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Zukunft der Mathematik: »KI könnte mir irgendwann den Boden unter den Füßen wegziehen«

Jacob Tsimerman hat gerade die Fields-Medaille gewonnen – und entschieden, sich aus der mathematischen Forschung zurückzuziehen, um zu OpenAI zu gehen. Dafür erntet er Kritik. Im Gespräch erklärt er die Gründe für seine Entscheidung.
Eine Person sitzt auf einem Sofa in einem gemütlichen Raum. Im Hintergrund ist eine große Wanduhr mit arabischen Ziffern zu sehen. Rechts von der Person steht eine Tischlampe mit einem rechteckigen, weißen Lampenschirm. Die Person trägt ein hellblaues Polohemd und lächelt in die Kamera.
Jacob Tsimerman wurde unter anderem für seinen Beweis der André-Oort-Vermutung im Juli 2026 mit der renommierten Fields-Medaille ausgezeichnet.

Nur alle vier Jahre wird höchstens vier jungen Mathematikerinnen und Mathematikern weltweit die Fields-Medaille verliehen. Sie gehört zu den wichtigsten Auszeichnungen des Fachs und ehrt nicht nur die bisherigen Errungenschaften, sondern soll die Preisträger auch zu künftigen Leistungen anspornen. Umso größer war der Schock in der Mathematik-Community, als der 2026 ausgezeichnete Fields-Medaillist Jacob Tsimerman von der University of Toronto während der Pressekonferenz zur Preisverleihung ankündigte, sich aus der mathematischen Forschung zurückzuziehen und zur Techfirma OpenAI zu wechseln.

Herr Tsimerman, herzlichen Glückwunsch zum Erhalt der Fields-Medaille!

Vielen Dank.

Viele waren überrascht, dass Sie die mathematische Forschung für OpenAI verlassen.

Ich gehe zunächst in eine Auszeit und bleibe weiterhin Professor an der University of Toronto. 

Dennoch lassen Sie Ihre aktive Forschung zunächst ruhen und gehen zu einem KI-Unternehmen. Warum haben Sie sich zu diesem Schritt entschieden?

Weil mir die Sicherheit von künstlicher Intelligenz wichtig ist und ich möchte, dass sich viel mehr Menschen diesem Thema widmen. Vielleicht habe ich auch selbst etwas beizutragen.

Sie haben bisher in der analytischen Zahlentheorie gearbeitet – einem völlig anderen Forschungsbereich.

Wir brauchen viele Menschen aus verschiedensten Bereichen in der KI-Sicherheit – besonders Mathematiker könnten hier gut geeignet sein, denn KI ist inzwischen eine sehr empirische Wissenschaft. Es gibt viel »Trial and Error« – das sage ich, ohne damit die Arbeit der Forschenden auf dem Gebiet zu schmälern. Doch wenn etwas so stark empirisch geprägt ist, stößt man an Grenzen des Verständnisses. Je weniger man versteht, desto schwerer lässt sich das Verhalten von KI vorhersagen oder kontrollieren.

Wie könnten Mathematiker konkret helfen?

Ein Ansatz wäre, ein theoretisch fundiertes Verständnis dafür zu entwickeln, wie große Sprachmodelle funktionieren. Mathematikerinnen und Mathematiker sind es gewohnt, Dinge auf eine solide Basis zu stellen. Natürlich spielen auch viele andere Fachrichtungen eine wichtige Rolle. Es gibt so viel zu tun, und die Ressourcen, die wir derzeit für KI-Sicherheit aufwenden, sind bei Weitem nicht ausreichend.

Warum haben Sie sich für OpenAI entschieden? Sie könnten KI-Sicherheit auch an einer Universität verfolgen.

Ein Grund, warum ich zu einem Unternehmen gegangen bin, ist, dass ich maschinelles Lernen und insbesondere die Architektur besser verstehen möchte. Ich will den gesamten Prozess von Grund auf durchdringen. Das kann ich meiner Meinung nach dort am besten lernen.

Einige Fachleute sind von Ihrer Entscheidung enttäuscht. Eines der Ziele der Fields-Medaille besteht schließlich darin, die zukünftige Arbeit der Forschenden zu würdigen.

Die Welt verändert sich. Ein Zweck der Fields-Medaille ist es auch, Forschenden mehr Freiraum zu geben. Ich bin nicht der Erste, der seine akademische Forschung zumindest vorübergehend zurückstellt.

Warum gibt es dann diese Kritik?

Ich sehe hier vor allem zwei Aspekte: Zum einen den Wechsel zu OpenAI, zum anderen das Verlassen der Mathematik. Die Kritik am zweiten Punkt finde ich merkwürdig. Ein häufiger Vorwurf an Mathematiker lautet ja, dass reine Mathematik nutzlos sei und wir uns im Elfenbeinturm verschanzen, ohne uns mit der Welt auseinanderzusetzen. Da ist es doch seltsam, wenn man uns nun vorwirft, wir sollten wieder in den Elfenbeinturm zurückkehren.

Und was sagen Sie zur Kritik am Wechsel zu OpenAI?

Menschen achten zu Recht auf Interessenkonflikte, und das ist wichtig. Aber ich glaube nicht, dass das der einzige Aspekt ist, auf den man schauen sollte.

Sie haben in Ihrem Vortrag auf dem Internationalen Mathematikkongress gesagt, Ihnen geht es um die Zukunft von KI und Mathematik. Wie sieht die Ihrer Meinung nach aus?

Ich denke, KI wird Mathematik auf einem übermenschlichen Niveau beherrschen. Was das für die Menschen bedeutet, die weiterhin Mathematik betreiben wollen, ist schwer zu sagen. Ich wünsche mir, dass sich viele darüber austauschen und gemeinsam entscheiden, wie sich die Mathematik entwickeln soll.

Was, wenn KI die Menschen übertrifft und alle wichtigen offenen Probleme löst?

Wenn KI alle Probleme löst und es für Menschen keinen Raum mehr gibt, um an der Wissensgrenze zu forschen, bleibt Mathematik dennoch bedeutungsvoll und schön. Aber unsere Art, mit ihr umzugehen, müsste sich verändern.

Entmutigt Sie diese Perspektive, weiter Mathematik zu betreiben?

Das ist nicht der Hauptgrund für meinen Wechsel, aber ein bisschen schon. Es gibt da etwas zu betrauern, einen Verlust. Ich befinde mich gerade an einem Punkt in meiner Karriere, an dem ich einige langjährige Projekte abgeschlossen habe. Es gäbe viele neue, die ich beginnen könnte. Doch wenn ich jetzt starte, während die KI sich immer schneller entwickelt, könnte sie mir irgendwann den Boden unter den Füßen wegziehen.

Aber: Wenn ich mir keine Sorgen um KI-Sicherheit machen würde, würde ich wahrscheinlich einen Weg finden, weiterzumachen.

Sie haben als Schüler nach einer perfekten Punktzahl bei der Internationalen Mathematik-Olympiade aufgehört, an Mathematik-Wettbewerben teilzunehmen. Verlassen Sie die Mathematik jetzt, weil Sie die Fields-Medaille gewonnen haben?

Weil ich die nächste Fields-Medaille nicht gewinnen werde? Nein, das ist nicht der Fall.

Aber ich habe mich durchaus in den letzten zwei Jahren bemüht, meine Chancen auf die Fields-Medaille zu erhöhen, weil ich spürte, dass ich nahe dran war.

Wie bemüht man sich darum, die Fields-Medaille zu gewinnen?

Indem man an Themen arbeitet, die vielleicht weniger Spaß machen, aber in der Mathematik einen höheren Stellenwert haben. Vor zehn Jahren arbeitete ich mit einem Kollegen an einem Problem, bei dem wir irgendwann festsaßen. Es war ein sehr schwieriges Projekt, in das man viel Energie stecken müsste, um weiterzukommen. Und es gab mehrere solcher Fälle. Also habe ich irgendwann beschlossen, mich zwei Jahre lang auf diese Projekte zu konzentrieren. Danach könnte ich wieder zu den Themen zurückkehren, die mir Spaß machen.

Aber auch die spaßigen Teile der Mathematik können frustrierend sein, oder?

Das sage ich meinen Studierenden immer: Man muss leiden können. Mathematik kann psychologisch schwierig sein, weil Erfolge so selten sind. Ich hatte Glück und habe in meiner Karriere viel erreicht.

Wenn Ihre Forschung ein Gericht wäre, welches wäre es?

Vielleicht Shepherd’s Pie – nicht nur, weil ich das gestern gegessen habe, sondern weil ich als Kind viele Lebensmittel nicht mochte. Nach und nach habe ich mich an einzelne Zutaten gewöhnt und mich so zum Shepherd’s Pie vorgearbeitet.

War das bei der analytischen Zahlentheorie auch so?

So ähnlich. Analytische Zahlentheorie war mein unbeliebtestes Fach im Grundstudium. Dann bat ich den Mathematiker Peter Sarnak um ein Problem – und es kam aus der analytischen Zahlentheorie. Als ich mich jedoch eingearbeitet hatte, erkannte ich die Schönheit darin. Es machte viel mehr Spaß. So fand ich schließlich meinen Weg zur Hodge-Theorie, die mich anfangs sehr einschüchterte: Dort spielt Logik eine große Rolle, man lernt viele andere Dinge – und am Ende ist alles wie ein großer Shepherd’s Pie.

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