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Feuerökologie: Nachhaltige Feuer werden selten

Kontrollierte Feuer haben die Ökologie der Welt geprägt. Nun werden sie immer seltener - und schwer beherrschbare Wald- und Buschbrände gleichzeitig häufiger. Hängt dies zusammen?
Blattwuchs nach dem Waldbrand

In die Schlagzeilen kommen Wald- und Buschbrände meist als katastrophale Ereignisse, etwa wenn Siedlungen evakuiert werden müssen oder die Tourismuseinnahmen einer beliebten Urlaubsregion bedroht sind. Dabei gehört Feuer zu vielen Ökosystemen seit jeher dazu. Natürlich aufflammendes Feuer beispielsweise nach Blitzschlag hat Prärielandschaften und Wälder geprägt und sorgt für eine regelmäßige Regeneration des Lebensraums. Und auch der Mensch hat seit Jahrtausenden eingegriffen und mit begrenzten, kontrollierten Kleinfeuern nachhaltige Landnutzungsformen geschaffen. Welchen Einfluss der Mensch global hatte und heute hat, ist allerdings schwer abzuschätzen. Einen Versuch hat nun ein britisches Forscherteam unternommen. Es kommt zum Schluss, dass kontrollierte Kleinfeuer weltweit allmählich immer seltener werden. Womöglich sorgt dies neben Veränderungen der Ökosysteme und dem Klimawandel dafür, dass es Großbrände in Zukunft leichter haben.

Das Team um Jayalaxshmi Mistry vom Imperial College in London hat für seine Auswertung eine globale Open-Source-Datenbank für Feuerereignisse angezapft, die Livelihood Fire Database (LIFE). Darin sind die Umstände von mehr als 1700 in den verschiedensten Regionen der Erde absichtlich gelegten Kleinfeuern und Bränden aufgeführt sowie die Praxis der Brandlegung, der Feuerkontrolle und der sozialen und kulturellen Hintergründe dieser Methode. In vielen Fällen belegt die Datenbank, dass kontrolliertes Feuer eine wesentliche Lebensgrundlage vieler kleiner Selbstversorger ist und den Ökosystemen keinen nachhaltigen Schaden zufügt.

Das ist auch in den vergangenen 30 Jahren wichtig geblieben, wie die Datenbankauswertung von Feuern aus 84 Ländern der Erde zeigt. Die Gründe für kontrollierte Kleinfeuer sind dabei sehr vielfältig. Sie können dazu dienen, Raum für Weideland oder neue Anbaupflanzen zu schaffen, etwa bei Reisbauern am Indus und Ganges oder für Cashew-Plantagen in Guinea-Bissau. Feuer zu legen, erfüllt aber noch viele andere Zwecke. Die Chiquitano in Bolivien verbrennen die Bodenvegetation, weil sich dort Giftschlangen verstecken;, indonesische Stämme legen Feuer, um mit dem Qualm angriffslustige Wildbienen fernzuhalten; und die Métis in Kanada brennen totes Gras um ihre Häuser herum aus ästhetischen Erwägungen ab. Es wächst danach grüner und voller nach.

Insgesamt jedoch sank in den letzten drei Jahrzehnten die Zahl kontrollierter Kleinfeuer kontinuierlich, schreiben die Autoren der Studie, die im Fachblatt »Nature Sustainability« erschienen ist. Dies hat sehr oft ökonomische Gründe, die kleine Subsistenzbauern ihrer traditionellen Lebensweise entfremden. So sorgen Landraub und Verdrängung oft dafür, dass der Lebensraum der Menschen kleiner wird. Gelegentlich kann auch das Gegenteil der Fall sein: Cashew-Farmer etwa bearbeiten heute eher größere Ländereien, weil ihr Produkt mehr Profit abwirft. Allerdings werden auf den größeren Flächen nun seltener Brände gelegt, weil der traditionelle Ansatz zu zeitintensiv wäre. Zudem spielt die Gesetzgebung eine Rolle. Häufig werden noch immer – gerade in ehemals europäischen Kolonien – Kleinfeuer vom Staat pauschal verboten. Dabei folgt die Gesetzgebung einer Vorstellung von Feuerökologie, die sich historisch in den bioklimatischen Verhältnissen Mitteleuropas entwickelt hatte, wo Feuer im intensiv bewirtschafteten Wald wirklich gefährlich war.

Insgesamt sei der Trend zu einer nach und nach verdrängten Kleinfeuerpraxis Besorgnis erregend, schreiben die Autoren. Es könnte sein, dass dabei insgesamt die Biodiversität von Ökosystemen sinkt, die über Jahrtausende von Feuer geprägt wurden. Außerdem versiege oft – wenn auch nicht immer – die Einkommensquelle der Subsistenzbauern, und die kulturelle Identität vieler Menschen sei ebenfalls bedroht, wenn ihre traditionelle Lebensweise eingeschränkt wird. Der Verzicht auf kontrollierte Kleinfeuer könne dazu führen, dass dann Großfeuer die wuchernde Vegetation unkontrolliert vernichten – was für Ökosysteme und Menschen drastische Folgen hat.

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