Direkt zum Inhalt

Soziobiologie: Faule Viecher

Es ist nicht fair, wenn einer immer nur gibt und ein anderer nur nimmt. Ein solch ungerechtes Verhältnis scheint zum Scheitern verurteilt - denn wer lässt sich schon permanent ausnutzen? Und doch gelingt es einigen Graumullen, ein derartiges Schmarotzerleben zu perfektionieren.
Damara-Graumull
Soziale Gesellschaften folgen einem einfachen Grundprinzip: Jedes Mitglied trägt seinen Teil zu den in der Gemeinschaft notwendigen Arbeiten bei. Eine klare Arbeitsteilung – ganz ähnlich wie die Bienen – praktizieren die im südlichen Afrika in Kolonien von bis zu 40 Tieren lebenden Damara-Graumulle (Cryptomys damarensis): Ein fruchtbares Männchen und eine fruchtbare Königin sorgen alleine für den Nachwuchs, während die Mehrheit der Koloniemitglieder keusch bleibt und brav die Arbeit verrichtet. Die Arbeiter pflegen das Tunnelsystem, in dem die kleinen, zu den Sandgräbern gehörenden Nager leben, besorgen Nahrung und ziehen die Jungtiere auf.

Damara-Graumulle (Cryptomys damarensis) | Mit ihren scharfen Nagezähnen graben sich die permanent unterirdisch lebenden Damara-Graumulle weitläufige Tunnelsysteme in die Erde.
Doch unter den Arbeitern gibt es einige Drückeberger: 25 bis 40 Prozent der arbeitenden Graumullbevölkerung übernehmen bei den Aufgaben nur einen verschwindend geringen Anteil von maximal fünf Prozent und überlassen den Großteil der zu verrichtenden Arbeiten den anderen Koloniemitgliedern. Nur nach Regenfällen werden die Faulenzer plötzlich aktiv, fangen an zu graben wie die Wilden und versuchen, mit anderen Kolonien Kontakt aufzunehmen oder selbst eine neue Kolonie zu gründen.

Haben diese Müßiggänger irgendeine der Graumullgesellschaft nützliche Aufgabe? Dieser Frage ging nun ein Team um Nigel Bennett von der Universität Pretoria nach. Die Wissenschaftler fingen sich dazu vor und nach Regenfall etliche Damara-Graumulle aus verschiedenen Kolonien ein und verglichen den Vorrat an Körperfett und den Energieverbrauch von fleißigen und faulen Mull-Arbeitern und von Königinnen.

Wie erwartet, brachten die verschiedenen Kasten auch ein unterschiedliches Gewicht auf die Waage: Mit durchschnittlich 85 Gramm waren die arbeitsamen Arbeiter die leichtesten Tiere, gefolgt von den Königinnen mit rund 119 Gramm. Am schwersten wogen die Faulenzer mit stolzen 136 Gramm, wobei die männlichen Drückeberger noch einmal deutlich schwerer waren als ihre weiblichen Gesinnungsgenossen. Die Faulen trugen auch wesentlich mehr Fett auf den Rippen als die Fleißigen.

Interessant war der Energiebedarf der Nager. Während der trockenen Saison verbrauchten die Königinnen und die Müßiggänger deutlich weniger Energie als ihre betriebsamen Artgenossen. In der Regenzeit änderte sich das plötzlich: Sowohl die Königinnen als auch die faulen Tiere hatten auf einmal einen höheren Energieverbrauch als die fleißigen.

Graumullhaufen | Frischer, von einem Damara-Graumull aufgeworfener Sandhaufen
Da Regen die sexuelle Aktivität und die Grabfreude dieser Tiere stimuliert und Tiere, welche die Kolonien verlassen, meist größere Exemplare sind, schließen die Wissenschaftler aus ihren Beobachtungen, dass es die Faulenzer darauf anlegen, bei günstigen Bedingungen aus der heimatlichen Kolonie auszuwandern, um sich mit fremden Tieren zu paaren. Der elterlichen Gesellschaft nutzen sie rein gar nichts, im Gegenteil: Sie arbeiten weniger und fressen mehr.

Lesermeinung

Wenn Sie inhaltliche Anmerkungen zu diesem Artikel haben, können Sie die Redaktion per E-Mail informieren. Wir lesen Ihre Zuschrift, bitten jedoch um Verständnis, dass wir nicht jede beantworten können.

Partnerinhalte