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Nichtbinäre Bestattung: Schwerter, Fibeln und drei Geschlechtschromosomen

Das Grab aus dem 11. oder 12. Jahrhundert ließ Fachleute von Anfang stutzen: Hier wurde jemand mit den Attributen von Mann und Frau bestattet. Nun fand sich ein bemerkenswertes Detail.
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Im Jahr 1968 stießen Archäologen im finnischen Suontaka Vesitorninmäki auf eine außergewöhnliche Bestattung: In dem Grab, das kaum noch erkennbare Skelettreste enthielt, lag offenbar eine Person, die die typischen Gewandfibeln der damaligen Frauentracht trug. Ein Schwert auf der Hüfte und ein weiteres mit kostbarem Bronzegriff bezeugten hingegen die Bestattung eines typisch männlichen Kriegers. Nun zeigen genetische Untersuchungen, dass die bestattete Person auch in ihrem Erbgut eine Mischung aus weiblichen und männlichen Merkmalen trug.

Ulla Moilanen von der Universität Turku und ihr Team haben sich für eine Publikation im »European Journal of Archaeology« das Grab aus dem 11. oder 12. Jahrhundert noch einmal vorgenommen. Zunächst schlossen sie aus, dass hier – wie schon die ursprünglichen Ausgräber mutmaßten – zwei Personen übereinander bestattet worden waren. Dann nahmen sie von den erhaltenen Oberschenkelknochen Proben und analysierten sie mit Hilfe von Kollegen des Jenaer Max-Planck-Instituts für die Geschichte der Menschheit.

Obwohl nur sehr wenig Genmaterial erhalten war, konnten die Fachleute mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit bestimmen, dass die bestattete Person eine Kombination aus zwei weiblichen (XX) und einem männlichen (Y) Chromosom hatte. Die Anomalie wird in der modernen Medizin als Klinefelter-Syndrom bezeichnet. Alternative Interpretationen, etwa dass in den Proben das Genom zweier Menschen vermischt wurde, ließen sich als extrem unwahrscheinlich ausschließen.

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Rekonstruierte Bestattung von Suontaka | Der oder die Bestattete war eindeutig in die Tracht der Frauen gekleidet. Das Schwert und die Gene verweisen jedoch eher auf einen Mann. Das Schwert rechts oberhalb des Kopfes wurde vermutlich nachträglich im Grab versteckt.

Moilanen und Team halten es für gut möglich, dass die unklare Rollenzugehörigkeit auf dieses vergleichsweise häufige genetische Phänomen zurückgeht. Das Klinefelter-Syndrom tritt heute rund ein- bis zweimal pro 1000 Geburten auf. Betroffene sind anatomisch eindeutig männlich. Und auch sonst können die Auswirkungen so unauffällig sein, dass die Chromosomenanomalie bei vielen Betroffenen zeitlebens nicht diagnostiziert wird. Häufig aber sind bei ihnen typisch männliche Erscheinungsformen im Körperbau und Psyche weniger stark ausgeprägt. Das äußert sich beispielsweise in geringerer Aggressivität und einem verminderten Sexualtrieb. Bei vielen sind die Hoden von nur geringer Größe, auch Unfruchtbarkeit kann die Folge sein. Bartwuchs und Körperbehaarung sind reduziert.

Im Gegenzug ruft das zusätzliche X-Chromosom eher weibliche Eigenschaften hervor, auch im Körperbau: Menschen mit Klinefelter-Syndrom haben beispielsweise häufig Ansätze für Brüste, der Körper wirkt eher rundlich, die Muskeln sind weniger stark ausgeprägt als bei typischen Männern.

Ob sich der oder die Bestattete im Grab von Suontaka als Mann oder Frau oder etwas Drittes empfunden hat, wisse man natürlich nicht, schreiben Moilanen und Team. Die meisten Menschen mit Klinefelter-Syndrom nähmen sich heutzutage als männlich wahr. Dieses Selbstverständnis sei aber an das Männer- und Frauenbild der Gegenwart geknüpft. Im mittelalterlichen Finnland könnten die Selbst- und Fremdzuschreibungen anders ausgefallen sein.

Die weitere Analyse des Grabs zeige jedoch eindeutig, dass die Person ein hoch angesehenes Mitglied der Gesellschaft war. Darauf deuten auch weitere Beigaben wie wertvolle Pelze und eine mit Federn gepolsterte Unterlage. Auch das ungeheftete Schwert, das auf der Hüfte des/der Toten gelegt wurde, ist Zeichen von Wohlstand. Das zweite Schwert mit dem reich verzierten Griff aus Bronze wurde allerdings erst später im Grab versteckt, ergab die neue Analyse.

Bestattungen mit untypischen Geschlechtsattributen finden sich immer wieder im Skandinavien der Eisenzeit. Ein berühmtes solches Grab ist das einer anatomisch weiblichen Person, die mit allen Attributen eines hochrangigen Kriegers bestattet wurde. Eine Genanalyse offenbarte 2017 diesen unerwarteten Aspekt des vermeintlichen Wikingerfürsten aus der einstigen nordischen Großsiedlung Birka.

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