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News: Federn, Schuppen oder beides?

Der Streit um Details ist in der Wissenschaft eine nötige und oft langwierige Sache. Ein gutes Beispiel hierfür könnte sich aus dem Disput um einen vermeintlichen 'Urvogel' entwickeln, welcher 75 Millionen Jahre älter ist als der Archaeopteryx: Erkennt man nun an den Fossilien des 'Longisquama insignis' Federn oder Schuppen? Kanadische Paläontologen meinen, jetzt neue Beweise für die Schuppen-Theorie zu haben.
Bis zur Mitte dieses Jahres galt der gefiederte Kleinsaurier Archaeopteryx als "Urahn" der Vögel, und die meisten Paläontologen gingen davon aus, die Vögel stammen von kleinen, fleischfressenden Dinosauriern ab. Doch dann veröffentlichten amerikanische Wissenschaftler eine erneute Untersuchung eines eidechsengroßen fossilen Reptils, das bereits 1969 in Kirgisien gefunden wurde. Der Entdecker des Fossils hatte Körperanhänge am Rücken des Tiers ursprünglich als Schuppen bezeichnet. Nun behaupteten die Amerikaner, dieses Tier hätte Federn besessen. Da die Wissenschaftler für das Longisquama insignis getaufte Tier ein Alter von 220 Millionen Jahren ermittelten, ist es 75 Millionen Jahre älter als der Archaeopteryx und – wenn es tatsächlich Federn hatte – widerspräche es somit der Theorie, die Vögel stammten von Dinosauriern ab.

Hans-Dieter Sues vom Royal Ontario Museum in Toronto und Robert R. Reisz von der University of Toronto geben der Diskussion über die Herkunft der Vögel jetzt erneut eine Wendung (Nature vom 23. November 2000). Sie untersuchten die seltsamen, federähnlichen Strukturen auf dem Rücken des Reptils an weiteren Fossilien und kamen zu der Meinung, dass die "Federstrukturen" lange, dicke Schuppen sind, die im umgebenden Gestein schalenartige Vertiefungen hinterließen.

"Federn sind papierdünne Strukturen, aber hier kann man Tiefe erkennen, eine beträchtliche dreidimensionale Form. Das hat mit Vogelfedern nichts zu tun", kommentiert Sues. Die Struktur, die zuletzt als Kiel interpretiert worden war, erkennen die kanadischen Paläontologen nun als einfache Furche, die entlang der Schuppen verläuft, und die fedrigen Fasern, die senkrecht von dem "Kiel" abgehen, deuten sie als gewelltes Muster auf den Schuppen. Nach ihrer Ansicht nutzte das Reptil die Schuppen, um Feinde abzuschrecken oder um Sexualpartner anzulocken.

John Ruben von der Oregon State University jedoch, Co-Autor der ersten Veröffentlichung zur "Feder-Theorie", kritisiert, dass die Kollegen aus Kanada ihre Meinung mittels der schlechtesten zur Verfügung stehenden Fossilien von L. insignis gewonnen hätten. An den besterhaltenen Fossilien könnte man die Federstruktur sehr deutlich sehen. Und gerade die kielartige Struktur des von den Kanadiern untersuchten Exemplars sei stark geschädigt und abgeflacht, wohingegen sie bei anderen Funden als klares Relief erhalten sei.

Alan Feduccia, Evolutionsbiologe von der University of North Carolina, bringt schließlich noch eine weitere Überlegung ins Spiel. Er deutet die umstrittenen "Federn" als Übergangsstadium zwischen Schuppen und Federn: "Da wir wissen, dass Schuppen und Federn in einer engen Beziehung zueinander stehen, ist es nicht verwunderlich, schließlich auf so etwas zu stoßen."

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