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Fälschung in der Forschung: Die Betrugsjägerinnen

Immer mehr wissenschaftliche Veröffentlichungen sind fragwürdig oder gefälscht. Doch einige Fachleute wehren sich dagegen – und enttarnen den Betrug. Mit Anwälten und Hassmobs versuchen die Täter, sie einzuschüchtern.
Ein Auge blickt durch eine tropfenförmige Öffnung in einem aufgeschlagenen Buch. Die Seiten des Buches sind unscharf im Vordergrund, während das Auge im Fokus steht. Das Bild vermittelt den Eindruck von Neugier und Entdeckung.
Forschung unter der Lupe: Eine wachsende Gemeinde von Fachleuten versucht, die Flut an gefälschten Abbildungen und Veröffentlichungen einzudämmen.

Stockholm, Juni 2025. Eine Frau mit dunklem Haar und Brille, Ende 50, sitzt in einem der prächtigsten Hörsäle Schwedens: der Beijer Hall der Königlich Schwedischen Akademie der Wissenschaften in Stockholm. Um sie herum gut zwei Dutzend Gäste, viele von ihnen sind aus dem Ausland angereist. Aus Europa, Nord- und Südamerika, sogar aus China.

Vorn spricht Dan Larhammer, der ehemalige Präsident der Akademie. Mit ruhiger Stimme und ernstem Ton beschreibt er die aktuelle Vertrauenskrise der Wissenschaft. Und die Fälschungen, die zu einer Gefahr für Gesellschaft und Demokratie werden können.

Doch die Frau in der vierten Reihe hört kaum zu. Sie beugt sich vor, kneift die Augen zusammen, hält ihre Brille in der Hand. Auf ihrem Laptop zoomt sie in zwei nahezu identische Mikroskopie-Abbildungen. Sie sucht nach Spuren von Manipulation in wissenschaftlichen Studien. Nach genau dem, worüber Larhammer gerade spricht.

Ich sitze wenige Reihen hinter dieser Frau. Als einziger Journalist darf ich das zweitägige Treffen in Stockholm begleiten: ein informelles, aber prominent besetztes Symposium zur Zukunft wissenschaftlicher Integrität. Fünf Monate später wird aus diesem Treffen die Stockholm Declaration hervorgehen. Ein Maßnahmenkatalog für ein System, das sich gern als selbstkorrigierend versteht, aber oft an seinen strukturellen Schwächen scheitert.

Die Frau vor mir heißt Elisabeth Bik. Sie ist Mikrobiologin – und Pionierin auf einem Feld, das es vor 15 Jahren noch nicht gab: »science sleuthing« – das systematische Durchleuchten bereits veröffentlichter wissenschaftlicher Studien auf Fehler, Bildmanipulation und Fälschungen. Seit über einem Jahrzehnt ist Bik eine der profiliertesten Stimmen im Kampf gegen Wissenschaftsbetrug. Genau deshalb ist sie hier in Stockholm.

Auf Betrugsjagd

Doch sobald auf solchen Konferenzen der Begriff »Stakeholder« fällt, schaltet Bik ab. Zu oft hat sie in ähnlichen Sälen gesessen, bei denselben Vorträgen von denselben Leuten in denselben Anzügen. Die Themen ähneln sich wie die verdächtigen Bilder, die Bik untersucht: Wissenschaftsbetrug und vor allem Paper Mills müssen gestoppt werden, das Anreizsystem in der Wissenschaft ist kaputt. Verlage sollen mehr Verantwortung übernehmen und die Qualitätssicherung muss verbessert werden.

Elisabeth Bik | Die Mikrobiologin aus den Niederlanden wurde weltweit bekannt, nachdem sie begann, manipulierte Abbildungen in Studien aufzuspüren und offenzulegen. Seit 2013 durchsuchte sie mehr als 20 000 Studien aus 40 biomedizinischen Fachjournalen. Sie ist heute die bekannteste Fälschungsjägerin und gilt als Begründerin der »Science sleuth«-Bewegung.

»Ich habe das alles zu oft gehört. Am Ende verändern solche Treffen selten etwas«, sagt Bik, als wir nach der Konferenz durch die Gassen der Stockholmer Altstadt laufen. »Und die meisten da oben auf der Bühne haben mit der Realität des Betrugs überhaupt nichts zu tun. Wir sind es, die ›sleuths‹, die täglich Stunden unserer Freizeit opfern, um manipulierte Studien zu entlarven. Die sich mit lethargischen Verlagen herumschlagen müssen, mit Verleumdungen, Hasskommentaren im Internet und manchmal auch mit Anwälten.«

Die große Niederländerin hat etwas Sanftes, fast Unerschütterliches in ihrem Auftreten. Ihr Englisch trägt, selbst nach fast 25 Jahren im Silicon Valley, noch die weichen Ränder ihrer Muttersprache. Geduldig und präzise spricht die 59-Jährige über Wissenschaftsbetrug. Doch in ihrer Stimme liegt auch Müdigkeit. Müdigkeit über die immer gleichen Floskeln, die auf Konferenzen zwischen Bühne und Publikum hin- und herlaufen wie Laborratten auf der Suche nach dem Futterknopf: »Stakeholder«, »Awareness und Reformen«, »Verantwortung und Integrität«. Und doch bleibt Bik freundlich, wenn sie erklärt, woran das Wissenschaftssystem aus ihrer Sicht krankt.

Deshalb kommt sie auch zu Veranstaltungen wie der in Stockholm. Um zu berichten, was sie bei ihrer täglichen Arbeit sieht. Und wie dringend sich etwas ändern müsste. »Aber während die anderen reden, suche ich lieber nach neuen Fälschungen.«

Wie die Qualitätskontrolle versagt

Eigentlich sollte jede wissenschaftliche Studie vor der Veröffentlichung gründlich geprüft werden: von den Research-Integrity-Teams der Verlage und im Rahmen des klassischen Peer-Review-Prozesses. Alles, was fehlerhaft, qualitativ schlecht oder gar betrügerisch ist, sollte so erkannt, korrigiert oder aussortiert werden. Der Stempel mit der Aufschrift »betrügerisch« bleibt allerdings fast immer in der Schublade. Zu groß ist wohl die Sorge der Verlage, von Autoren oder Forschungsinstitutionen verklagt zu werden. Rein rechtlich müsste bei einer Manipulation nämlich eine betrügerische Absicht bewiesen werden. Und das ist nahezu unmöglich.

»Während die anderen reden, suche ich lieber nach neuen Fälschungen«Elisabeth Bik

Doch diese mehrstufige Qualitätskontrolle, die glaubhafte und belastbare Forschung garantieren soll, versagt zu oft. Jedes Jahr rutschen Abertausende fehlerhafte Studien durch ein Netz, das unter der Masse der Publikationen längst aus allen Nähten platzt. Wie viele es genau sind, weiß niemand. »Wir erwischen ja nur die dummen Betrüger«, sagt Bik. »Wer sich wirklich Mühe gibt, wird kaum entdeckt.«

Um diese Lücke zu füllen, engagieren sich immer mehr sogenannte »science sleuths« wie Elisabeth Bik. Wie ein loses, digitales Pendant zu einem gallischen Dorf haben sie sich dezentral und global verstreut organisiert. Mit erstaunlicher Wirkkraft und dem Ziel, sich einem übermächtigen System entgegenzustellen.

Bik gilt als Mitbegründerin der sogenannten Post-Publication-Peer-Review: der nachträglichen Qualitätskontrolle veröffentlichter Studien. Ihr Weg dorthin begann 2013, als sie zufällig entdeckte, dass zwei italienische Autoren längere Passagen aus ihren, also Biks, eigenen Papern plagiiert hatten. Bik wurde misstrauisch und begann zu graben.

Tagsüber arbeitete sie Vollzeit als Mikrobiologin an der Stanford University. Abends durchsuchte sie Manuskripte auf kopierte Formulierungen oder ganze Absätze.

Genau hinschauen

Im Januar 2014 nahm sie eine Dissertation einer Doktorandin von der Case Western Reserve University im US-Bundesstaat Ohio unter die Lupe. Es ging um Entzündungsprozesse im Darm und ob sie eine mögliche Ursache für Krebs sein könnten. Drei Abbildungen fielen ihr auf: Sie zeigten angeblich verschiedene Experimente, waren aber identisch. Für Bik war das der Wendepunkt. Fortan verlagerte sie ihren Fokus von Text auf Bild: »Einerseits, weil gefälschte Bilder der Wissenschaft mehr schaden als plagiierte Texte. Andererseits, weil die Bildersuche viel schneller und effektiver ist.«

In den folgenden drei Jahren investierte Bik fast jede freie Minute in das »science sleuthing«. Sie sichtete mehr als 20 000 Studien aus 40 biomedizinischen Fachjournalen. Alle von Hand. Automatisierte Tools wie ImageTwin und Proofig, heute Standard bei vielen Verlagen und »sleuths«, gab es damals nicht. Am Ende ergab ihre Analyse: 3,8 Prozent der Arbeiten enthielten problematische Bilder. Eine Zahl, die wohl zu niedrig ist, gerade weil Bik jedes Bild ohne digitale Hilfe prüfte.

Seit 2019 arbeitet Bik als unabhängige Beraterin für Wissenschaftsintegrität. Bis heute hat sie 9057 problematische Artikel identifiziert und öffentlich auf der Plattform PubPeer kommentiert, einem Forum für die öffentliche, nachträgliche Qualitätskontrolle wissenschaftlicher Studien. In 1607 Fällen wurden die Studien von den Verlagen zurückgezogen. 1198 weitere wurden korrigiert.

2805 Arbeiten, die so nie hätten erscheinen dürfen. Bik ist überzeugt: Die meisten dieser Fehler hätten bei sorgfältigen Prüfungen durch die Verlage auffallen müssen.

»Offen gestanden ist das oft auch gar nicht so schwierig«, sagt Jana Christopher. »Man muss sich nur genug Zeit nehmen und genau hinschauen.«

Fälschungen abfangen, bevor sie Schaden anrichten

Neckargemünd bei Heidelberg, September 2025. Etwa 30 Autominuten vom Europaplatz 3 entfernt, dem europäischen Hauptsitz des Wissenschaftsverlags Springer Nature (zu dem auch Spektrum der Wissenschaft gehört, Anm. d. Red.), lebt und arbeitet Jana Christopher. Wie Elisabeth Bik untersucht sie wissenschaftliche Studien auf manipulierte Bilder. Doch im Gegensatz zu Bik prüft sie nicht nach, sondern vor der Veröffentlichung.

Es ist Ende September. Von Spätsommer keine Spur. Der Regen prasselt gegen den Wintergarten, der Wind reißt das erste Laub von den Bäumen. In der Küche ihrer Doppelhaushälfte serviert Christopher selbst gemachten Apfelkuchen. »Ist von gestern, schmeckt aber trotzdem hervorragend«, sagt sie mit einem Lächeln und stellt frisch gebrühten Schwarztee dazu.

Jana Christopher | Die Bildforensikerin prüft für die Federation of European Biochemical Societies (FEBS), ob Artikel, die bei deren Fachzeitschriften eingereicht werden, problematische Abbildungen enthalten. Sie zählt zu den international renommiertesten Expertinnen für Bildintegrität.

Dann wird sie ernst.

»Die Fälschungswellen der letzten Jahre haben den Wissenschaftsbetrieb in eine tiefe Krise gestürzt«, sagt sie. »Und die Tatsache, dass viele Verlage ihre Redaktionsteams überlasten oder sich auf ehrenamtliche ›science sleuths‹ verlassen, macht es nicht besser.«

Seit 2011 arbeitet Christopher als Bildforensikerin. Zehn Jahre lang war sie bei EMBO Press angestellt, dem Wissenschaftsverlag der European Molecular Biology Organization in Heidelberg. Heute prüft die 56-Jährige vor allem die Einreichungen bei der in Cambridge ansässigen Federation of European Biochemical Societies (FEBS) und deren vier Fachzeitschriften: »The FEBS Journal«, »FEBS Letters«, »FEBS Open Bio« und »Molecular Oncology«. Gelegentlich wird sie auch von anderen Herausgebern beauftragt, etwa von der Royal Society in London, PNAS, Frontiers oder Elsevier.

Priorität: Wirtschaftliche Interessen

Dass sie einmal in dieser Nische landen würde, war nicht geplant. Immer wieder wechselt Christopher bei ihren Schilderungen ins Englische. Und selbst im Deutschen klingt mitunter ein britischer Akzent durch. Kein Wunder. Christopher hat in London Theaterwissenschaften, Linguistik und Übersetzung studiert, ihr Mann ist Brite, und der Wissenschaftsbetrieb, mit dem sie täglich zu tun hat, ist ohnehin stark anglofon geprägt.

Heute zählt die gebürtige Heidelbergerin zu den international renommiertesten Fachleuten für Bildintegrität. Und zu jenen, die versuchen, Fehler und Fälschungen zu erkennen, bevor sie Teil der wissenschaftlichen Literatur werden.

Im Gespräch mit »Spektrum« betont Christopher mehrfach, dass sie nicht bei einem kommerziellen Verlag angestellt ist. Deren Interesse, sagt sie, liege oft weniger bei der Qualitätssicherung als bei der Rendite und Publikationsmenge. »Wissenschaftliche Gesellschaften wie FEBS reinvestieren ihre Einnahmen in die Forschung – durch Kongresse, Fortbildungen, Förderprogramme und Stipendien. Das macht einen großen Unterschied.«

»Die Fälschungswellen der letzten Jahre haben den Wissenschaftsbetrieb in eine tiefe Krise gestürzt«Jana Christopher

Trotzdem warnt sie vor pauschaler Kritik an den Wissenschaftsverlagen. »Auch bei kommerziellen Verlagen arbeiten viele engagierte Menschen, die sich mit großer Energie für Integrität einsetzen.« Das eigentliche Problem, sagt sie, liege selten bei den Research-Integrity-Teams, sondern weiter oben im Unternehmensorganigramm. Dort, wo wirtschaftliche Interessen Priorität haben.

Reden statt Handeln

Mitte Oktober treffe ich Elisabeth Bik erneut. Wir sitzen im Café des französischen Konsulats in Berlin-Mitte. Um uns herum junge Forschende, die sich austauschen, Poster-Sessions vorbereiten oder außergewöhnlich leckere Schokocroissants essen. Bik wirkt erschöpft. Ihr Flug aus San Francisco ist am Vorabend gelandet. Sie reist durch Zeitzonen wie andere durch Stadtviertel. In Berlin spricht sie auf dem Young Scientist Cancer Congress über Wissenschaftsbetrug und Forschungsintegrität.

Doch nicht alle wollten, dass Bik auf der Konferenz eine Bühne bekommt. Wenige Tage vor Beginn des Kongresses erhielt der Organisator, Benoît Aliaga, eine E-Mail: »Dr. Bik ist aktives Mitglied des PubPeer Network Mob, einer Gruppe, die für weitreichende Belästigungskampagnen innerhalb der akademischen Gemeinschaft verantwortlich ist. Dieses Netzwerk hat betrügerische Methoden angewendet, um den akademischen Diskurs zu manipulieren, diffamierende Dossiers zu erstellen und Forschende mit böswilliger Absicht ins Visier zu nehmen. […] Wir raten Ihnen dringend, Dr. Biks Einladung zur Konferenz unverzüglich zurückzuziehen. Andernfalls wird dies nicht nur ein schlechtes Licht auf Ihre Veranstaltung werfen, sondern Sie könnten auch der öffentlichen Kritik ausgesetzt sein, die mit der Unterstützung von Personen einhergeht, die an Belästigungskampagnen und betrügerischen Aktivitäten beteiligt sind.«

Die Mail ging nicht nur an Aliaga, sondern auch an alle Keynote-Speaker, an die Botschaft und deren Pressestelle. Unterzeichnet war sie von »Elias Verum«, vermutlich ein falscher Name. Dahinter steckt die anonyme Gruppe Science Guardians, die seit Monaten versucht, die Sleuthing-Community öffentlich zu diskreditieren.

Auch andere wurden bereits Ziel dieser Angriffe, darunter »sleuths« und Forscher wie Nick Wise, Lonni Besançon, Leonid Schneider, Alexander Magazinov und Reese Richardson – oder auch die Journalistin Miryam Naddaf, die für das Wissenschaftsmagazin »Nature« über wissenschaftliche Integrität berichtet.

Solche Attacken sind kein Einzelfall, sondern Teil einer systematischen Einschüchterungskampagne. Doch Aliaga ließ sich nicht beirren: »Der Ton dieser Nachricht war aggressiv. Es war klar, dass Druck aufgebaut werden sollte – auf uns als Veranstalter, aber auch auf die anderen Referenten. Wir haben alle Keynote-Speaker und die Botschaft kontaktiert, ihnen Elisabeths Auszeichnungen geschickt und erklärt, warum wir sie eingeladen haben.«

Einschüchterung mit Hassmobs und Anwälten

Wenige Wochen später dasselbe Spiel. Diesmal soll Bik auf der International Research Integrity Conference in Sydney sprechen. Wieder eine Mail von »Verum«. Wieder Drohungen. Wieder erfolglos. »Die meisten Menschen können solche Einschüchterungsversuche einordnen. Trotzdem sind solche Angelegenheiten belastend. Schließlich machen wir diese Arbeit, weil uns die Wissenschaft am Herzen liegt. Und wir haben auch eines gemeinsam: Wir sagen, was wir denken. Uns beeindrucken keine Nobelpreise, keine großen Namen. Wenn wir einen Fehler finden, sprechen wir ihn an. In gewisser Weise sind wir wie das Kind in ›Des Kaisers neue Kleider‹: Wir sagen das, was andere sich nicht trauen«, sagt Bik.

Der Preis dafür ist manchmal hoch. Bik erhält regelmäßig Hassmails, wird online beleidigt, bedroht oder verleumdet. 2021 kritisierten Bik und Boris Barbour vom PubPeer-Team den französischen Star-Mikrobiologen Didier Raoult öffentlich. Der zeigte die beiden daraufhin wegen angeblicher Belästigung und Erpressung an. Die Anzeige wurde abgewiesen, doch Biks Privatadresse gelangte an die Öffentlichkeit. Danach folgte ein Shitstorm. Viele der Drohungen kamen anonym, einige jedoch auch mit Klarnamen.

»Wir sind es, die sich mit lethargischen Verlagen herumschlagen müssen, mit Verleumdungen, Hasskommentaren im Internet und manchmal auch mit Anwälten«Elisabeth Bik

»Ich wurde beschimpft, verspottet, man hat mich beleidigt, mein Aussehen verhöhnt, mir Verbrechen unterstellt. Manche behaupteten sogar, sie wüssten, wo meine Familie lebt. Das war beängstigend«, erinnert sich Bik.

Auch andere »sleuths« gerieten ins Visier. 2017 wurde David Sanders von Carlo Croce, einem prominenten Krebsforscher der Ohio State University, wegen Verleumdung und »vorsätzlicher Zufügung seelischen Leids« verklagt. Sanders hatte Probleme in etwa 30 wissenschaftlichen Artikeln identifiziert, an denen Croce mitgewirkt hatte. Sanders gewann den Fall.

2023 veröffentlichte Solal Pirelli, Doktorand an der École polytechnique fédérale de Lausanne, Recherchen zu einem mutmaßlichen Fall von Zitationsbetrug. Es ging um Schein-Konferenzen, die nicht stattfanden – aber genutzt wurden, um massenhaft Zitationen zu erzeugen. Über 6000 Referenzen soll Professor Shadi Aljawarneh von der Jordanischen Universität für Wissenschaft und Technologie auf diesem Weg erhalten haben.

Prüfung vor der Veröffentlichung

Pirelli erhielt eine anwaltliche Abmahnung mit der Aufforderung, seinen Blogbeitrag zu löschen. Er tat es nicht. Wenig später reichte Aljawarneh Klage wegen Verleumdung ein. Das zuständige Gericht in Lausanne ließ die Klage zu. Die Staatsanwaltschaft wies die Vorwürfe zwar zurück, doch die Klage bleibt bestehen. Der Prozess läuft noch. Pirelli darf sich aus juristischen Gründen nicht öffentlich äußern.

Neben derartigen Einschüchterungsversuchen gibt es allerdings auch Unterstützung und Wertschätzung aus der Forschung. Elisabeth Bik, Galionsfigur der Sleuth-Szene, erhielt inzwischen mehrere Auszeichnungen: 2021 den John Maddox Prize, 2024 den Einstein Foundation Award und im Dezember 2025 einen Ehrendoktortitel der Universität Bern.

Zurück nach Neckargemünd. Jana Christopher hat im ehemaligen Kinderzimmer ihrer Tochter ihr Büro eingerichtet. An den Wänden hängen Familienfotos, neben dem Schreibtisch lehnt ein über 150 Jahre altes Cello. Fünf Tage die Woche sitzt Christopher hier viele Stunden am Bildschirm. Sucht nach Duplikaten, gespiegelten Bildausschnitten oder Regelwidrigkeiten wie fehlenden Maßstäben in Mikroskopaufnahmen. Mithilfe eigens entwickelter Workflows in Photoshop und KI-Tools wie ImageTwin und Proofig spürt sie selbst feinste Unregelmäßigkeiten auf. »Auch mir rutscht natürlich mal etwas durch«, sagt sie fast entschuldigend. »Aber ich glaube, mein Hintergrund in der Kunst hilft mir, visuelle Spuren besser zu erkennen. Über die Jahre habe ich einen feinen Instinkt für Unstimmigkeiten entwickelt.«

Wie alle großen Wissenschaftsverlage nutzt auch die FEBS ein digitales Manuskript-Management-System. Dort sieht Christopher, welche Beiträge sie als Nächstes prüfen soll.

Auf potenzielle Lösungswege angesprochen, fordert Christopher vor allem eines: mehr Personal für die Qualitätssicherung, vor allem bei kommerziellen Verlagen. Außerdem klarere Verantwortlichkeiten: Wer aus der Autorengruppe hat die Experimente durchgeführt? Wer hat die Abbildungen zusammengestellt und welche Standards dienten als Orientierung? In erster Linie aber drängt sie auf einen besseren Umgang mit Rohdaten. Denn diese sind oft gar nicht verfügbar.

Die strukturellen Probleme

Stattdessen erhält Christopher auf Anfrage häufig nur komprimierte und bereits bearbeitete JPGs oder Screenshots. »Mit Originaldaten lassen sich Verdachtsfälle viel einfacher prüfen. Doch um an die Originalaufnahmen zu kommen, müssen Redakteure häufig mehrmals bei Forschenden anfragen. Und selbst dann sind die Daten oft unzureichend. All das kostet viel Zeit und Geld«, sagt sie. Erschwerend kommt hinzu, dass viele Autorinnen und Autoren nicht einmal genau wissen, was mit Rohdaten gemeint ist.

Ein strukturelles Problem, so Christopher, sei zudem das Fehlen branchenweiter Standards. Zwar existieren Richtlinien zur Dokumentation wissenschaftlicher Ergebnisse – etwa zu Bildbearbeitung, Methodentransparenz oder Metadatenpflege – , sie sind aber weder einheitlich noch verpflichtend. Hinzu kommt, dass es zwischen vielen Verlagen kaum Austausch gibt. Diese Lücken im System machen es Betrügern leicht und werden von Paper Mills regelrecht instrumentalisiert.

Tatsächlich sind in der Sleuthing-Community zahlreiche Fälle bekannt, in denen ein Manuskript wegen Integritätsproblemen von einem Journal abgelehnt wurde – nur um kurz darauf exakt in derselben Form von einem anderen Journal veröffentlicht zu werden. Mitunter sogar im selben Verlag. Für Christopher ergibt sich daraus ein paradoxer Schluss: »Manchmal ist es besser, ein problematisches Paper zu veröffentlichen und es dann sehr schnell zurückzuziehen. Sonst taucht es ungeprüft anderswo wieder auf und bleibt womöglich viel länger Teil der wissenschaftlichen Literatur.«

Schon die schiere Menge der wissenschaftlichen Publikationen lässt die Mission der beiden Bildforensikerinnen oft aussichtslos erscheinen. »Momentan fühlt es sich an, als würde man bei Dauerregen versuchen, den Boden mit einem Handtuch trocken zu wischen«, sagt Christopher.

Aber wie verändert die generative KI den Wissenschaftsbetrug mit Blick auf die Bildforensik? Noch vor wenigen Jahren galt das Motto: »A photo or it did not happen.« Nur ein Foto hat bewiesen, dass etwas wirklich passiert ist. »Davon kann jetzt keine Rede mehr sein«, sagt Bik. KI-Modelle erzeugen längst täuschend echte Bilder von Gewebe, Western Blots oder Zellkulturen – die letztlich frei erfunden sind. Und diese Fälschungen werden immer besser. »Sie enthalten keine Duplikationen oder Manipulationen mehr und ähneln echten Forschungsdaten bis ins Detail. Nur Experten mit tiefem Fachwissen erkennen vielleicht noch verräterische Einzelheiten. Das spielt den Fälschern in die Karten«, sagt Christopher. Bik geht davon aus, dass solche KI-generierten Bilder längst in wissenschaftlichen Studien verwendet werden. Noch gibt es aber kein verlässliches Werkzeug, das solche Fakes erkennt.

Vielleicht bleibt der Wissenschaft somit nur ein radikaler Schritt: nicht länger zu versuchen, Fälschungen nachzuweisen – sondern zu belegen, dass etwas echt ist.

Diese Recherche wurde vom Peter-Hans-Hofschneider-Recherchepreis für Wissenschafts- und Medizinjournalismus der Stiftung Experimentelle Biomedizin unterstützt.

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