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Familie: Wie Väter ihre Töchter prägen

Wenn es um die Entwicklung von Kindern ging, standen lange Zeit die Mütter im Mittelpunkt der Forschung. Doch männliche Bezugspersonen spielen im Leben von Mädchen eine große Rolle. Besonderen Einfluss haben Väter auf das Selbstwertgefühl und die berufliche Laufbahn ihrer Töchter.
Kleines Mädchen sitzt strahlend auf den Schultern des lachenden Vaters

Väter spielen mit ihren Töchtern, sie machen Quatsch mit ihnen, ermutigen sie und fordern sie heraus. Einer dieser Väter ist der Wissenschaftsjournalist und TV-Moderator Ranga Yogeshwar. Die Fotografin Bettina Flitner hat ihn für ihr Buch »Väter & Töchter« getroffen. Yogeshwar sagt, er habe seine Aufgabe darin gesehen, seine drei Töchter zur Angstfreiheit anzuleiten. Deshalb habe er sie als junge Mädchen einmal in New York mit einem Stadtplan losgeschickt und gesagt: »Heute Abend kommt ihr wieder, guckt euch mal ein bisschen New York an.« Die Töchter sind heute Maschinenbauerin, Informatikerin und Neurowissenschaftlerin. Sie haben sich beruflich eher an ihrem Vater, dem promovierten Physiker, orientiert. Ihre Mutter ist Sopranistin.

Wie Väter die Berufswahl ihrer Töchter beeinflussen, untersuchten vor einigen Jahren Forschende der University of British Columbia bei mehr als 300 Kindern im Alter von 7 bis 13 Jahren. Die Psychologin Alyssa Croft und ihr Team schreiben: »Wenn Väter eine gleichwertigere Aufteilung der Haushaltsaufgaben praktizierten, zeigten vor allem ihre Töchter ein größeres Interesse an einer aushäusigen Tätigkeit und an einem weniger stereotypen Frauenberuf.« Und aus den unbewussten Geschlechterstereotypen der Väter ließen sich die beruflichen Vorlieben der Töchter, nicht aber der Söhne vorhersagen.

Eine sichere Beziehung zum Vater fördert überdies den beruflichen Erfolg der Töchter. Eirini Flouri vom University College London schloss aus Daten von 13 000 Kindern, die in den Vereinigten Staaten von ihrer Geburt bis zum 33. Lebensjahr begleitet wurden, dass die berufliche Laufbahn von Frauen stärker von ihrer Beziehung zum Vater abhängt als die der Söhne.

In einer weiteren Studie, diesmal mit Kollegin Ann Buchanan von der University of Oxford, hatte sie rund 2700 britische Jugendliche zwischen 14 und 18 Jahren nach dem Verhältnis zu deren Eltern befragt. Wie involviert Väter und Mütter in das Leben ihrer Kinder waren, war für das Glück von Töchtern wie Söhnen gleichermaßen wichtig. Allerdings war der Einfluss der Väter größer. Die besondere Rolle der Vater-Tochter-Beziehung hänge damit zusammen, dass Väter bei ihren Töchtern Ehrgeiz, Selbstständigkeit und Vertrauen in die eigene Kompetenz förderten, schließt Blema Steinberg von der McGill University aus einer Literaturrecherche.

Selbstauskünfte von mehr als 500 niederländischen Jugendlichen über drei Jahre bestätigen die spezielle Verbindung. Besserte sich die Beziehung zur Mutter, veränderte sich daraufhin auch das Selbstwertgefühl entsprechend – bei beiden Geschlechtern. Eine bessere Bindung zum Vater war dagegen nur mit dem Selbstwertgefühl der Töchter verbunden, nicht mit dem der Söhne.

Die »neuen Väter« wollen die Erziehung gleichberechtigt mitgestalten

Lange kamen Väter in der Forschung überhaupt nicht vor; allein die Beziehung zur Mutter galt als wichtig. Erst in den 1980er Jahren begannen Forschende sich intensiver mit der Rolle von Vätern zu beschäftigen. Der US-Psychologe Michael Lamb gilt als einer der Begründer der Väterforschung. Sein Kredo: Die Beziehung zur Mutter sei zwar die entscheidende, aber die zum Vater deshalb längst nicht bedeutungslos.

Väter sind auch deshalb mehr in den Fokus gerückt, weil sich ihre Rolle verändert hat. Laut traditionellem Rollenverständnis waren Mütter für Haushalt und Kindererziehung verantwortlich, während die Väter die Familie zu versorgen hatten. Die »neuen Väter« sind nicht mehr die alleinigen Ernährer und wollen die Erziehung gleichberechtigt mitgestalten.

Laut dem »Väterreport« der Bundesregierung von 2018 sagen gut zwei Drittel der heutigen Väter, dass sie sich an der Erziehung und Betreuung der Kinder mehr beteiligen, als ihre eigenen Väter es taten. Sie geben zudem an, dass sie sich von der Geburt an mit um die Kinder gekümmert haben und dass sie so viel Zeit wie möglich mit ihnen verbringen wollen.

Und das ist für deren Entwicklung wichtig. Die Mainzer Psychologin Inge Seiffge-Krenke und ihr Team haben seit den 1990er Jahren Mädchen im Alter von 14 bis 21 Jahren in einer Längsschnittstudie begleitet. Die Ergebnisse seien beeindruckend gewesen, berichtet sie. »Wenn Väter die körperliche Entwicklung vorsichtig unterstützen, hatte dies sieben Jahre später noch positive Auswirkungen auf die Partnerbeziehungen der Töchter.« Sie seien in ihren Beziehungen zufriedener und glücklicher gewesen.

»Der Stresslevel ist bei Mädchen in der Pubertät oft höher als bei Jungen«, hat Seiffge-Krenke beobachtet. »Der Vater puffert den Stress bei Töchtern besser ab.« Denn Väter hätten Töchter bei auftauchenden Herausforderungen eher versichert: »Du schaffst das!« Die Unterstützung durch die Mutter sei in dieser Zeit weniger wirksam gewesen. »Frauen reden oft viel miteinander, aber häufig sind sie dabei weniger lösungsorientiert«, sagt Seiffge-Krenke. Dieses »Wiederkäuen« von Problemen sei durchaus unterstützend, könne jedoch den inneren Stress steigern.

»Väter balgen mit ihren Töchtern mehr, werfen sie in die Luft und fordern sie auch heute häufig noch mehr heraus als Mütter«
(Psychologin Petra Klumb von der Université de Fribourg in der Schweiz)

In vielen Beobachtungsstudien hat man herausgefunden, dass Väter auch anders mit ihren Kindern spielen. Eine Metaanalyse von hunderten Vater-Kind-Studien ergab, dass Väter sich im Spiel mit ihren Kindern anregender verhalten als Mütter. »Väter balgen mit ihren Töchtern mehr, werfen sie in die Luft und fordern sie auch heute häufig noch mehr heraus als Mütter«, schildert die Psychologin Petra Klumb von der Université de Fribourg in der Schweiz.

Ihre Arbeitsgruppe hat untersucht, wie sich der heutige Arbeitsalltag von Vätern auf das Familienleben auswirkt, ein Forschungsprojekt im Rahmen des Central European Network on Fatherhood (CENOF). Dazu hat sie in einem Einzelhandelsunternehmen 75 Väter befragt, die zehn Tage lang Ereignisse und Befinden notiert haben. Die Ergebnisse zeigten, dass Konflikte am Arbeitsplatz eher selten vorkamen. Umgekehrt wurde ein Schuh daraus: »Was Väter mit ihren Kindern erlebten, wirkte auf ihr Arbeitsleben zurück«, sagt Klumb. »Ein bereicherndes Spiel am Abend beflügelt einen Vater in der Arbeit. Beispielsweise nimmt er am nächsten Morgen seine Kollegen und Vorgesetzten viel positiver wahr.«

Vor allem Frauen gegenüber verhalten sich Männer mit Töchtern im Arbeitskontext spendabler, wie Michael Dahl von der Universität im dänischen Aalborg und seine Kollegen herausfanden: Wenn männliche Chefs zum ersten Mal Vater einer Tochter werden, erhöhen sie die Gehälter von Frauen, und zwar um durchschnittlich 3,2 Prozent. Einen Haken hat die Studie allerdings: Was passiert, wenn Jungs geboren werden, haben die Forscher schlicht nicht untersucht.

Wie sehr sich Väter in die Kindererziehung einbringen, hängt unter anderem von der Beziehung zur Partnerin ab. Wassilios Fthenakis, ehemals Direktor am Staatsinstitut für Frühpädagogik in München, befragte rund 1000 Paare in Deutschland zu ihrem Familienleben. Entscheidend für die Zufriedenheit der Väter war: dass die Bedürfnisse und Werte des Paares in Sachen Partnerschaft, Aufgabenteilung, Rollenvorstellungen und Zärtlichkeit übereinstimmten.

»Das Kind erwartet Menschen, die da sind, nicht, dass einer davon Geld verdient und der andere kocht«
(Psychologe Andreas Eickhorst von der Hochschule Hannover)

Aber was ist, wenn es keine klassische Vater-Mutter-Kind-Familie gibt? Viele Kinder wachsen allein bei einem Elternteil auf, bei den Großeltern, bei zwei Müttern oder zwei Vätern. Und die Rollenbilder haben sich verändert. Paare unterscheiden nicht mehr zwischen traditionell mütterlichen und väterlichen Aufgaben, weil oft beide berufstätig sind, berichtet Andreas Eickhorst von der Hochschule Hannover. »Was wir inzwischen wissen, ist, dass beide Geschlechter dieselben Kompetenzen haben – abgesehen vom Gebären und Stillen.«

Die Dreiheit habe zwar eine Bedeutung, sagt der Entwicklungspsychologe, der die Vater-Mutter-Kind-Interaktion erforscht. Er verweist auf eine Studie der Université de Lausanne. Darin hat sich gezeigt, dass Säuglinge ab dem Alter von drei Monaten mit zwei Personen gleichzeitig interagieren können, erkennbar an den Augenbewegungen. Vorher können sie zwei Interaktionspartner nicht getrennt wahrnehmen. Doch laut Eickhorst spielt es keine Rolle, ob das Vater und Mutter oder auch zwei Mütter sind. »Das Kind erwartet Menschen, die da sind, nicht, dass einer davon Geld verdient und der andere kocht.«

Auch eine Frau kann die Vaterrolle übernehmen

Eickhorst ist davon überzeugt, dass ein großer Teil des Verhaltens als Eltern auf die Rollenbilder, die die Kinder haben, zurückwirkt. Kinder haben oft die Vorstellung: Tagsüber ist Papa arbeiten, abends macht er mit ihnen Quatsch. Aber, beruhigend für die Mütter: »Papas sind nicht zwangsläufig von Natur aus die Cooleren«, sagt der Psychologe. Noch immer sei es häufig die Mutter, die mehr mit den Kindern zu Hause bleibe. Sind diese Rollen vertauscht, zum Beispiel, wenn die Väter daheim sind in der Elternzeit, dann sei auch das Bild, das Kinder von ihren Eltern haben, ein anderes.

Auch Michael Lamb, Pionier in Sachen Väterforschung, kam zu dem Ergebnis, dass ein guter Vater nicht der leibliche Vater sein müsse; er müsse nicht einmal ein Mann sein. Die Forschung legt zwar nahe, dass Väter ihre Töchter in mancher Hinsicht stärker beeinflussen als Mütter. Aber letztlich geht es um männlich konnotierte Eigenschaften, nicht um das biologische Geschlecht. Kinder brauchen feste Bezugspersonen, die sie unterstützen und ermutigen – egal ob Vater und Mutter, Stiefeltern oder gute Freunde, zwei Väter oder zwei Mütter.

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