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News: Farbenfroher Sarkophag

Wer kennt sie nicht, die strahlend weißen Marmorreliefs aus der griechischen Antike? Doch die wenigsten wissen, dass die meisterhaft gemeißelten Darstellungen ursprünglich alles andere als weiß waren, sondern mindestens ebenso gekonnt farblich in Szene gesetzt worden sind. Doch der Zahn der Zeit und mangelnde archäologische Sorgfalt ließen häufig nur wenig von der einstigen Farbenpracht übrig. Der glücklichen Fügung ist es zu verdanken, dass ein außergewöhnlich farbenfroher Sarkophag Grabräubern offenbar zu schwer war und von Archäologen weitgehend in seiner alten Schönheit restauriert werden konnte.
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Schon in der Antike öffneten Räuber gewaltsam Gräber und plünderten diese hemmungslos. Lediglich die Ruhestätten weniger bedeutsamer Persönlichkeiten, die schnell vergessen waren, überdauerten die Zeit. Doch auch heute kommen die Plünderer den Archäologen meist zuvor und nehmen alles mit, was nicht niet- und nagelfest ist. Oft genug kommt dabei sogar schweres Gerät zum Einsatz, das erheblichen Schaden an den Grabanlagen anrichtet. Doch die Diebe kümmert das nicht, solange sich die erbeuteten Schätze und Kunstgegenständen schnell zu Geld machen lassen.

Einer Gruft auf einem uralten Friedhof in Can in der Türkei rückten Grabräuber im Jahr 1998 gar mit einem Bulldozer zu Leibe. So gelang es ihnen, einen schweren Marmorsarkophag abzutransportieren. Vielleicht wurden die Diebe aber gestört, oder vielleicht war ihnen das Unterfangen doch zu mühselig, jedenfalls ließen sie den Steinsarg kurzerhand in einem Waldstück zurück und suchten das Weite.

Die örtliche Polizei, die später den Ort des Geschehens besuchte und dabei auch den aufgegebenen, schwer beschädigten Sarkophag entdeckte, verständigte alsbald das Çanakkale-Museum von dem Fund. Mitarbeiter des Museums bargen den Sarg, der offenbar beim Zurücklassen in Stücke gebrochen war. Sie versuchten jedoch nicht selbst, seine erdverkrusteten Marmorreliefs zu reinigen, obwohl unter all dem Dreck eine vielversprechende Farbenpracht hervorlugte. Stattdessen fotografierten sie den Sarkophag lediglich und schickten die Bilder an Brian Rose von der University of Cincinnati.

Rose, der in den letzten 15 Jahren unter anderem mit Manfred Korfmann von der Universität Tübingen Ausgrabungen in Troja und Umgebung durchgeführt hat, traute seinen Augen nicht: "Ich konnte nicht glauben, was ich da sah, als ich einen ersten Blick auf all die Farben warf. Es nimmt einem fast den Atem. Einige Darstellungen, insbesondere die des aufgespießten Griechen, waren beispiellos."

Rose war noch mehr beeindruckt, als er schließlich im Juni 1999 tatsächlich dem Sarkophag gegenüberstand. Er bestellte sogleich Donna Strahan ein, die Chef-Konservatorin des Asian Art Museum in San Francisco, die zu dieser Zeit gerade in der Nähe am Troja-Projekt arbeitete. Strahan sollte einen Plan zur Bewahrung des kostbaren Stücks erarbeiten.

Da alte Farbe dazu neigt, eher an verkrusteter Erde anstelle des Kunstwerks haften zu bleiben, mussten die Konservatoren mit besonderer Vorsicht und Sorgfalt vorgehen. So konnten sie beispielsweise keine Lösungsmittel zur Reinigung verwenden. Stattdessen nutzten sie Skalpelle, Pinsel und Blasebälge, um die Reliefs vom Schmutz zu befreien.

Was dabei zum Vorschein kam, war in der Tat beispiellos: Auf der breiten Vorderseite des Sarkophags ist eine bunte Jagdszene dargestellt, bei der ein Mann – vielleicht der Verstorbene selbst – vom Rücken seines Pferdes gerade ein Wildschwein erlegt. Außerdem birgt die Jagdszene eine weitere Besonderheit: Ursprünglich war hier einmal eine zweite Person zu Pferd zu sehen, die jedoch später weggemeißelt wurde – vermutlich ein Akt der Ächtung.

Auf einer der kurzen Stirnflächen des Sarkophags prangt ferner eine Darstellung des ersten Mannes, der hier offenbar in der Hitze eines Gefechts einem gefallenen griechischen Gegner seinen Speer ins Auge rammt. All diese martialischen Motive sind dabei nicht nur detailgetreu ausgemeißelt, sondern auch mit viel Farbe realitätsnah nachgemalt.

Und das macht die Sarggestaltung so einzigartig. Denn von den meisten Reliefs aus der klassischen griechischen Periode, ist nur noch der weiße Marmor übrig, wie beispielsweise bei den bekannten Parthenon-Friesen. Dabei sind diese Reliefdarstellungen nur etwa fünfzig Jahre älter als der Sarkophag von Can, der vermutlich zwischen den Jahren 400 und 375 vor unserer Zeitrechnung entstand. Selbst der als vergleichsweise "farbig" geltende Alexander-Sarkophag, der im Archäologie-Museum zu Istanbul ruht, kann da nicht mithalten.

"Eine Menge von Sarkophagen, die von frühen Archäologen gefunden wurden, sind so sehr 'gesäubert' worden, dass sie schließlich bar jeder Farbe waren", erklärt Rose. So erinnert der Can-Sarkophag daran, dass viele der schneeweißen Gebäude des klassischen Athen einst mit leuchtenden Farben verziert waren.

Bei der Ablichtung der farbenfrohen Reliefs entwickelt John Wallrodt von der University of Cincinnati im Übrigen eine interessante Methode: Anstelle den Marmor einfach zu fotografieren, hielt er ihm einen Scanner entgegen. Wie sich zeigte, war das der beste Weg, Bilder zu erhalten.

Neben all den beeindruckenden Äußerlichkeiten des Sarkophags kümmerten sich die Wissenschaftler auch um den Inhalt: Henrike Kiesewetter, eine Tübinger Kollegin von Rose, analysierte die sterblichen Überreste. Wie sich herausstellte war der Besitzer des Sargs ein junger Mann, der im Alter zwischen 20 und 30 Jahren verstarb. Vielleicht war er ein Jäger oder Krieger, wie in den Reliefs dargestellt, denn die Knochen seines linken Oberarms sowie des linken Oberschenkels wiesen mehrere verheilte Brüche auf. Diese und weitere Verletzungen könnten von einem Sturz vom Pferd während eines Kampfes herrühren.

Der Mann überlebte seine Verletzungen jedenfalls, doch werden ihm bis zu seinem Ende ein etwas verkürztes linkes Bein und entzündete Gelenke einige Schmerzen bereitet haben. Der Unbekannte starb schließlich einige Jahre später aus bislang unbekanntem Grund. Und so ruhten seine Gebeine über die Jahrhunderte, bis sein Grab eines Tages von Plünderern entdeckt wurde.

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