Jahresende 2026. So prognostiziert die WMO lediglich steigende Wahrscheinlichkeiten für einen El Niño im Sommer und verzichtet auf eine längerfristige Vorhersage. Die NOAA dagegen kalkuliert immerhin eine Chance von 60 Prozent, dass sich im August ein schwacher, im Zeitraum von Oktober bis Dezember ein mindestens moderater El Niño entwickelt.

Wegen dieser Unsicherheit ist die Phase vor der Frühlingsbarriere oft geprägt von Diskussionen über mögliche Extremszenarien. Dabei geht allerdings die große Bandbreite des Phänomens El Niño oft unter. Von den letzten zehn El-Niño-Episoden seit dem Jahr 1990 waren lediglich drei sehr stark, mit einer Temperaturanomalie von zwei Grad oder mehr.

Was heißt hier sehr stark?

Die Anomalie bezieht sich auf die Wassertemperaturen im Zentralpazifik, dem wichtigsten Indikator für El Niño und La Niña. Dort macht sich das jeweils nach Osten oder Westen schwappende warme Oberflächenwasser schon früh bemerkbar. Für einen El Niño muss die Wassertemperatur dort für einen gewissen Zeitraum mehr als 0,5 Grad Celsius über dem langjährigen Durchschnitt liegen. Ab einem Grad mehr gilt ein El Niño als moderat, über 1,5 Grad als stark. Der befürchtete Super-El-Niño entspricht einer Temperaturanomalie von zwei Grad und mehr.

Doch wo auf dieser Skala der mutmaßlich kommende El Niño landet, dafür lassen sich wegen der Frühlingsbarriere nur ungefähre Wahrscheinlichkeiten angeben. Besonders schwer tun sich statistische Vorhersagemodelle, die auf Basis langjähriger Datenreihen Vorhersagen ableiten. Sie haben vor Mai praktisch keine Aussagekraft. Besser schneiden Modelle ab, die anhand von aktuellen Beobachtungsdaten die weitere Entwicklung von Ozean und Atmosphäre simulieren. Sie können schon im März zumindest Hinweise auf den Verlauf des weiteren Jahres geben.

Diese Modelle lassen es zumindest möglich erscheinen, dass im Winter 2026 ein sehr starker El Niño auftritt und die globalen Temperaturen im Folgejahr dramatisch steigen lässt. Zwar deuteten diese Modellläufe im Februar noch auf einen eher moderaten El Niño Ende 2026 hin; der Klimaforscher und Datenanalyst Zeke Hausfather verweist in einem Artikel jedoch darauf, dass mehrere Arbeitsgruppen die Chance für einen sehr starken El Niño zuletzt deutlich nach oben korrigiert hätten.

Eine Frage der Wahrscheinlichkeit

Seine eigene Analyse der Vorhersagen von elf unterschiedlichen Modellen legen nahe, dass der El Niño 2026 bis 2027 womöglich vergleichbar stark ausfallen könnte wie jener von 2015 bis 2016. Im Mittel prognostizieren die von ihm ausgewerteten Modelle eine Temperaturanomalie von rund 2,5 Grad im Zentralpazifik. Das wäre ein echtes Extremereignis mit globalen Konsequenzen.

Dabei ist die Spannbreite der Ergebnisse allerdings immens; sie deckt den kompletten Bereich von einem sehr schwachen El Niño bis zu einer unrealistisch hohen Anomalie von weit über drei Grad ab. Das spiegelt die hohe Unsicherheit der Frühlingsbarriere wider. Erst ab Mai werden wir mit einiger Sicherheit wissen, was wirklich passiert – derzeit ist nicht einmal sicher, ob sich überhaupt ein El Niño bildet.

Laut NOAA zum Beispiel liegt die Wahrscheinlichkeit dafür ab Oktober bei 83 Prozent. Das klingt nach einer Beinahe-Garantie – heißt aber umgekehrt, dass immerhin mit einer Chance von 17 Prozent gar keine nennenswerte Anomalie auftritt. Die Chance für einen sehr starken El Niño dagegen berechnet die Behörde auf 13 Prozent, beim Vorhersagedienst AccuWeather sind es 15 Prozent. Der angekündigte Super-El-Niño ist damit sogar weniger wahrscheinlich als gar keiner.

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