Direkt zum Inhalt

Fischsterben: Die Katastrophe in der Oder war absehbar

Das Fischsterben in der Oder ist eine menschengemachte Katastrophe. Polnische Umweltverbände kritisieren seit Langem die starke Verschmutzung und lasche Kontrollen.
Diverse tote Fische an der Wasseroberfläche

Fische, die am Ufer verrotten, Trauermärsche in Warschau und anderen Städten, stündlich neue Schlagzeilen: Die Umweltkatastrophe an der Oder hat historische Ausmaße erreicht. Nach Schätzungen des Instituts für Binnenfischerei sind bislang 200 bis 400 Tonnen Fisch verendet – 25 bis 50 Prozent des Oder-Fischbestands. Die direkte Ursache für das massive Fischsterben, so sind sich Expertinnen und Experten einig, ist das Gift der Algenart Prymnesium parvum. Forschende des Leibniz-Instituts für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB) haben das Algengift im Oderwasser nachgewiesen, nachdem Satellitendaten zuvor bereits eine massive Algenblüte bestätigt hatten.

Wer nun annimmt, die ökologische Katastrophe im deutsch-polnischen Grenzfluss gehe auf ein natürliches Phänomen zurück, liegt falsch. Es sind wohl viele Faktoren, die im Zusammenspiel zum Fischsterben in der Oder geführt haben. Und sie sind alle menschengemacht: vom Klimawandel verursachte niedrige Wasserstände bei hohen Temperaturen, intensive Regulierungsmaßnahmen für die Schifffahrt, zerstörte Vegetation am Ufer, in ein geschwächtes Ökosystem eingeleitete Abwässer.

Nach wie vor ist unklar, woher das Salz stammt, das die Brackwasseralge Prymnesium parvum für eine massenhafte Vermehrung benötigt und von dem in der Oder erhöhte Konzentrationen nachgewiesen wurden. »Wir wissen noch nicht genau, was die Ursache für die Katastrophe war. Aber sehr wahrscheinlich gelangte im Oberlauf der Oder salzhaltiges Wasser in den Fluss. In dieser Region befinden sich viele Kohle- und Kupferminen. Es gibt keine wirklichen Kontrollen, wie viel Abwasser aus der Industrie und den Bergwerken in den Fluss geleitet wird«, erzählt Piotr Skubała, Professor am Institut für Biologie, Biotechnologie und Umweltschutz der Schlesischen Universität in Kattowitz.

Das Problem ist viel größer

Welche Rolle eingeleitete Industrie- und Kommunalabwässer in der ökologischen Katastrophe spielen, steht aktuell im Fokus der öffentlichen Debatte. Es gibt immer mehr Kritik an jahrelangen Versäumnissen und einer verspäteten Reaktion der Regierung.

Zahlen aus der polnischen Wasserbehörde (Wody Polskie) machen das Ausmaß der Verschmutzung in Polens zweitgrößtem Fluss deutlich. Deren designierter Chef, Krzysztof Woś, gab kürzlich auf einer Pressekonferenz in Warschau bekannt, dass die Behörde im Jahr 2021 mehr als 17 000 Abwasserleitungen in polnische Flüsse kontrolliert hatte, unter denen es für fast 1400 keine gültige Genehmigung gab. An der Oder fanden die Behörden 282 solcher illegalen Abwasserleitungen. »Die Verfahren zur Klärung der Frage, wem sie gehören, sind im Gange. Von diesen Fällen wurden bereits 57 der Polizei gemeldet«, sagte Woś.

Dabei sind die eingeleiteten Schadstoffe nur ein Teil des Problems. »Die Oder ist heute kein wilder, ursprünglicher Fluss mehr. Seit Jahren hat die polnische Regierung ihn reguliert, Dämme gebaut, die Vegetation am Fluss zerstört. Die Oder ist an vielen Stellen nach wie vor ein wunderschöner Fluss, aber das Ökosystem ist geschwächt«, sagt Piotr Skubała. Ein naturbelassener Fluss hat mehr Ressourcen der Selbstregulation, wodurch es vermutlich gar nicht erst zu einer derartigen Katastrophe wie in der Oder gekommen wäre.

Umweltschutzorganisationen wie die »Towarzystwo na rzecz Ziemi« bemängeln seit Langem den laschen Umweltschutz und die nicht vorhandenen Kontrollen. Kürzlich hat die Organisation eine Liste mit Faktoren veröffentlicht, die ihrer Einschätzung nach zum massiven Fischsterben an der Oder geführt haben: Hohe Flusstemperaturen und anhaltend dramatisch niedrige Wasserstände, gefährliche Chemikalien, die eingeleitet werden, mehr Phosphate und Nitrate, die in den Fluss gelangen, Vorschriften, die nicht kontrolliert werden, oder Genehmigungen, Schadstoffe einzuleiten, ohne den Flusszustand zu berücksichtigen, sind nur einige Punkte auf der Liste.

Es gibt kaum wirksame Kontrollen

Jacek Engel, Vorsitzender der NGO »Greenmind Foundation« und Leiter der »Save the Rivers Coalition«, sagte vor Kurzem in einem Interview mit dem polnischen Nachrichtenportal »Gazeta.pl«: »Einleitungen aus Kläranlagen sind die gängige Praxis.« Große Städte bemühten sich etwas mehr, aber in den kleineren Städten sei es einfach ein Drama. Dort wurden mit EU-Geldern Kläranlagen gebaut, aber es fehle das Geld, sie zu unterhalten.

»Um Kosten zu sparen, leiten sie von Zeit zu Zeit ungeklärte Abwässer in den Fluss.« Das geschehe zumeist am Wochenende, weil bekannt sei, dass am Samstag und Sonntag die Umweltschutzbehörden nicht arbeiteten. Letzteres bestätigten mehrere NGOs.

»Die Save the Rivers Coalition erhält regelmäßig Informationen über die Verschmutzung kleiner Flüsse. Niemand überwacht es«, sagt Engel. Und es werde jedes Jahr schlimmer.

Dass die Kontrollen nicht ausreichend sind, sieht auch Professor Skubała so: »Die ökologische Katastrophe an der Oder hat gezeigt, dass das komplette System des Umwelt- und Gewässerschutzes in Polen nicht funktioniert. Flüsse gehören hier in den Verantwortungsbereich des Ministeriums für Infrastruktur. Das ist falsch. Flüsse sind Teil der Natur und sollten als solche in den Bereich des Ministeriums für Umwelt fallen«, sagt der Biologe. »Die Regierung sieht in Flüssen kein komplexes Ökosystem, sondern nur eine große Menge Wasser, die für den Transport von Gütern nützlich ist.«.

Nicht nur die Oder befindet sich in einem schlechten Zustand. Laut einem Bericht des Hauptinspektorats für Umweltschutz (Główny Inspektorat Ochrony Środowiska, GOŚ) wurden im Rahmen einer diagnostischen Überwachung von 2014 bis 2019 insgesamt 4585 Oberflächengewässer bewertet, die meisten davon in den Flusseinzugsgebieten von Weichsel und Oder. Nur 50 (1,09 Prozent) Gewässer erreichten einen guten Zustand, 4535 (98,9 Prozent) bewertet die Behörde als schlecht. Schlecht bedeutet hier, dass das Gewässer einen von mehreren Parametern nicht erfüllt – dazu zählen nicht nur chemische oder physikalische Werte, sondern auch die Artenvielfalt. Bezeichnenderweise wiesen die GIOŚ-Inspektoren in ihrem Bericht für 2019 darauf hin, dass die geplante Kontrolle gar nicht überall möglich war – weil insgesamt 111 der Gewässer kein oder zu wenig Wasser führten.

Wasser ist in Polen knapp

Tatsächlich ist Polen eines der wasserärmsten Länder Europas: Laut einem Bericht der Heinrich-Böll-Stiftung lag der Jahresdurchschnitt der Wasserressourcen pro Kopf zwischen 1946 und 2016 in Europa bei 5000 Kubikmetern Wasser, während es in Polen nur 1800 Kubikmeter waren. Durch Dürreperioden verursachte niedrige Flussstände bedeuten auch, dass weniger Wasser da ist, um Schadstoffe zu verdünnen – eine tödliche Kombination.

»Studien zeigen, dass sich 97 Prozent unsere Flüsse in einem schlechten Zustand befinden. Und dabei ist die Situation sogar besser als in der Vergangenheit, weil es nun wenigstens teilweise Kontrollen der kommunalen und industriellen Abwässer gibt«, sagt Professor Skubała. »Wir haben das 21. Jahrhundert und kippen immer noch unsere Abwässer in die Flüsse. Ideen wie die saubere Industrie sind eben nur das: Ideen.« Die nächste ökologische Katastrophe also nur eine Frage der Zeit? Auch in anderen Flüssen sei im Sommer längst ein Fischsterben auf Grund von Sauerstoffmangel zu beobachten; ebenso Algenblüten, wenn auch in geringerem Ausmaß als bei der Katastrophe in der Oder.

Erst im Februar hatte die EU-Kommission angekündigt, Polen wegen Nichteinhaltung der Richtlinie über die Behandlung von kommunalem Abwasser vor dem Gerichtshof der Europäischen Union zu verklagen. Demnach verfügten in Polen »mehr als 1000 Gemeinden über keine Kanalisation für die Sammlung ihrer kommunalen Abwässer, was bedeutet, dass das Abwasser unbehandelt direkt in Flüsse, Seen oder in das Meer eingeleitet wird.«

Welche Lehren werden nun aus der Katastrophe gezogen? Der stellvertretende Minister für Infrastruktur, Marek Gróbarczyk, hat jüngst angekündigt, ein Gesetz zur Revitalisierung der Oder auf den Weg zu bringen, das unter anderem die Beschleunigung von Entscheidungsverfahren, Investitionen und finanzielle Hilfen vorsieht – sowie den Bau von Staustufen zur Verbesserung der Wasserverhältnisse.

Wie kann man der Oder helfen?

Umweltschutzorganisationen schlagen nun Alarm. In einem Schreiben der Polnischen Hydrobiologischen Gesellschaft heißt es, Staustufen würden die Geschwindigkeit des Wasserlaufs verringern und die Wassertemperatur erhöhen, wodurch sich Bakterien und Phytoplanktonorganismen vermehrten. Weitere Algenblüten wären die Folge. Weiter schreiben die Verfasser: »Während die aktuelle Katastrophe reversibel ist und der Fluss langsam wieder zu seiner normalen Funktionsweise zurückkehren kann, wird die Umsetzung von Flussregulierungsplänen ihn für Jahrzehnte zerstören.«

Auch Piotr Skubała ist schockiert über das Vorhaben. »Unsere Regierung spricht von Revitalisierung. Aber Revitalisierung bedeutet mehr Beton, mehr Staustufen, weniger Vegetation. Wenn wir den Plan der Regierung – also den Bau neuer Staustufen – umsetzen, dann gibt es keine Zukunft für die Oder. In diesem Fall hätten wir die Oder ab Juli für immer verloren.«

Was aber wäre die Lösung? Piotr Skubała und andere Forschende und Organisationen fordern, alle Regulierungsmaßnahmen an der Oder zu stoppen; ein unabhängiges, unpolitisches Gremium von Experten und Expertinnen, Forschenden und Umweltverbänden, das einen Plan zur Renaturierung der Oder ausarbeitet; die Begrenzung der Abwässer, die in die Flüsse geleitet werden; strengere Standards und Kontrollen; und – im globalen Kontext – müsse die Erderwärmung gestoppt werden und mit ihr die Dürren.

Aktuell lebt die Debatte um die Umwandlung des Unteren Odertals in einen deutsch-polnischen Nationalpark, die es bereits in den 1990er Jahren gegeben hatte, wieder auf. Bisher ist das Gebiet auf der polnischen Seite nur ein Landschaftsschutzpark mit geringerem Schutzstatus. Piotr Skubała hat jedoch noch einen anderen Vorschlag: »Wir könnten die Oder zur juristischen Person im Sinne des Gesetzes erklären. Einige andere Länder haben das bereits getan, aber nicht in Europa. Ich halte es für eine großartige Idee, den ersten deutsch-polnischen Grenzfluss in Europa als Rechtspersönlichkeit zu etablieren. Vielleicht sollten wir das jetzt zumindest diskutieren.«

Schreiben Sie uns!

Wenn Sie inhaltliche Anmerkungen zu diesem Artikel haben, können Sie die Redaktion per E-Mail informieren. Wir lesen Ihre Zuschrift, bitten jedoch um Verständnis, dass wir nicht jede beantworten können.

Partnerinhalte