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Neophyten: Fehlende Sippenhaft

Wie Rüpel, die sich auswärts anscheinend nicht zu benehmen wissen, machen sie sich ungehemmt auf Kosten der Einheimischen breit. Mangelnde Erziehung kann man invasiven Pflanzen natürlich nicht vorwerfen, nutzen sie doch nur die sich ihnen bietenden ökologischen Freiräume. Aber fehlende Kontrolle durch nahe verwandte Spezies hilft ihnen dabei.
Neophyten in den USA
Nichts ahnende Besucher der Hawaii-Inseln oder der Kanaren erfreuen sich immer wieder gerne an der üppigen Blütenpracht dieser beliebten Touristenziele, wo alles grünt und wuchert, was der Reisende zuhause sonst nur als Zierpflanze kennt. Ähnlich ergeht es wahrscheinlich auch landwirtschaftlich versierten Fernfahrern, denen die fetten Wiesen und Weiden der Welt nur allzu vertraut vorkommen dürften – leben dort doch allerlei bekannte Gräser der alten Heimat, denen der Sprung in die Ferne ermöglicht wurde.

Botanikern und natürlich Naturschützern sind diese Zustände jedoch ein Graus, denn wer auf Hawaii oder Teneriffa ursprüngliche Vegetation sehen möchte, der muss hoch hinauf ins Gebirge. Dort verbergen sich meist die letzten Refugien der altsiedelnden heimischen Gewächse, während das Tiefland bereits flächendeckend von den so genannten Neophyten okkupiert ist. Da aber viele der eingeschleppten Pflanzen nicht nur seltene Spezies verdrängen oder ganze Ökosysteme umbauen können, sondern oft noch immense wirtschaftliche Schäden in Land- und Forstwirtschaft oder der Fischerei verursachen, sucht die Wissenschaft schon lange nach den Ursachen dieser Problempflanzen und potenziellen Gegenmaßnahmen.

Kudzu | Kudzu – die Plage des amerikanischen Südens: Die Pflanze Pueraria montana breitet sich massiv in den Ökosystemen der USA aus und verursacht dort millionenschwere Schäden. Möglicher Grund: Ihr fehlt artverwandte Konkurrenz.
Zu den Hauptzuzugsgebieten neuer Arten zählt auch die kalifornische Florenprovinz, wo in manchen Eichen-Grasländern die Exoten manchmal fast hundert Prozent der kurzlebigen pflanzlichen Biomasse liefern. Sharon Strauss von der Universität von Kalifornien in Davis und ihre Kollegen nutzten nun die Gelegenheit, quasi direkt vor ihrer Haustür verschiedene Theorien zur Ausbreitung und Pestwerdung bestimmter Pflanzenarten zu überprüfen.

Im Widerstreit stehen dabei eine bereits von Charles Darwin erörterte Hypothese, nach der sich von außen neu ankommende Pflanzen oder Tiere besser im fremden Lebensraum ausbreiten, wenn vor Ort keine näheren Verwandten vorhanden sind. Der Grund: Sich genetisch ähnelnde Arten stimmen oft ebenso in ihren ökologischen Ansprüchen – etwa bezüglich Nährstoffbedarf oder Platzwahl – weit gehend überein, sodass sie diese ökologische Lücke nicht zur Invasion nutzen können.

In eine ähnliche Richtung geht die Gemeinsame-Feinde-Idee, da Parasiten oder Räuber leichter auf neue Spezies überspringen könnten, je mehr sie den ursprünglichen Protagonisten gleichen. Auf der anderen Seite kam eine Studie aus Neuseeland zu dem Schluss, dass gerade nahe Verwandtschaften die Ausbreitung begünstigen: Übereinstimmende Charakterzüge lassen sie entsprechend leicht die Ressourcen am Ort der Neuansiedlung gezielt zum eigenen Vorteil nutzen. Allerdings ging es bei dieser Untersuchung nur um die generelle Ansiedlung der einzelnen Arten, nicht jedoch, inwiefern sie auch zum Problemfall werden.

Um dieses Dilemma zumindest für kalifornische Grasländer zu lösen, speisten die Ökologen die bekannten Daten in ihrer Heimat vorkommender Grasarten in ein Computerprogramm ein, das ihnen rechnerisch Auskunft über die einzelnen verwandtschaftlichen Beziehungen geben sollte. Von den knapp 490 in Kalifornien vorkommenden Spezies entfielen 280 auf die Kategorie Ureinwohner, etwa 170 galten als eingeschleppt, aber harmlos, während die restlichen Vertreter zur unangenehmen Sorte der Plagen zählte.

Der vom Rechner ausgespuckte phylogenetische Stammbaum der Gewächse erbrachte dann ein eindeutiges Bild: Die 42 missliebigsten Exoten entwickelten aus mindestens zwölf voneinander unabhängigen Gründen ihre Pestilenz, sodass deren Ursache nur in den wenigsten Fällen auf gemeinsame Urahnen zurückzuführen sein könnte – im Gegenteil: Nach Auswertung der Verwandtschaftsverhältnisse rangierten die Invasoren deutlich distanziert zum gesamten Rest der jeweils heimgesuchten Lebensgemeinschaft. Eingeschleppte Spezies, die sich nur erfolgreich ansiedeln konnten, jedoch unauffällig in die vorhandenen Ökosysteme einfügten, besaßen dagegen mehrere relativ nahe Verwandte unter den ursprünglichen Ortsansässigen.

Weniger deutlich – doch immer noch vorhanden – waren die Ergebnisse bei Betrachtung einzelner Arten: Verglichen mit ihrem jeweils nächsten Verwandten waren die Beziehungen zwischen sehr erfolgreichen Exoten und der entsprechenden einheimischen Art weniger eng als jene zwischen diesen und den mäßig etablierten Spezies. Die Forscher folgern daraus, dass die Anwesenheit mehrerer Sippschaftsmitglieder in der Lebensgemeinschaft nötig ist, damit die Neuankömmlinge in Schach und damit in für das Ökosystem tragfähigen Populationen gehalten werden.

Darwin darf sich also in seiner Hypothese zur Naturalisierung von Arten bestätigt fühlen. Darüber hinaus hat die Arbeit von Strauss und ihren Kollegen auch noch einen ganz praktischen Hintergrund, denn sie ermöglicht vielleicht eine bessere Vorhersage, welche Art denn nun wo zur Plage werden könnte. Für Hawaii oder die Kanaren dürfte das wohl etwas zu spät kommen, denn hier befinden sich die Einheimischen schon in der Minderheit und werden wohl nur in streng geschützten Enklaven überleben: Reisende in Sachen Botanik sollten sich darum beeilen.

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