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Mathematik hinter Menüentscheidungen: Feynmans Restaurant-Dilemma gibt an, wann wir Neues versuchen sollten

Sollte man das Lieblingsessen bestellen oder doch lieber etwas Neues ausprobieren? Diese Frage stellen sich Restaurantbesucher immer wieder – und die Mathematik bietet eine Lösung.
Eine Gabel mit aufgerollten Spaghetti, bestreut mit geriebenem Käse und schwarzem Pfeffer, vor einem schwarzen Hintergrund.
Pasta sind auf jeden Fall eine sichere Wahl. Aber manchmal lohnt es sich auch, etwas Neues zu riskieren.

Es ist eine Szene, die in einer Folge der US-Fernsehserie »The Big Bang Theory« hätte vorkommen können. Während eines Besuchs in einem thailändischen Restaurant machte der Physiker Richard Feynman die Essensauswahl seines Gegenübers zu einem mathematischen Rätsel: Wie abenteuerlustig sollte man sein, wenn man sich durch eine Speisekarte probiert? Feynman schrieb noch vor Ort eine Antwort in Form von Gleichungen auf ein Blatt Papier. Nun haben Verhaltensforscher die Lösung des inzwischen verstorbenen Physikers untersucht und festgestellt, dass die von ihm entwickelte Strategie tatsächlich optimal ist.

Feynmans geschildertes Problem ist wohl jedem Restaurantbesucher bekannt: Sollte man sein Lieblingsgericht bestellen oder lieber etwas Neues probieren, in der Hoffnung, etwas Besseres zu finden? Eine in der Fachzeitschrift »PNAS« veröffentlichte Studie geht auf diese Frage ein und wertet das Verhalten von Testpersonen aus, die in einem ähnlichen Setting eine Auswahl treffen sollten.

Die Verhaltenswissenschaftlerin Shoham Choshen-Hillel von der Hebräischen Universität Jerusalem erklärt, dass diese Art von Aufgabe stellvertretend für Entscheidungen in vielen verschiedenen Situationen steht und damit zahlreiche Anwendungen findet. Beispiele aus dem Alltag sind unter anderem die Wahl eines Eigenheims, die Partnerwahl sowie die Suche nach einem Parkplatz.

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Die Geschichte hinter der gegenwärtigen Studie beginnt in den späten 1970er-Jahren, als der Physik-Nobelpreisträger Richard Feynman, damals am California Institute of Technology in Pasadena, und sein Freund Ralph Leighton ein thailändisches Restaurant im nahe gelegenen Glendale besuchten. Leighton überlegte, ob er – wie immer – sein Lieblingsgericht bestellen oder den Rest der Speisekarte erkunden sollte. Feynman begann daraufhin etwas auf ein Blatt Papier zu kritzeln und behauptete, eine mathematische Lösung für Leightons Problem gefunden zu haben. In seinem vereinfachten Modell der Situation berechnete Feynman einen Schwellenwert tn, also eine Anzahl von allen Restaurantbesuchen n, ab der sich Leighton immer für sein Lieblingsgericht entscheiden und nichts Neues mehr riskieren sollte.

tn=nn+1

Feynman hatte das Restaurant-Dilemma in eine Aufgabe der Entscheidungstheorie verwandelt – eines Gebiets an der Schnittstelle von Wirtschaft und Psychologie, das bestmögliche Strategien in Ein-Personen-Spielen analysiert. Insbesondere lieferte er einen Beitrag zur größeren Familie der »Stopp-Probleme«, bei denen ein Akteur entscheiden muss, ob das aktuelle Ergebnis gut genug ist oder ob er weitersuchen soll.

Leighton bewahrte Feynmans Notizen auf und transkribierte Jahre später einen Teil der krakeligen Schrift. Leighton beschrieb seine Interpretation in einem Fachartikel, den er Anfang der 2000er-Jahre online veröffentlichte. Zehn Jahre später begann sich der Kognitionswissenschaftler Tom Griffiths von der Princeton University für die Frage zu interessieren, während er gemeinsam mit seinem Kollegen Brian Christian an einem Buch arbeitete. Griffiths transkribierte daraufhin Feynmans Notizen erstmals vollständig.

Laut Christian, der mittlerweile an der University of California in Berkeley tätig ist, hatte die Frage fast ein weiteres Jahrzehnt auf Eis gelegen, bis die beiden Forscher im Jahr 2021 beschlossen, sie erneut aufzugreifen. »Wir hatten die Bedeutung von Feynmans Notizen verstanden, aber es gab noch viel Arbeit zu erledigen«, erklärt er. Erst nachdem die zwei Forscher eine verallgemeinerte Version des Restaurant-Problems gelöst hatten, konnten sie beweisen, dass Feynman tatsächlich die optimale Lösung gefunden hatte. 

Menschliches Verhalten stimmt mit Mathematik überein

Zusammen mit dem Kognitionspsychologen Evan Russek von der City University of New York testete das Team anschließend, ob Menschen gemäß der mathematischen Lösung handeln. Dafür setzte es die Restaurantfrage als Onlinespiel um und rekrutierte 2520 Testpersonen. Diese sollten sich vorstellen, für einen Zeitraum von ein bis vier Wochen eine neue Stadt zu besuchen und jeden Abend entscheiden zu müssen, in welchem Restaurant sie essen. Die Teilnehmenden konnten Punkte für die Qualität des von ihnen gewählten Restaurants sammeln (eine Zahl zwischen 1 und 100) und wurden angewiesen, ihre Gesamtpunktzahl zu maximieren. Je näher das Ende ihres fiktiven Aufenthalts rückte, desto weniger waren die Probanden bereit, das Risiko einzugehen, neue Restaurants auszuprobieren. Ihr Verhalten folgte der Logik von Feynmans optimaler Formel.

Obwohl die Testpersonen die mathematische Gleichung nicht kannten, kam ihr Verhalten dieser sehr nahe. »Die Forscher haben gezeigt, dass sich die Menschen selbst in dieser vereinfachten Aufgabenstellung auf eine recht konsistente – und ziemlich effektive – Weise verhalten«, sagt Choshen-Hillel, »das ist ziemlich beeindruckend.«

Doch die Verhaltenswissenschaftlerin gibt auch zu bedenken, dass Feynmans Formel das menschliche Verhalten nicht vollständig modelliert. Sie berücksichtige keine Langeweile, sagt Christian, und die optimale Option bestehe darin, sich ein für alle Mal für ein Gericht zu entscheiden. Im wirklichen Leben möchte man aber vielleicht jedes zweite Mal das Leibgericht wählen und bei den anderen Besuchen die Speisekarte weiter erkunden.

»Dennoch bringt das Problem diese grundlegende Spannung, die uns im Alltag sehr vertraut ist, auf den Punkt«, erklärt Christian, »die Entscheidung zwischen dem, was man am liebsten tut, und dem Ausprobieren von etwas Neuem.«

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  • Quellen

Christian, B. et al., PNAS 10.1073/pnas.2 509 612 123, 2026

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