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Fischerei: Geisternetze, tödliche Fallen im Meer

Umhertreibende Netz-Knäuel bedrohen Vögel, Fische, Haie und weitere Tiere. Solche Geisternetze zu bergen ist jedoch gefährlich und aufwändig. Ausgebildete Taucher, GPS und Sonar sollen helfen.
In einem losgerissenen Stellnetz ist ein Kormoran verendet.
In einem losgerissenen Stellnetz ist ein Kormoran verendet.

Die Bilder haben traurige Berühmtheit erlangt: einsam im Meer treibende Fischereinetze mit darin verhedderten sterbenden oder verendeten Fischen, Haien, Meeressäugern und Seevögeln. Diese verloren gegangenen oder absichtlich entsorgten Netze und Fischleinen verwickeln sich zu Knäueln und nehmen dabei oft noch weiteren im Wasser schwebenden Müll auf. Die Netz-Knäuel treiben schließlich mit den Strömungen durch die Ozeane und fangen dabei weiter Meerestiere. Die in den tödlichen Maschen zappelnden Tiere locken wiederum hungrige Jäger an, die sich dann ebenfalls verheddern. Sinken die Kunststoff-Gespinste zu Boden, können sie ganze Lebensgemeinschaften wie Korallenriffe oder Seegraswiesen unter sich begraben oder beschädigen. Größere Tiere verschlucken Netzteile ganz, wie der Mageninhalt eines im Jahr 2016 an der Nordseeküste gestrandeten Pottwals zeigte.

Geisternetze sind ein globales Problem in den Meeren, dessen Ausmaß niemand genau beziffern kann. Die Food and Agriculture Organization (FAO) schätzte 2018, dass jährlich 640 000 Tonnen verlorene oder aufgegebene Fischereinetze in die Ozeane gelangen, allein in den europäischen Meeren sind es wohl mehr als 1000 Kilometer Netze jährlich. In Nord- und Ostsee verwickeln sie sich oft in Knäueln an den vielen Schiffswracks und werden zu Todesfallen für zahlreiche Tiere.

Doch mit der Verbreitung der gefährlichen Netze hat sich auch eine Bewegung von Ehrenamtlichen aufgebaut, die versuchen, diese zu bergen. Kai Wallasch ist einer von ihnen. Er berichtet von einem seiner jüngsten Einsätze: Zusammen mit zwei Kollegen habe er Geisternetze bergen wollen. Das Team gehört zu den 250 Tauchern der internationalen GhostDiving-Organisation. Im trüben Nordseewasser sei in 15 Meter Tiefe eine runde Struktur auf dem Meeresboden erkennbar gewesen, berichtet Wallasch: der Kessel eines Wracks aus dem Zweiten Weltkrieg, an dem sich Geisternetze verheddert hatten.

»Ein 50 Jahre altes Sisalnetz, das von Seeanemonen, Seesternen und Seepocken besiedelt ist, hat schon Habitatcharakter. So eine Lebensgemeinschaft wollen wir nicht zerstören«Kai Wallasch, ehrenamtlicher Netze-Berger

Die drei erfahrenen Taucher sind ein eingespieltes Team: Einer hält das schwere Netz straff, damit der zweite es durchschneiden kann. Diese Arbeit ist körperlich sehr anstrengend und nicht ungefährlich, denn die Taucher könnten sich ihrerseits in Maschen und Leinen verwickeln. Darum überwacht der dritte seine Kollegen und die Zeit: Wegen der starken Gezeitenströmungen in der kalten Nordsee bleiben ihnen nur etwa 45 Minuten.

Mit über zweieinhalb Metern Sichtweite hätten sie bei diesem Tauchgang Glück gehabt, erklärt Kai Wallasch. Allerdings wirbeln die Arbeiten oft Schlamm auf, dann müssen sie sich blind mit den Händen vortasten. Stückchenweise lösen sie das teilweise im Meeresboden eingesunkene und bewachsene Gewebe. Läuft es gut, kann das Netz in größere Stücke von mehreren Metern geschnitten werden. Ist das Fischereigerät mit Stahlfäden oder Bleileinen verstärkt, kommt noch der Bolzenschneider zum Einsatz. Zuletzt sammeln sie lose herumliegende Fäden auf. Kunststoffnetze bergen sie wegen der Mikroplastik-Problematik immer, ältere Netze aus Naturmaterialien lassen sie manchmal liegen: »Ein 50 Jahre altes Sisalnetz, das von Seeanemonen, Seesternen und Seepocken besiedelt ist, hat schon Habitatcharakter, so eine Lebensgemeinschaft wollen wir nicht zerstören.«

Nach dem Tauchgang muss das stinkende, nasse Kunststoffgeflecht mitsamt seinem Metall, Sediment und anderen Verunreinigungen entsorgt werden. Oft nimmt Wallasch das Netz dann mit nach Hause, weil entsprechende Mülldeponien am Wochenende meist geschlossen sind: Würden Fischer ein verlorenes Netz beim GhostDiving-Verein melden, wäre alles einfacher, so der Aktivist: Dann könnten die Taucher es bergen, bevor es ins Sediment sinkt oder sich verknäuelt.

Schwerstarbeit unter Wasser | Taucher versuchen, im trüben Wasser ein Geisternetz zu bergen.

Mangelnde Kontrolle seitens des Gesetzgebers

Geisternetze gefährden nicht nur Bestände und Ökosysteme, sondern sind auch für die Fischerei ein großes Problem. Die Europäische Union versuche zwar der Gefahr der Geisternetze in europäischen und internationalen Gewässern entgegenzutreten, erklärt Gerd Kraus, der Leiter des Thünen-Instituts für Seefischerei in Bremerhaven: »Aber mangelnde Kontrolle verhindert eine effiziente Umsetzung von Richtlinien; und den vielen, meist regionalen Projekten mit dem Ziel, verlorene gegangene Netze zu bergen, fehlt bislang eine gemeinsame Strategie.«

So sollen Fischereigeräte wie Netze oder Langleinen laut EU-Richtlinie zwar gekennzeichnet sein und ihr Verlust müsste unverzüglich gemeldet werden, die Kontrolle dafür ist jedoch schwierig umzusetzen: »Muss ein deutscher Fischer dann auch noch damit rechnen, hohe Kosten für die Bergung eines verloren gegangenen Netzes zu tragen, ist der Anreiz, den Verlust den Behörden zu melden, nicht sehr groß.« Wenn der Fischer befürchte, dass er für zufällig aufgefischte Netze die Kosten für die Entsorgung an Land zu tragen hat, dann ist auch dafür die Motivation gering. Die meisten deutschen Fischereiunternehmen in Nord- und Ostsee sind kleine Familienbetriebe und können solche Zusatzkosten nicht tragen.

Eine Infrastruktur für die einfache und kostenlose Entsorgung von alten Netzen und anderem Kunststoffmüll in deutschen Häfen hat der NABU in Kooperation mit Fischern und mit finanzieller Unterstützung der Länder Niedersachsen und Schleswig-Holstein seit 2011 im FishingForLitter-Programm aufgebaut. »Dabei haben wir auch die Müll-Ursachen erforscht«, sagt Kim Detloff, der Leiter des NABU-Meeresschutzes. So stamme in der Nordsee etwa ein Drittel aus Schifffahrt und Fischerei. Einiges davon seien Altlasten, wie die großen Schleppnetze aus den früheren Zeiten des industriellen Fischfangs. Heute gebe es in Nord- und Ostsee fast nur noch kleine Betriebe, die sich den Verlust eines mehrere tausend Euro teuren Fischereigeschirrs nicht leisten können. »Darum versuchen Fischer verlorene Netze selbst oder mit Hilfe von Kollegen zu bergen.« Doch gerade Reparaturstücke werden manchmal von hohen Wellen ins Meer gespült, wenn die stark beanspruchten Netze gleich während der Fahrt an Deck repariert werden.

Aus dem Verkehr gezogen | Geisternetze gefährden nicht nur Bestände und Ökosysteme, sondern sind auch für die Fischerei ein großes Problem.

Schon in kleineren Netzstücken oder Leinen können sich Seehunde und Seevögel verheddern. Sie sterben dann oft langsam durch Verhungern oder an den Verletzungen. Keine Geisternetze im engeren Sinne, aber ein großes Problem in der Nordsee sind auch die so genannten Dolly Ropes: Diese kurzen, zerfransten Scheuerfäden aus Polyethylen werden in großer Menge an der Unterseite von Netzen eingeflochten – insbesondere für die Seezungen, aber auch für die Krabbenfischerei –, um die Netze bei der Grundberührung zu schützen, denn dabei schmirgeln Sand und Steinchen ständig Fasern ab. Seevögel sammeln diese Fasern als Nistmaterial, verwechseln sie mit Nahrung oder verheddern sich in größeren Knäueln. Dadurch sterben etwa in der Helgoländer Basstölpel-Kolonie immer mehr Altvögel und Küken. Darum verzichten 70 Prozent der deutschen Fischer bereits freiwillig darauf, anders als etwa ihre niederländischen Kollegen.

Mit Schallwellen auf Geisternetzjagd

Die Netze verhaken sich nicht immer an Wracks, manche sinken auch einfach zu Boden. Dann wird die Netzsuche mit Tauchern mühselig und teuer. Deshalb hat der WWF in seinem Projekt »Geisternetze aus der Ostsee bergen« eine kostengünstigere Methode erfolgreich ausprobiert: »Mit einem Sonar können wir beim einmaligen Drüberfahren einen 100 Meter breiten Streifen am Meeresboden checken. Dank der hohen Auflösung zeigt uns das Echo der Schallwellen direkt Verdachtsstellen für Netze und Leinen an, dann kann ein Taucher dort gezielt nachschauen«, berichtet die Physikerin und Umweltwissenschaftlerin Andrea Stolte, die das WWF-Projekt leitet. So habe der WWF allein vor Saßnitz auf Rügen schon mehr als 24 Tonnen der Maschengeflechte geborgen.

Viele der Geisternetze sind Reparaturstücke oder Altlasten aus der industriellen Fischerei, teilweise noch aus DDR-Zeiten: Schon damals wurden wie heute Netze aus Nylon eingesetzt. Da dieser Kunststoff schwerer als Wasser ist, sinken solche Geisternetze zum Meeresboden. Heute ist in der deutschen Ostsee die Stellnetzfischerei meist durch kleine Familienbetriebe besonders wichtig. Diese haben für den Auftrieb leichte Kunststoffschwimmer an der Oberkante und zum Absinken der Unterkante kleine, mit Polyester umschlossene Bleigewichte, erklärt Andrea Stolte. Die aufrecht im Wasser stehenden und normalerweise fest verankerten dünnen Filamente können durch Sturm oder unvorsichtige Bootsführer losgerissen werden. Da sie oft auch als Geisternetze im Wasser in Bodennähe aufrecht stehen bleiben, können sie zu Todesfallen vor allem für Plattfische und tauchende Seevögel werden.

Der Fliegende Holländer der Ostsee

In der Ostsee verfangen sich Geisternetze vor allem an den vielen Wracks oder auch an eiszeitlichen Gesteinsablagerungen, erklärt der Fischereibiologe Thomas Richter, Leiter der Fischereiaufsicht in Mecklenburg-Vorpommern. Damit gefährden sie die wirtschaftlich so wichtige Erholung des Dorschbestands. Dorsche verstecken sich in Höhlungen zwischen Steinen oder in Wracks, sie suchen dort Nahrung, verhaken sich dann oft mit den Kiemen in den Maschen der Geisternetze und sterben.

Darum hatte der WWF gemeinsam mit Kooperationspartnern 2013 das Projekt »Geisternetze in der Ostsee« gestartet. Der erfahrene Taucher und Geologe Wolf Wichmann hat diese Kartierung, Dokumentation und teilweise auch Bergung verlorener Fischereiausrüstung ehrenamtlich unterstützt. An seinen ersten Tauchgang zum »Fliegenden Holländer« vor Saßnitz (Rügen) erinnert er sich besonders gut: An einem dunklen Märztag bei weniger als 13 Grad Wassertemperatur sah er im grünlich dunklen Wasser in 20 Meter Tiefe das in Netzfragmente eingewickelte Wrack.

Da der Netzschleier an zerfetzte Segel erinnert, nennen Taucher das Wrack des um 1900 gesunkenen 20 Meter langen Seglers scherzhaft den »Fliegenden Holländer«. An solchen bedeckten Tagen ohne Sonnenschein beträgt die Sicht in der Ostsee wegen Algen und anderer Schwebstoffe meist weniger als fünf Meter, dazu kommt beim Tauchen aufgewirbeltes Sediment. Ghostnet-Fishing ist nicht ungefährlich, sagt Wichmann, schnell kann man sich mit der Ausrüstung an den Netzen verheddern. Darum sollten Taucher ohne entsprechende Schulung keinen eigenen Bergungsversuch unternehmen, sondern ihre Sichtungen über die »Geisternetze-App« des WWF melden.

Da die Fischer-Familienbetriebe der Ostsee sich den Verlust eines 100 Meter langen Stellnetzes kaum leisten können, bergen sie es mit GPS-Unterstützung meist selbst. Mit ihrem Wissen helfen viele auch im WWF-Projekt, die langfristigen ökologischen Auswirkungen von Netzverlusten auf die Meere zu verringern und die Ostsee von Plastikmüll zu befreien. Für ihre Hilfe bei der kostspieligen Bergung und Entsorgung der Geisternetz-Altlasten bekommen Fischereibetriebe im Pilotprojekt erstmals eine Aufwandsentschädigung durch das Bundesland Mecklenburg-Vorpommern. Schließlich ist die Entfernung von Müll aus der Meeresumwelt Landesaufgabe.

Allerdings ist der Netz-Materialmix aus Kunststoffen und oft auch Blei dann an Land schwierig zu entsorgen: Verschmutzter Kunststoff landet in der Müllverbrennung, Blei hingegen darf nicht verbrannt werden. »In Deutschland haben wir nach langer Suche einen Entsorger gefunden, der das Material mit großem Aufwand von Hand zerlegt und trennt«, erklärt Stolte. Damit sei im Projekt nun der ganze Prozess abgedeckt: von der Geisternetzsuche per Sonar über die Bergung durch Fischer bis zur Entsorgung der Netze. Das Land Mecklenburg-Vorpommern unterstützt das Pilotprojekt schon seit dem Jahr 2021; auch Schleswig-Holstein denkt über eine Beteiligung nach.

Zeitbombe Meeresplastik

Aber Geisternetze sind nicht nur eine akute Gefahr für Meeresbewohner, sondern auch eine langfristige: Die seit den 1960er Jahren in der Fischerei eingesetzten Kunststofffilamente verrotten extrem langsam. Es könne bis zu 500 Jahre dauern, sagt Andrea Stolte. Allerdings zerreiben Wellen und Strömungen diese Gewebe zwischen Steinen und Sand in immer kleinere Stückchen, bis sie schließlich als Mikropartikel für uns unsichtbar im Meer schweben oder sich im Sediment ablagern.

Im Plankton verwechseln dann die Fischlarven die künstlichen Partikel mit Nahrung, erklärt Gerd Kraus. Der Experte für die Reproduktionsbiologie von Fischen betrachtet die Auswirkungen des Mikroplastiks auf die Fischbestände mit Sorge: Das unverdauliche Plastik füllt den Magen, verringert das Wachstum und die Fitness der Fischlarve oder lässt sie schließlich sogar verhungern, wie Studien aus anderen Meeresgebieten gezeigt haben.

Über die Nahrungsnetze reichert sich das Mikroplastik auch in größeren Tieren wie Krebsen oder Fischen an, die zur menschlichen Ernährung gehören. Da für Muscheln die schädliche Wirkung von Plastikpartikeln schon nachgewiesen ist, befürchten Experten auch negative Auswirkungen auf die menschliche Gesundheit. Mit Hilfe von EU-Geldern bewegt sich allerdings schon heute etwas, sagt Kraus. Über den Europäischen Meeres- und Aquakulturfonds (EMFAF) werden Projekte für mehr Nachhaltigkeit in der Fischerei finanziert, etwa das Aufstellen von Containern für die kostenfreie Annahme von aufgefischten Netzen.

Außerdem, sagt Kim Detloff, müsse man endlich die Ursache des Problems angehen. So könnte man etwa mit einem veränderten Design Fanggeräte aus einem einzigen oder wenigen Kunststoffen herstellen und so konzipieren, damit sie sich später leichter trennen lassen. Das würde mehr Recycling ermöglichen und Folgekosten reduzieren. Das Problem der Geisternetze kann jedenfalls nur gemeinsam gelöst werden, darin sind sich alle Interviewten einig: durch Politik, Naturschutz, Administration, Wissenschaft und Fischerei.

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