Direkt zum Inhalt

Mumien in der Atacama: Feuchtigkeit und Trockenheit bereicherten Totenkult

Laden...

Vor rund 7500 Jahren lebten in der Atacamawüste Angehörige der so genannten Chinchorro-Kultur, deren aufwändig präparierte Mumien seit der Entdeckung im Jahr 1917 Rätsel aufgeben. Denn so komplexe Todesriten seien eigentlich untypisch für Jäger und Sammler, meinen Pablo Marquet von der Pontificia Universidad Catolica de Chile in Casilla, Santiago, und seine Kollegen.

Auf der Suche nach einer Antwort analysierten sie nun, was die Lebensbedingungen in der nördlichen Atacamawüste zur damaligen Zeit bestimmte. Ihre demografischen Modelle zeigen, dass zwei entscheidende Umweltfaktoren zeitlich genau dann aufeinandertrafen, als die Chinchorro begannen, ihre Verstorbenen zu mumifizieren: Klimatisch bedingt erlaubten Ressourcenreichtum und Verfügbarkeit von Trinkwasser, dass sie sesshaft wurden und ihre Bevölkerung wuchs. Damit einher ging eine größere Vielfalt – und somit die Möglichkeit, dass komplexe kulturelle Strukturen entstehen.

Ferner war das Landschaftsbild zur Zeit der Chinchorro stark durch natürlich mumifizierte Leichen geprägt: Wegen der extremen Trockenheit mumifizieren Körper in Wüstenregionen, anstatt zu verwesen. Dadurch sammeln sich mit jeder Generation mehr tote, austrocknende Körper an. Das Ausmaß, in dem die Chinchorro mit dem Anblick von natürlichen Mumien konfrontiert wurden, war laut der Modelle der Forscher enorm: Jeder Chinchorro dürfte im Lauf seines Lebens mehrere tausend natürlich mumifizierte Leichen gesehen haben. Denn rund 3000 Jahre vor den Chinchorro hatten Völker auf Grund der günstigen klimatischen Bedingungen begonnen, die fruchtbaren Küstengebiete zu besiedeln. Jede der rund 100 Personen starken Gruppen hinterließ alle 100 Jahre rund 400 natürliche Mumien.

Der Totenkult der Chinchorro spricht für eine hohe Komplexität: So differenzierten sie zwischen der sozialen Herkunft ihrer Toten. Nur ein Teil der Verstorbenen – Kinder wie Erwachsene – wurde aufwändig mit schwarz und rot gefärbten Bandagen sowie mit Schilfblättern präpariert. Der Rest wurde der natürlichen Mumifizierung überlassen.

33. KW 2012

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 33. KW 2012

Lesermeinung

Beitrag schreiben

Wir freuen uns über Ihre Beiträge zu unseren Artikeln und wünschen Ihnen viel Spaß beim Gedankenaustausch auf unseren Seiten! Bitte beachten Sie dabei unsere Kommentarrichtlinien.

Tragen Sie bitte nur Relevantes zum Thema des jeweiligen Artikels vor, und wahren Sie einen respektvollen Umgangston. Die Redaktion behält sich vor, Leserzuschriften nicht zu veröffentlichen und Ihre Kommentare redaktionell zu bearbeiten. Die Leserzuschriften können daher leider nicht immer sofort veröffentlicht werden. Bitte geben Sie einen Namen an und Ihren Zuschriften stets eine aussagekräftige Überschrift, damit bei Onlinediskussionen andere Teilnehmer sich leichter auf Ihre Beiträge beziehen können. Ausgewählte Lesermeinungen können ohne separate Rücksprache auch in unseren gedruckten und digitalen Magazinen veröffentlicht werden. Vielen Dank!

Partnervideos