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Stressforschung: Flaschengeist

Alkohol verändert die Stressreaktion, diese wiederum die Alkoholwirkung - je nach individuellem Trinkerleben.
Wer Stress hat, greift vermehrt zur Flasche. Nur warum? Dämpft Alkohol die Stressreaktion des Körpers – oder wirkt Stress umgekehrt der berauschenden Wirkung von Alkohol entgegen, so dass schlichtweg man mehr trinken muss, um den gleichen Effekt zu erzielen? Eine neue Studie deutet darauf hin, dass das Verlangen nach Alkohol in Stressituationen individuell verschieden ausfällt.

Ein Team um die Medizinerin Emma Childs von der University of Chicago (US-Bundeststaat Illinois) unterzog 25 gesunde Männer einem Standard-Stresstest: Die Probanden mussten vor Zuschauern je fünf Minuten lang frei sprechen und Rechenaufgaben lösen, während sie per Video gefilmt wurden. Anschließend verabreichten ihnen die Forscher intravenös Alkohol. Um dessen Wirkung ermessen zu können, bekamen die Probanden bei anderer Gelegenheit auch ein Placebo. Nach einem zweiten, diesmal stressfreien Kontrolltest bestimmten die Untersucher zudem die Alkoholwirkung unter normalen Bedingungen.

Vor und nach den Tests wurden jeweils alle zehn Minuten der Blutdruck, die Herzrate sowie der Gehalt des Stresshormons Cortisol im Speichel gemessen. Auch ihr subjektives Befinden und Verlangen nach Alkohol sollten die Teilnehmer einschätzen.

Siehe da: Wer Alkohol ohne Stress als stimulierend empfand, berichteten nach der schweißtreibenden Prüfung von weniger Verlangen nach Alkohol. Umgekehrt verspürten gerade jene Probanden, die sonst kaum auf den Alkohol ansprachen, unter Stress auf einmal größere Lust darauf.

Der Alkohol seinerseits veränderte aber auch die Stressreaktion: Der erwartete Anstieg von Cortisol nach dem Test blieb dann aus. Paradoxerweise hielt die psychische Anspannung jedoch länger an. Die Forscher erklären dies damit, dass die körpereigene Stressbewältigung erschwert wird, was den subjektiven Stresslevel hochtreibe.

Der Versuch, Alltagssorgen mit Alkohol fortzuspülen, ist demnach kontraproduktiv: Es dauert dann sogar länger, sich vom Stress zu erholen. Verwehren wir dem Körper, auf natürliche Weise Stress "abzubauen", so steige laut den Forschern das Risiko für stressbezogene Krankheiten - darunter auch Alkoholsucht. (se)

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  • Quellen
Alcohol. Clin. Exp. Res. 35(10), 2011

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